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    Würzburg

    Warum Würzburg keine Chance gegen Weimar hatte

    Hoftheater Weimar statt Würzburger Residenz: Am 6. Februar 1919 tritt die Verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung erstmalig zusammen, die Eröfffnungsrede hält der Volksbeauftragte Friedrich Ebert. Es hätte auch in Würzburg sein können . . . Foto: dpa

    Würzburgs Erster Bürgermeister Andreas Grieser und der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner sind grundverschiedene Leute. Aber eine Idee verfolgen sie gemeinsam: dass die verfassunggebende Nationalversammlung ab Februar 1919 in Würzburg stattfinden solle. Setzen sie sich durch, heißt das neue Deutschland Würzburger Republik.

    Der Bürgermeister fädelt das Unternehmen im Geheimen ein. Die Würzburger erfahren am 23. Dezember 1918 durch eine kurze Meldung im "Würzburger General Anzeiger" (WGA), dass ihre Stadt im Gespräch sei - wie Berlin, Leipzig, Bamberg, Frankfurt am Main oder Weimar. Der WGA wusste außerdem, dass die Versammlung wahrscheinlich in einer Kirche oder einem Schloss stattfinden werde und dass 2000 bis 3000 Personen teilnehmen würden. Dass Grieser seine Fäden spinnt, berichten die Würzburger Zeitungen nicht. Offenbar wissen sie nichts davon.

    Wollte die Nationalversammlung 1919 nach Würzburg holen: Bürgermeister Andreas Grieser. Foto: MP-Archiv

    Womöglich wären Griesers und Eisners Absichten vergessen, hätte nicht Heinrich Dunkhase (1941 bis 1982), ab 1973 Chef des Stadtarchivs, nachgeforscht. In einem 1978 erschienen Aufsatz berichtet Dunkhase, wie Grieser unter höchstem Zeitdruck hinter den Kulissen verhandelte.

    Am Tag der ersten Meldung im WGA, so der Stadtarchivar, bekommt Eisner zwei Telegramme vom Bürgermeister. Im ersten liest der Ministerpräsident: "stadt wuerzburg stellt sich dem reiche als tagungsort nationalversammlung zur verfuegung. - unmittelbare eisenbahnverbindung nach nord, sued, ost und west. geraeumige verhandlungssaele in der residenz. gesicherte verpflegung und unterkunft in gasthoefen. fraenkische hauptstadt zur vermittlung zwischen nord und sued besonders geeignet. - bitte um unterstuetzung unserer einladung. = grieser buergermeister."

    Im zweiten Telegramm bittet Grieser um einen Termin. Nicht belegt ist, dass die beiden sich getroffen hätten. Jedenfalls, zitiert Dunkhase aus den Akten, "stand der bayerische Ministerpräsident ‚dem Gesuche sympathisch‘ gegenüber".

    Eine Woche später, am Silvestertag, stellt Grieser seinen Plan erstmals dem Magistrat - der Spitze der Stadtverwaltung - vor. Und der macht mit. Beim sechsköpfigen Rat der Volksbeauftragten, der provisorischen Regierung in Berlin, geht Würzburgs Bewerbung am 4. Januar ein. Am gleichen Tag berichtet der WGA, dass Grieser die Nationalversammlung in die Stadt holen will. Erfahren haben die Journalisten das nicht aus dem Rathaus, sondern aus dem "Budapester Tageblatt", dem Eisner ein Interview gegeben hat. "Erstaunlich ist in jedem Fall", schreibt Dunkhase, "dass die Geheimhaltung für immerhin elf Tage gelang."

    Würzburgs Bewerbung kommt dem bayerischen Ministerpräsidenten recht. Eisner ist Föderalist, er wehrt sich vehement gegen einen zentralistischen Staat und preußische Dominanz. Bei seinen Kollegen in Baden, Württemberg und Hessen für Würzburg als Schauplatz der Nationalversammlung, mit Erfolg. Die süddeutschen Länderchefs wollen die symbolträchtige Tagung auf keinen Fall in Berlin haben. Am 10. Januar 1919 steht ihr Würzburg-Antrag auf der Tagesordnung des Reichskabinetts, wird aber nicht aufgerufen.

    Alles geht rasend schnell in diesen Tagen. Was sonst monate- oder jahrelang vorbereitet würde, wird binnen weniger Tage erledigt. Am 9. November 1918 jagen die Berliner den Kaiser und die Bayern den König davon. Am selben Tag rufen der Mehrheitssozialdemokrat Philipp Scheidemann in Berlin und der Unabhängige Sozialdemokrat Eisner in München die Republik aus. Am 11. November kapituliert das Reich im Ersten Weltkrieg. Am 19. Januar 1919 findet die erste demokratische Reichstagswahl statt. Am 6. Februar sollen die Beratungen für die neue Verfassung beginnen. Einen Monat vorher ist noch nicht entschieden, wo.

