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    Würzburg

    Vom Flüchtling in Würzburg zum Rugby-Nationalspieler im Irak

    Halo Ali Bayez ist Kapitän der irakischen Rugby-Nationalmannschaft. Auf seiner Hose: Das Wappen des Würzburger Rugby Klubs. Den Sport entdeckte er als Geflüchteter in Franken. Foto: Rudaw TV

    Ein kühler Tag im Franso-Hariri-Stadion in der kurdischen Hauptstadt Erbil. Die Ränge der Fußballarena sind dünn besetzt, bei der Halbzeitshow spielt eine Band traditionelle kurdische Musik. Am Spielfeldrand steht eine Gruppe von Jungen und Mädchen in weißen Kampfsport-Outfits. In Reih und Glied boxen sie gegen Schatten und treten in die Luft. Nichts deutet daraufhin, dass hier etwas besonders passiert. Es ist der 20. April 2019, der "Kurdistan Sports Day". Und es ist der Tag, an dem das erste offizielle Rugby-Spiel im Irak überhaupt stattfindet.

    Die zweite Halbzeit beginnt. Auf dem Feld stehen 20 Männer. Die irakische Nationalmannschaft muss am eigenen "Strafraum", dem Mal-Feld, verteidigen. Der Gegner – die Mannschaft "Kurdistan Irregulars" aus Kurden und Ausländern - hat den eiförmigen Ball und versucht hinter die Mal-Linie der Iraker zu kommen um in Führung zu gehen. Auf politischer Ebene steckte diese Begegnung voller Brisanz. Nach dem kurdischen Unabhängigkeitsreferendum 2017 für die nordirakischen Gebiete ist die Lage angespannt. Doch hier, beim Sport, tritt das in den Hintergrund.

    Mit einem Gewicht von 90 Kilogramm ist Bayez ein Mann für die harten Fälle. Foto: Muhamad Ahmad

    Vom Geflüchteten zum Rugby-Nationalspieler

    Den Ton bei den Irakern gibt ein schnauzbärtiger, kräftiger Mann an: Kapitän Halo Ali Bayez. Der 28-Jährige mit der Nummer 22 trägt einen schwarzen Kopfschutz und als einziger Iraker keine blaue Hose. Seine ist schwarz. Auf ihr prangt das gelb-rote Wappen der Stadt Würzburg. Es ist eine Erinnerung an Bayez' Zeit in Franken, an seinen Weg vom Geflüchteten zum Nationalspieler. 

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    Bamberg: Wie Bayez Rugby entdeckte

    Hali Alo Bayez erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er zum ersten Mal Rugby begegnete. Im Sommer 2016 ist er nach Deutschland geflüchtet. Er landet in der Erstaufnahmeeinrichtung in Bamberg, die direkt neben einem Sportplatz liegt. Oft geht Bayez dort spazieren, schaut sich um. Irgendwann sieht er auf dem Platz ein paar Leute einen Sport spielen, den er noch nie gesehen hat. Auf dem Sportplatz jagen Männer und Frauen einem "komischen, eiförmigen Ball" nach. Es sieht kompliziert aus und herausfordernd. Und dem jungen Iraker gefällt, dass Frauen und Männer zusammen trainieren. "Das gibt es im Mittleren Osten nicht."

    Bayez trifft Hans Peter Höra, den Trainer des Rugby Clubs Bamberg. Die Kommunikation mit den wenige Brocken Englisch funktioniert, Bayez steigt direkt in das Training ein. Er lernt schnell: "Für Rugby braucht man einen starken Körper, aber auch Schnelligkeit." Das kann er bieten.

    Bayez musste vor dem Islamischen Staat fliehen

    Rückblende: Aus seiner Heimat flüchtete Bayez aus Angst. Im Januar 2015 hatte der Islamische Staat (IS) eine Offensive auf Bayez' Heimatstadt Kirkuk in der autonomen Region Kurdistan im Norden Iraks gestartet. Bayez - professioneller Gewichtheber, Bodybuilding-Trainer und Familienvater mit zwei kleinen Kindern - arbeitete neben dem Sport als Nachrichteneditor bei einem kurdischen Fernsehsender. Als Journalist habe er damals Drohbriefe der Terrororganisation erhalten, erzählt Bayez heute im Gespräch. Der IS habe gedroht, ihn zu erhängen, wenn er sich nicht anschließen oder das Land verlassen würde. "Ich hatte Angst, die Drohungen nahmen mir die Sicherheit im Leben."

    Für sich und seine Familie sah er keine Zukunft mehr im Irak. Anfang 2016 flog er nach Deutschland, in der Hoffnung, dass seine Familie nachkommen dürfte.

    Für Bayez eine zweite Familie: Die Jungs vom Rugby Club Bamberg. Noch heute hält er Kontakt zu vielen seiner Teamkollegen. Foto: Rugby Club Bamberg

    Peter Höra, sein ehemaliger Trainer aus Bamberg, sagt im Blick zurück: "Nicht nur vom Körper her ist Bayez ein Athlet, sondern auch von der Einstellung." Er erzählt, wie ehrgeizig Bayez sich in Bamberg einbrachte und auch außerhalb des Trainings auf dem Platz stand und Einwürfe übte: "Er wollte nicht nur ein Gastspieler, sondern ein guter Teil vom Team sein."

