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    OBERPLEICHFELD

    Warum Angelika Kirchner von ihren Protagonisten selbst überrascht ist

    Buchhändlerin, Mutter und jetzt auch Jugendbuchautorin: Angela Kirchner aus Oberpleichfeld liest am Donnerstag, 28. Januar, in Würzburg aus ihrem Erstlingswerk „Über den Dächern wir zwei“. Foto: Traudl Baumeister

    Angela Kirchner aus Oberpleichfeld ist Buchhändlerin. Am Donnerstag, 28. Januar, um 15 Uhr, aber hat sie bei ihrem Arbeitgeber, der Firma Hugendubel einen Auftritt in anderer Funktion: Die 33-Jährige stellt dort ihr Erstlingswerk vor, ein Jugendbuch. Sie hat es nicht etwa im Eigenverlag veröffentlicht, als Selfpublisher, wie man heute sagt. Ihr Jugendroman „Über den Dächern wir zwei“ wurde verlegt vom Verlag oetinger34. Diese Onlineplattform ist ein Start-up-Unternehmen, hervorgegangen aus dem renommierten Kinderbuchverlag Friedrich Oetinger.

    Frage: Erst Buchhändlerin, jetzt Autorin. Bücher gehören scheinbar zu ihrem Leben?

    Angelika Kirchner: Das schon. Allerdings war Buchhändlerin nicht mein erstes Berufsziel. Hierfür habe ich mich nach einem kurzen Studium erst später entschieden.

    Welches Studium haben sie abgebrochen?

    Kirchner: Das war Biologie. Ich bin da, wie ich zugeben muss, mit sehr idealistischen Vorstellungen rangegangen. Ich habe geträumt von einem Leben auf dem Meer und im Urwald. Es wurde mir schnell klar, dass auf eine Biologin in Würzburg, mitten im Binnenland, eher ein Leben im Labor wartet. Um eine neue Richtung zu finden, habe ich unterschiedliche Praktika gemacht, unter anderem in der Tierklinik, als Floristin und bei vier Buchhandlungen. Schließlich habe ich mich für meinen jetzigen Arbeitgeber entschieden.

    Und wie kamen Sie zum Schreiben?

    Kirchner: Geschrieben habe ich schon seit meinem 13. Lebensjahr. Was man in dem Alter halt so schreibt: Ich habe Fanfiction oder Lieblingsbücher und -filme weitergesponnen. Gelesen hat das aber kaum jemand. 2007 habe ich dann mein erstes großes Projekt begonnnen. Damals plante ich, mein Buch im Selfpublishing zu veröffentlichen. Ich habe mich in diese Szene eingearbeitet, viele Kontakte geknüpft. Ich stehe zum Beispiel bei Roman Rausch (Anm.: ehemaliger Main-Post-Mitarbeiter und heute Rowohlt-Autor) zweitem, selbst veröffentlichten Buch als Lektorin mit drin, noch unter meinem Mädchennamen. Im Kontakt mit erfahrenen Leuten haben ich dann gemerkt, dass mir Entscheidendes fehlte: Es flutschte immer eine Zeit lang richtig gut. Aber ich habe mich immer wieder festgeschrieben.

    Inwiefern?

    Kirchner: Ich bin nicht weitergekommen, landete oft in einer Sackgasse, wusste nicht, wie ich da wieder rauskommen, die Story auflösen sollte. Ich hatte keinen Plot, keinen Kapitelplan, wusste nicht, wo ich mit meiner Geschichte hin wollte. Das war der Grund, warum ich mich schließlich entschlossen habe, eine Ausbildung fürs Schreiben zu machen, sozusagen ein Fernstudium für Kinder- und Jugendbuchautoren.

    Das haben Sie jetzt hinter sich?

    Kirchner: Noch nicht ganz. Ich habe nach der Geburt meines Sohnes vor zwei Jahren damit begonnen. Es endet jetzt im Herbst, praktisch mit dem Ende meiner Elternzeit.

    Entstand das jetzt veröffentlichte Buch also im Rahmen dieses Studiums?

    Kirchner: Indirekt schon. Eine der Einsendeaufgaben lautete, einen Dialog zu schreiben, wie er in einem Jugendbuch vorkommen könnte. Dieser Dialog ist jetzt die zweite Dachszene in meinem Buch.

