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    Würzburg

    Vor 75 Jahren: Als britische Luftminen auf Würzburg fielen

    Vor dem Angriff am 16. März 1945 wurden am 19. Februar Luftminen auf Würzburg abgeworfen. Der damals neun Jahre alte Berthold Brandenstein hat den Angriff mit erlebt.
    Der Luftminen-Angriff am 19. Februar richtete heftige Schäden an wie hier am ehemaligen Hof Großrambach in der Eichhornstraße 23.
    Der Luftminen-Angriff am 19. Februar richtete heftige Schäden an wie hier am ehemaligen Hof Großrambach in der Eichhornstraße 23. Foto: Geschichtswerkstatt

    Der verheerende Luftangriff britischer Bombenflugzeuge, bei denen Würzburg am 16. März 1945 dem Erdboden gleich gemacht wurde, war nicht die erste Luftattacke auf die Stadt am Main im Zweiten Weltkrieg. Schon vorher gab es vereinzelte kleinere Luftschläge, vor allem im Februar 1945. Fünfmal wurde Würzburg im Februar bombardiert, Ziele waren unter anderem die Löwenbrücke und Grombühl, die Innenstadt und der Hauptbahnhof mit seinen Bahnanlagen.

    Es gab teilweise erhebliche Zerstörungen, auch Tote und Verletzte. Einen dieser Angriffe hat am 19. Februar 1945 der damals neunjährige Bertold Brandenstein in der Marcusstraße in der Nachbarschaft des Juliusspitals miterlebt. Was er damals erlebte, hat er vor zwei Jahren mit Unterstützung des Stadtarchivs zu einem Bericht zusammengefasst und dieser Redaktion zur Verfügung gestellt.   

    In Würzburg herrschte trügerische Ruhe

    Bertold Brandenstein war im Herbst 1943 zusammen mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester von Berlin nach Würzburg evakuiert worden. Sie zogen in eine Dreizimmerwohnung in der Marcusstraße 11 "mit einmaligem Blick auf die Stadt mit ihren charakteristischen Türmen und hohen Dächern, das Käppele und die Festung, begrenzt durch den Juliusspital-Park und den Botanischen Garten", erinnert sich Brandenstein. Doch diese Idylle sollte bald ein Ende haben. 

    "Nach einem Sprengbombenangriff im Juli 1944 herrschte in Würzburg trügerische Ruhe", erinnert sich Brandenstein. "Ich hatte mir angewöhnt, nach dem Abendessen am Radio die Luftwarnmeldungen des Großdeutschen Rundfunks abzuhören. Würzburg kam in den Meldungen praktisch nie vor, meist lagen die Ziele weiter im Süden". In Erinnerung geblieben ist Brandenstein, dass in einem Schaufenster in der Kaiserstraße alliierte Bombenblindgänger ausgestellt waren. Aufgefallen ist ihm dabei eine Luftmine, "ein etwa zwei Meter hoher rostiger Stahlzylinder, unten flach, mit stumpfwinkliger Spitze war sie kaum als Bombe zu erkennen".  

    Mehrere Luftminen-Angriffe im Februar

    Am 4. Februar 1945 schlugen zwei derartige Luftminen an der Ludwigsbrücke in der Sanderau ein, was man in der Innenstadt jedoch nicht mitbekommen habe. "Als am folgenden Abend gegen 20 Uhr ein gewaltiger Donnerschlag unser Haus erzittern, traf uns dieser Einbruch in unser gemütliches abendliches Beisammensein völlig unvorbereitet", heißt es in dem Bericht. Vier Luftminen waren im Stadtgebiet eingeschlagen, eine in der Häfner-/Bronnbachergasse, eine weitere in der Ständerbühlstraße, deren Druckwelle Wohnung der Brandensteins in der Marcusstraße traf.  

    Auch am Kürschnerhof und in der Blasiusgasse richteten die britischen Luftminen am 19. Februar 1945 große Schäden an.
    Auch am Kürschnerhof und in der Blasiusgasse richteten die britischen Luftminen am 19. Februar 1945 große Schäden an. Foto: Stadtbildstelle

    Diese Luftminen-Angriffe seien vor allem mit bis dahin noch weitgehend unbekannten Mosquito-Bombern der englischen Royal Air Force durchgeführt worden, schreibt Brandenstein: "Die Mosquitos waren hauptsächlich aus Weich- und Sperrholz gebaut, die daher nicht von den deutschen  Funkmessgeräten erfasst werden konnten. Bestückt waren sie mit zwei starken Rolls-Royce-Motoren, die sie Spitzengeschwindigkeiten von bis 630 km/h erreichen ließen, so dass ihnen die deutsche Jagdwaffe nicht gefährlich werden konnte". 

    "Wir konnten alle froh sein, von diesem Inferno nicht in der Wohnung überrascht worden zu sein"
    Berthold Brandenstein

    Und dann kam der 19. Februar mit dem letzten und schwersten Luftminen-Angriff im Stadtgebiet. Die erste explodierte gegen 20.20 Uhr vor dem Echterhaus/Juliusspital. Die Familie Brandenstein und die anderen Hausbewohner waren glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt schon im Keller des Hauses versammelt. "Meine Erinnerung beschränkt sich auf eine ungeheure Detonation, offenbar ganz in unserer Nähe, deren komprimierte Druckwellen das ganze Gebäude erzittern ließen. Das Licht ging aus und von der gemauerten Natursteindecke rieselte Kalk", beschreibt Brandenstein seine Eindrücke. Alle im Keller blieben unverletzt.

    Am nächsten Morgen besuchten die Brandensteins ihre Wohnung oder das , was von ihr noch übrig war: "Der Anblick unserer einst schönen Wohnung bot ein Bild der Zerstörung, besonders das gemütliche Wohn- und Esszimmer. Durch offene Fensterhöhlen drang die Kälte ein, der Boden übersät von Glas- und Holzsplittern des hohen Fensters, zersplitterter Türen, Trümmer des grünen Kachelofens. . . Angesichts dieser unerhörten Wucht des Luftdrucks konnten wir alle froh sein, von diesem Inferno nicht in der Wohnung überrascht worden zu sein", schreibt Brandenstein.

    Warnangriffe für die Bevölkerung?

    Mit diesen Worten schließt Bertold Brandenstein seinen Bericht: "Meiner Familie blieb jedenfalls an dem grau-frostigen Morgen des 20. Februar nichts anderes übrig als die Koffer zu packen und Würzburg in Richtung Rhön zu verlassen. Vier Wochen später standen von unserem Haus nur noch die Außenmauern. . ."

    Brandenstein hat sich auch Gedanken darüber gemacht, warum die britische Luftwaffe vor der endgültigen Vernichtung der Stadt derartige Minenangriffe auf Würzburg geflogen hat. Am wahrscheinlichsten hält er es, dass es sich dabei um Warnangriffe für die Bevölkerung handelte. Er erklärt dies unter anderem damit, dass  zahlreiche Wohnungen bei den herrschenden winterlichen Temperaturen kaum noch bewohnbar waren. 

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