    Mit dem Rugby Club Bamberg sammelte Bayez 2016 erste Spielerfahrungen, bis er im Winter von den Behörden nach Würzburg versetzt wurde. "Für uns war es eine kleine Tragödie, ihn zu verlieren", sagt Höra. Nicht nur als Freund und Sportkamerad. "Hätte man ihm zwei Jahre gegeben, dann wäre er locker auf Bundesliganiveau gewesen."

    Der Abschied aus Bamberg schmerzt Bayez noch heute: "Ich hab so viele gute Leute, viele Freunde in Bamberg kennengelernt." Bei seiner Abschiedsfeier, erzählt er im telefonischen Ferngespräch aus dem Irak, habe er viele Tränen vergossen.

    Würzburg: Erste Kontakte in die irakische Rugby-Nationalmannschaft

    Bayez muss nach Unterfranken. Höra vermittelt seinen Spieler an den Würzburger Rugby Klub. Auch dort wird er ein geschätzter Teamkollege und Freund. Für den Klub spielt er in der Regionalliga Bayern, eine Klasse unter der zweiten Bundesliga. In Würzburg hat der Geflüchtete auch die ersten Kontakte in die irakische Nationalmannschaft. Bei ihm melden sich Spieler aus dem Irak, die eine Nationalmannschaft aufbauen wollen. Dazu suchen sie erfahrene Rugbyspieler mit irakischer Herkunft.

    Rugby: Die Regeln kurz erklärt
    • Ziel des Spiels ist es, den Ball von der eigenen Hälfte im gegnerischen Mal-Feld am Ende des Spielfelds abzulegen. Hierbei spricht man von einem "Versuch", der je nach Spielvariante unterschiedlich viele Punkte gibt.
    • Nach einem Versuch hat die Mannschaft, die die Punkte gemacht hat, die Chance auf eine "Erhöhung". Punkte gibt es dann, wenn der Ball erfolgreich durch ein H-förmiges Tor gekickt wird. Auch aus dem Spielfluss heraus oder nach Straftritten darf auf dieses Tor geschossen werden.
    • Um Raum zu gewinnen, wird der Ball innerhalb der Mannschaft hin und her gespielt. Mit den Händen darf er nur nach hinten gepasst werden, mit den Füssen kann er in jede Richtung gekickt werden.
    • Die gegnerische Mannschaft versucht durch "Tacklings" den Ballträger zu Boden zu bringen  und so den Ball zu gewinnen. Wie genau "getackelt", also in den Körperkontakt gegangen werden darf, variiert in den unterschiedlichen Spielarten.
    • Es gibt es zwei Teile einer Mannschaft: Die  Vordermannschaft, auch Stürmer genannt, besteht aus kräftigen Spielern, die sich hauptsächlich um die Ballsicherung durch Tacklings und in verschiedenen Standardsituationen kümmert. Hauptaufgabe der Hintermannschaft mit schnelleren und wendigeren Spielern ist es, Punkte zu erzielen.

    Sie laden Bayez ein zu einem Sichtungstraining in Stuttgart. Zehn Tage trainiert er mit den Irakern und nimmt gleichzeitig an Trainer- und Schiedsrichterlehrgängen teil. Aber dabei bleibt es vorerst. "Ich wollte in Deutschland bleiben", sagt er im Rückblick. Dem Team hilft er zunächst aus der Ferne mit seinen Trainings- und Spielerfahrungen, die er weiter in Franken sammelt.

    Asylantrag abgelehnt: Was waren die Gründe?

    Im März 2017, nach etwa einem Jahr in Deutschland, lehnen die Behörden Bayez Asylantrag ab. Vor dem Verwaltungsgericht versucht er noch gegen den Bescheid zu klagen. Es sieht schlecht für ihn aus, auch die lange Trennung von seiner Familie belastet ihn sehr. Mit seinen Kräften, sagt er, sei er am Ende gewesen: "Meine Familie hat mich gebraucht. Ich hatte Angst zurückzugehen, aber ich bin verantwortlich für die Sicherheit meiner Kinder." Das Gericht hält seine Aussagen zur Fluchtursache teils für widersprüchlich, verweist auf innerstaatliche Fluchtalternativen und die Möglichkeit, sich bei einer erneuten Bedrohung an die Behörden vor Ort zu wenden.

    Bayerische Rugby-Vereine ermöglichen Training im Irak

    Im Asylverfahren und bei der Rückreise wird Bayez von Freunden aus den fränkischen Rugby-Vereinen unterstützt. Der Vorstand des Würzburger Rugby Clubs Charles Hall erzählt, wie das Team für Bayez Spenden sammelte und bei Heim- und Auswärtsspielen mit dem Hut herum ging. "Es haben Leute gespendet, die Bayez vorher noch nie gesehen haben." Von dem Geld können die Mannschaftskollegen unter anderem Anwaltskosten für Bayez übernehmen.