    Sie haben also den Rest der Geschichte hinterher außenrum gestrickt?

    Kirchner: Sozusagen. Auf der Plattform oetinger34 – hier muss man sich mit Leseproben bewerben, um überhaupt als Autor zugelassen zu werden – hatte ich das Glück, dass meine Dialogszene einer Lektorin in Ausbildung gefiel. Mit ihr gemeinsam habe ich in 3,5 Monaten die ganze Story entwickelt. Sie hat mir wirklich viel geholfen.

    Wie ging es dann weiter?

    Kirchner: Wir haben bei oetinger34 an einem Wettbewerb teilgenommen. Man reicht sein Buch ein und jeder aus der Community wählt seine Top drei. Der Sieger wird auf jeden Fall veröffentlicht. Aus den Plätzen zwei bis zehn wählt dann das Lektorat noch weitere Bücher aus, die ins Programm passen. Meines war dabei.

    Und wurde sofort veröffentlicht?

    Kirchner: Nein. Am 16. März 2015 habe ich erfahren, dass ich, beziehungsweise wir genommen werden. Danach wurde das Buch noch einmal professionell lektoriert, beispielsweise wurde eine andere Szene als Einstieg gewählt und das Ende geändert.

    Konnten Sie das so einfach akzeptieren?

    Kirchner: Manchmal fällt das schon schwer. Wobei ich sagen muss, dass Romanfiguren ohnehin ein Eigenleben entwickeln. Manchmal überrascht mich selbst, was mein Protagonist tut. Lektoren haben oft gute Ideen. Die Einstiegsszene etwa geht jetzt gleich in medias res. Und mein eigener Schluss war doch etwas hart.

    Wie ging es ihnen, als sie das Buch in Händen hielten?

    Kirchner: Auf der einen Seite bin ich stolz. Der Oetinger Verlag ist ja nicht irgendwer, er hat zum Beispiel Astrid Lindgren veröffentlicht. Auf der anderen Seite habe ich immer noch das Gefühl, als tue ich das alles für jemand anderen. Als wäre das gar nicht ich, um den es geht.

    Wird es eine Fortsetzung geben?

    Kirchner: Von dem Buch nicht. Generell schon. Immerhin hat meine Verlagslektorin schon vorgefühlt und ich habe auch schon wieder Kapitel geschickt. Allerdings eine ganz andere Geschichte, eine Jugendgeschichte mit Fantasyeinschüben. Urban Fantasy nennt man das im Fachjargon heut. Hier wäre eine Fortsetzung möglich. Das Buch muss aber beim Verlag auch ins Programm passen.

    Kleinkind, Studium, Hund und Haushalt – wann schreiben Sie überhaupt?

    Kirchner: Als mein Sohn noch nicht in der Krippe war, während seines Mittagschlafes und jeden Abend. Jetzt habe ich etwas mehr Zeit – bis ich Ende September das Arbeiten wieder anfange.

    Für andere Hobbys bleibt da wohl keine Zeit?

    Kirchner: Nein. Obwohl ich schon auch mal gerne ins Kino gehe oder bestimmte Fernsehserien liebe, wie etwa die Anwaltsserie „Suits“. Die hat so tolle Dialoge, dass ich mir die Drehbuchschreiber am liebsten in den Keller sperren würde. Auf Leinwand und Bildschirm mag ich vor allem keine Realität, eher Tim-Burton-Filme und etwas morbiden Humor.

    Zur Person

    Angela Kirchner wurde 1982 in Jena geboren. Im Jahr 2002 kam sie zum Studium der Biologie nach Gerbrunn, das allerdings brach sie ab und wechselte dann zur Buchhandlung Hugendubel, wo sie die Ausbildung zur Buchhändlerin absolvierte und übernommen wurde. 2011 zog sie mit ihrem Mann Michael, er arbeitet als Krankenpfleger an der Universitätsklinik Würzburg, nach Oberpleichfeld ins eigene Haus um. Seit der Geburt ihres Sohnes befindet sie sich (noch bis Herbst 2016) in Elternzeit und will bis dahin auch ihr Fernstudium zum Kinder- und Jugendbuch mit Zertifikat abschließen.

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