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    Warum Alleinerziehende besonders oft von Armut bedroht sind

    Die Daten zeigen: Besonders oft sind Alleinerziehende von Armut betroffen.   Foto: Peter Kneffel, dpa

    Kein Dach über dem Kopf, ein leerer Kühlschrank oder ein Konto in den roten Zahlen: Das alles assoziert man mit Armut. Doch was steckt wirklich hinter diesem Begriff? Im Interview spricht Professor Mark Trappmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg darüber, was Armut aus Sicht der Wissenschaft bedeutet, wie die Situation in Unterfranken aussieht und welche Ursachen es überhaupt dafür gibt, dass Leute arm werden. Mit Blick auf die jüngste Vergangenheit kommt der Experte außerdem zu dem Schluss: Eine prosperierende Wirtschaft schützt nicht vor wachsender Armut.

    Frage: Herr Professor Trappmann, wer gilt in Deutschland denn als arm?

    Mark Trappmann: Als Hauptindikator für Armut hat sich in der öffentlichen Diskussion die sogenannte Armutsgefährdungsquote etabliert. Diese Definition ist sehr komplex und muss schrittweise erklärt werden. Ausgangspunkt ist das Haushaltsnettoeinkommen. Dabei handelt es sich um die Summe aller Einkommen eines Haushalts nach Abzug von Steuern und Sozialleistungen. Dann guckt man sich die Einkommensverteilung in Deutschland an. Dabei betrachtet man nicht den Durchschnitt, sondern die Mitte. Also den Punkt, an dem die Hälfte der Haushalte mehr hat und die andere Hälfte weniger. Haushalte, denen weniger als 60 Prozent dieses mittleren Einkommens zur Verfügung steht, gelten als armutsgefährdet. Wie viel Geld das dann ist, hängt vom Wohlstand des jeweiligen Landes ab. 

    Wie viel ist das in deutschen Haushalten?

    Trappmann: Die Armutsgefährdungsschwelle für Deutschland lag laut den Daten des Sozio-ökonomischen Panel im Jahr 2016 bei 1120 Euro pro Monat für einen Einpersonenhaushalt. Für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Schwelle bei 2352 Euro.

    Was bedeutet das für die Betroffenen von Armut gefährdet zu sein?

    Trappmann:  In den wenigsten Fällen bedeutet das, dass man nicht genug zu Essen hat; das ist in Deutschland selten ein Problem. Dieser Punkt ist vielleicht nicht jedem klar, wenn über Armut gesprochen wird. Nichtsdestotrotz müssen Betroffene erhebliche Abstriche in Kauf nehmen. Insbesondere was die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben betrifft. Nicht nur, ob sie ins Restaurant gehen, in den Urlaub fahren oder ein Auto haben: Wer von Armut gefährdet ist, muss auch überlegen, ob er Freunde nach Hause einlädt. Das ist im Grundbudget oft nicht mehr enthalten.

    Mark Trappmann, Leiter des Panels Arbeitsmarkt und soziale Sicherung am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Foto: Nicolas Bettinger
    Kann man Armut in Deutschland mit Armut in anderen Ländern vergleichen?

    Trappmann: Im globalen Vergleich spielt auch das Konzept absoluter Armut eine Rolle. Das bedeutet, dass man nicht genug hat, um wesentliche Bedürfnisse zur Lebenserhaltung vernünftig zu befriedigen. Für diese Armutsschwelle gibt es von der Weltbank eine Definition. Sie liegt bei knapp unter zwei US-Dollar pro Person am Tag. Diese Art von Armut spielt hier allenfalls am Rande eine Rolle. Bei Obdachlosen zum Beispiel, die sozialstaatliche Leistungen nicht in Anspruch nehmen. Oder bei illegal hier lebenden Menschen, die solche Leistungen vielleicht nicht in Anspruch nehmen können.

    Wie entwickelt sich denn die Zahl der Personen, die von Armut bedroht sind in Deutschland?

    Trappmann: Die Armutsgefährdungsquote liegt bundesweit bei 15,8 Prozent. Das entspricht 13 Millionen Menschen, die armutsgefährdet sind. Mit Blick auf die Daten muss man festhalten: In den wirtschaftlich guten 2010er Jahren hat die Armutsgefährdungsquote auf keinen Fall abgenommen. Im Vergleich zu den frühen 2000er und 90er Jahren hat sie in Deutschland sogar zugenommen. Das heißt: Trotz einer guten wirtschaftlichen Lage und abnehmender Arbeitslosigkeit ist die Armut größer geworden. Überwiegend ist dieser Anstieg am Arbeitsmarkt entstanden. Die mittleren Einkommen haben sich positiv entwickelt, für den großen Niedriglohnsektor trifft das Gegenteil zu. 