    Auch beim Würzburger Rugby Klub war Bayez fester Teil der Mannschaft. Obwohl er lange verletzt war, war er bei jedem Spiel dabei und unterstützte seine Freunde vom Spielfeldrand aus. Foto: Würzburger Rugby Klub

    Bayez hat derweil den Entschluss gefasst, Rugby im Irak und in seiner Heimat Kurdistan fest zu etablieren. Deshalb bittet der Würzburger Rugby Klub bei allen bayerischen Rugby-Vereinen um Spielmaterial. Großzügig spenden die Vereine Bälle und weiche, mattenartige "Tacklekissen" zum Üben von Vollkontakt. Zurück im Irak, kann Bayez als ehemaliger Profi-Gewichtsheber auf ein Netzwerk von Sportlern und Freunden zurückgreifen. Sein Plan: Mit dem Spielmaterial aus Bayern will er in seiner Heimatstadt Kirkuk Kindern seinen neuen Sport näher bringen und eine Rugby-Schule organisieren.

    "Bei den jungen Menschen kam es gut an", erzählt er heute am Telefon. Zweimal die Woche habe er auf einem staubigen Platz bis zu 20 Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters trainiert. Nur die Eltern seien nicht begeistert gewesen. Sie lehnten den Sport als gefährlich und westlich ab. "Leider ist im Mittleren Osten nicht alles willkommen, was aus dem Westen kommt."

    Bagdad: Die Sicherheitslage erschwert das Training

    Heute trainiert Bayez so oft es geht mit der irakischen Nationalmannschaft in Bagdad, doch die Gelegenheiten sind selten. Für ihn bedeutet jedes Training fünf Stunden hin, fünf wieder zurück. Außerdem, sagt er, sei "in Bagdad die Sicherheitslage sehr schlecht". Ein Grund, warum auch das deutsche Auswärtige Amt warnt: Noch immer müsse in der irakischen Hauptstadt mit schweren Anschlägen gerechnet werden. Auch in Bayez' Heimatstadt Kirkuk, so die Warnung, gebe es "schwere Anschläge und offene bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen dem IS und irakischen Sicherheitskräften". Und in der kurdischen Hauptsatdt Erbil bestehe eine "anhaltend erhöhte Gefahr von Terroranschlägen".

    Er halte sich in Kirkuk mit Krafttraining und Joggen fit, erzählt Bayez am Telefon: "Manchmal muss auch mein Bruder herhalten." Dann wird im heimischen Garten trainiert – mit Vollkörpereinsatz.

    Bayez läuft beim "Kurdistan Sports Day" mit seinen Söhnen Mustafa und Ali auf das Spielfeld. Foto: Kurdistan Rugby

    Zurück zum 20. April 2019, dem "Kurdistan Sports Day". Beide Mannschaften sind komplett durchgeschwitzt, haben zwei Halbzeiten hart gekämpft. Am Ende liegen die "Kurdistan Irregulars" mit 22 zu 5 Punkten weit vorne. Für Halo Ali Bayez aber ist das Ergebnis Nebensache. Als er sieht, wie sich nach dem Spiel Kurden und Iraker in den Armen liegen und für ein gemeinsames Foto posieren, ist er glücklich. Er sagt: "Bei dem Spiel ging es um Respekt, Freundschaft und das friedliche Zusammenleben." Vor den Männern hätten sogar zwei Frauenmannschaften gegeneinander gespielt. Herkunft, Religion oder Geschlecht – an diesem Tag in Erbil egal. Für den ehemaligen Flüchtling aus Würzburg ist das Spiel ein Beweis, wie Sport über Ländergrenzen hinweg verbinden kann.

    So hat der Autor die Recherche erlebt
    Der Autor: Lukas Kutschera Foto: Thomas Obermeier
    Ich durfte Bayez während seiner Zeit in Würzburg kennenlernen, als ich selbst im Würzburger Rugby Klub aktiv war. Bei der Rückreise von einem Auswärtsspiel kamen wir ins Gespräch und er erzählte mir von seinem Leben in Kurdistan. Schon damals beeindruckte mich seine Geschichte. Obwohl ich selbst kein Rugby mehr spiele, verfolgte ich das Engagement der Vereine um Bayez' Asylverfahren und bekam auch am Rande mit, dass er zurück in den Irak musste. Als er im April beim ersten Rugby-Spiel im Irak überhaupt auf dem Platz stand, nahm ich wieder Kontakt auf. Bei der Recherche war Bayez' Asylverfahren für mich schwer zu verstehen. Tatsächliches Recht und mein gefühltes Rechtsempfinden scheinen weit auseinander zu liegen. Bayez' sportliche Erfolge konnte ich anhand von Fotos, Videos, Gesprächen mit Beteiligten und durch die Sozialen Medien nachvollziehen. Trotz der widrigen Umstände gibt er alles für seinen Sport, und das beeindruckt mich.

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