    Der erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner. Am 21. Februar 1919 wurde er von dem antisemitischen Ex-Leutnant Anton Graf Arco auf Valley in München ermordet. Foto: -

    Griesers Kalkül in diesen Tagen: Je später die Würzburger erfahren, dass er die Nationalversammlung in die Stadt holen will, desto weniger Zeit haben sie, sich dagegen zu wehren. So treffen sich erst am 12. Januar Männer, die, so teilt der Generalkonservator des Landesamtes für Denkmalschutz mit, "durch ihr Amt, ihr Können und Wissen hervorragend dazu befähigt sind, ein Urteil über die Möglichkeit und Zulässigkeit der Verwendung des Residenzschlosses für die deutsche Nationalversammlung abzugeben". Diese Herren - Museumsdirektoren, Denkmalpfleger, Vertreter von Vereinen, die sich der Geschichtsforschung verschrieben haben - graut vor der Veranstaltung im noblen Schloss. Gute Akustik, Heizung und Beleuchtung seien nur durch zerstörerische Eingriffe herzustellen, gewaltsame Störungen der Nationalversammlung seien zu befürchten.

    Ihr Gutachten geht am 13. Januar beim Magistrat ein. Der beschließt am 17. Januar, den Dingen ihren Lauf zu lassen, "bei aller Anerkennung der Bedenken, die die Genannten glauben geltend machen zu müssen." Am gleichen Tag kündigt Grieser telegrafisch in München an, die Bewerbungsunterlagen am 23. Januar vorzulegen.

    Doch da war alles schon gelaufen. Der Rat der Volksbeauftragten hatte zwei Beamte durchs Land geschickt, zur Begutachtung der infrage kommenden Städte. Am 14. Januar erstatteten sie in Berlin Bericht.

    Der Historiker Heiko Holste berichtet im 2017 erschienen Buch "Warum Weimar?", die beiden hätten neben Weimar, Bayreuth, Nürnberg und Jena besucht. Würzburg war also schon vor der endgültigen Entscheidung aus dem Rennen, Grieser und Eisner wussten es nur noch nicht.

    Holste zufolge nahm Friedrich Ebert, der wichtigste Mann im Rat der Volksbeauftragten und kommende Reichspräsident, die anti-zentralistische Stimmung im Reich ernst. Dem Berliner Oberbürgermeister habe er geschrieben, dass "dass ein Ort gewählt werden müsse, der allen Teilen des deutschen Volkes das Bewusstsein gibt, dass nicht nach dem Muster des alten Deutschland die Wünsche und Interessen eines Staates (des preußischen, d. Red.) überragen".

    Dunkhase zitiert Ebert mit dem Satz: "Es wird in der ganzen Welt angenehm empfunden werden, wenn man den Geist von Weimar mit dem Aufbau des neuen Deutschen Reiches verkündet."

    Und so fällt am 14. Januar 1919 die Entscheidung für Weimar, obwohl die beiden Gutachter dem Rat der Volksbeauftragten berichteten, dass sie "wenig Entgegenkommen bei den örtlichen Behörden" gefunden hätten. Anders als Grieser hatten die Weimarer die Nationalversammlung gar nicht haben wollen.

    Weimarer Verfassung:Von Menschenwürde ist noch nicht die Rede
    423 Mitglieder, darunter 37 Frauen, hat das am 19. Januar 1919 gewählte Parlament, das vom 6. Februar bis September 1919 im Weimarer Nationaltheater tagt. Offiziell heißt es "Verfassunggebende Deutsche Nationalversammlung".
    Zehn Parteien sind vertreten. Die SPD stellt mit einem Stimmenanteil 37,9 Prozent die größte Fraktion, gefolgt vom bürgerlichen Zentrum (19,7 Prozent), der linksliberalen DDP (Deutsche Demokratische Partei, 18,6 Prozent), der antisemitischen DNVP (Deutschnationale Volkspartei, 10,3 Prozent) und den linken Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD, 7,6 Prozent).
    Am 11. August 1919 verabschiedet das Parlament die Verfassung, in der unter anderem der Name des Staates festgelegt ist. Er heißt, obwohl später als "Weimarer Republik" bekannt, Deutsches Reich.
    Die Abgeordneten legen in der Verfassung unter anderem die föderalistische Ordnung des Staates fest. Die Länder werden von einem Reichsrat, ähnlich dem Bundesrat, vertreten, der ein Recht hat auf Einspruch gegen vom Reichstag beschlossene Gesetze. Die Volksvertretung wird nun "in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl von allen reichsdeutschen Männern und Frauen" über 20 Jahre "nach den Grundsätzen der Verhältniswahl" gewählt.
    Obwohl die Weimarer Verfassung einige der unveränderbaren, der "Ewigkeitsklausel" unterliegenden 19 Grundrechte des Grundgesetzes nicht kennt - wie Artikel 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." -, gewährt sie zumindest theoretisch Freiheiten, wie es sie vor 1919 in Deutschland nicht gab: die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Meinungs-, Presse-, Religions- oder Versammlungsfreiheit.
    Elementare Unterschiede zwischen der Weimarer und der bundesrepublikanischen Verfassung gibt es unter anderem an der Staatsspitze. Der Reichspräsident, auf sieben Jahre gewählt, ist ungleich mächtiger als der Bundespräsident. Er kann "mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten", wenn öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet sind und vertritt das Reich völkerrechtlich. Er kann ein vom Reichstag beschlossenes Gesetz einem Volksentscheid unterwerfen.
    Wie sehr sich das Staatsverständnis von 1919 von dem von 1948 unterscheidet, illustriert Artikel 132 der Weimarer Verfassung: "Jeder Deutsche hat nach Maßgabe der Gesetze die Pflicht zur Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten." Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus legen die Mütter und Väter des Grundgesetzes im Verfassungskonvent vom August 1948 fest: "Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen."

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