    Die Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 60 Prozent des Mittleren Einkommens der Bevölkerung eines Landes.  Foto: Grafik: Christopher Walter
    Wie ist die Situation in Unterfranken?

    Trappmann: Unterfranken liegt mit einer Gefährdungsquote von 13,6 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt –aber über dem bayerischen Durchschnitt, der bei nur 12,1 Prozent liegt. Außerdem gibt es in Unterfranken drei sogenannte Raumordnungsregionen: Würzburg, Main-Rhön und Bayerischer Untermain. Diese liegen alle relativ nah beieinander. Nur Würzburg ist mit 14,3 Prozent etwas höher. Das ist aber nicht ungewöhnlich, dass sich Armut in den größeren Städten konzentriert.

    Gibt es Bevölkerungsgruppen, die besonders von Armut bedroht sind?

    Trappmann: Von allen demografischen Gruppen sind die Alleinerziehenden am stärksten betroffen. Denn in der Regel können sie nur eingeschränkt erwerbstätig sein. Gleichzeitig muss das Einkommen für einen Mehrpersonenhaushalt reichen. Das funktioniert in vielen Fällen natürlich nicht. Aus diesem Grund liegt die Armutsgefährdungsquote hier bei fast 40 Prozent. 

    "Arme sterben früher. Das ist die fundamentalste Art der Benachteiligung."
    Professor Mark Trappmann, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
    Was sind überhaupt die Ursachen dafür, dass jemand arm wird?

    Trappmann: Die Armutsforschung unterscheidet zwischen zwei Ursachen: Den kritischen Lebensereignissen und der Humankapital-Ausstattung. Zu Ersteren zählt häufig der Verlust des Arbeitsplatzes. Leider gehören aber auch Geburten zu den typischen Ereignissen, die Einkommensschocks auslösen. Denn was bedeuten Geburten? Dass ein Elternteil die Arbeit zeitweise einschränkt. Gleichzeitig steigt aber auch der finanzielle Bedarf durch ein Kind. Entsprechend sind auch die Haushalte mit vielen Kindern stärker von Armut gefährdet. Wenn man von einzelnen Lebensereignissen absieht, dann ist der Hauptfaktor Bildung. Wenn der Haupteinkommenbezieher in einem Haushalt keinen beruflichen Abschluss hat, liegt die Armutsgefährdungsqoute ungefähr bei 40 Prozent. Wenn er einen Abschluss von der Universität oder der Fachhochschule hat, liegt sie bei nur fünf Prozent.

    Ist Armut vererbbar?

    Trappmann: Es gibt genug Indizien, dass Personen, die in armen Haushalten aufwachsen, auch ein größeres Risiko haben, selbst wieder arm zu werden. Zum Beispiel, dass Kinder aus Hartz-4-Familien eher Probleme am Arbeitsmarkt haben. Aber: Es ist erstaunlich schwer, das wissenschaftlich gut zu untersuchen. Was man braucht, ist einen Datensatz, in dem man über 20 oder 30 Jahre Personen beobachtet, die in armen Familien aufgewachsen sind. Vor allem über die Mechanismen, die zur Vererbung von Armut führen, müssen wir auch noch viel lernen. Es stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt die Bildung des Kindes, seine genetische Ausstattung, die Nachbarschaft oder die Schule, auf die es geht?

    Auf welche Lebensbereiche hat Armut einen Einfluss?

    Trappmann: Armut hängt sehr stark mit allen Lebensbereichen zusammen. Zum Beispiel mit der Gesundheit. Der extremste Indikator ist: Arme sterben früher. Das ist die fundamentalste Art der Benachteiligung; Arme haben ein kürzeres Leben. Wenn ich mich nicht gesund ernähren oder mir gewisse Medikamente nicht leisten kann, schadet das möglicherweise meiner Gesundheit. Genauso die Sorgen und der erhöhte Stress, die ich in Armut habe. Das ist plausibel. Aber das funktioniert auch umgekehrt: Leute die krank werden, verarmen natürlich auch eher, weil sie dadurch am Arbeitsmarkt nicht so leistungsfähig sind. Der Zusammenhang ist sehr komplex. Und was Ursache und was Wirkung ist, lässt sich nicht so einfach sagen.

    Mark Trappmann
    Professor Mark Trappmann ist 48 Jahre alt. Geboren wurde der promovierte Soziologe in Duisburg – der Großstadt mit der höchsten Armutsgefährdungsquote in Deutschland. Seit 2006 leitet er das "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung" (PASS) im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Dabei werden Personen über mehrere Jahre befragt. Die gesammelten Daten sollen laut IAB eine detaillierte Beschreibung und Analyse der Lebenslagen von Leistungsempfängern und von einkommensschwachen Haushalten erlauben. Außerdem ist Trappmann Inhaber der Lehrstuhls für Soziologie, insbesondere Survey-Methodologie, an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

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