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    Würzburg

    Warum die Hubland-Bücherei als "dritter Ort" funktioniert

    Eine Bibliothek ist heute mehr als nur ein Bücherverleih. Das weiß Anja Flicker, Leiterin des Falkenhauses. Früher hatte sie jedoch ein ganz anderes Hobby.
    Im Interview: Stadtbibliotheks-Leiterin Anja Flicker, hier im Ufo im Untergeschoss der neuen Stadtteilbücherei am Hubland.   Foto: Ulises Ruiz

    Schon als kleines Mädchen ist sie gerne in die spannende Welt der Bücher eingetaucht. Heute leiht Anja Flicker sich gerne Bücher in der Bibliothek aus, die sie seit 2010 leitet: Das Falkenhaus und die dazu gehörigen Stadtteilbibliotheken. Ihr spannendstes Projekt, seit sie in der Domstadt ist: die neue Stadtteil-Bücherei am Hubland, die sie gerne auch als "Wohnzimmer" betitelt. Im Sommerinterview spricht die Diplom-Bibliothekarin über den neuen Standort, fesselnde Bücher und, welche Lektüre sie für die Sommerferien empfiehlt. Außerdem verrät die 49-Jährige, ob sie ihre zweite Leidenschaft Fußball weiter verfolgt.      

    Frage: Was lesen Sie gerade Frau Flicker?

    Anja Flicker: Gerade lese ich einen Debütroman von einer jungen Frau namens Lene Albrecht. Das Buch heißt "Wir, im Fenster", und es geht um eine Frau Mitte Dreißig, die sich an ihre Kindheit und Teenagerzeit in Berlin zu Zeiten der Wende erinnert. Ich habe mir vorgenommen, möglichst viele Werke von Frauen zu lesen. Denn neulich habe ich einen Podcast gehört, dass es proportional immer noch viel mehr männliche Autoren gibt, deren Werke verlegt werden.     

    Haben Sie schon immer gerne gelesen?

    Flicker: Ja, seit ich denken kann. Ich habe zwei große Brüder, durch sie habe ich schon sehr früh lesen gelernt. Ich komme aus Gütersloh und habe stapelweise bei uns in der Bücherei ausgeliehen. In meiner Freizeit habe ich entweder gelesen oder leidenschaftlich gern Fußball gespielt. 

    Spielen Sie noch Fußball?

    Flicker: Nein, leider nicht mehr im Verein. Obwohl (lacht) mir die Würzburger Dragons (Anmerk. d. Red.:  Mädchen- und Frauenfußballverein) auf den Fersen sind. Ich bin noch nicht so weit, aber es würde mir schon Spaß machen. Ab und an schaue ich mir im Stadion auch mal ein Spiel der Würzburger Kickers an. 

    Auch Pflanzen sorgen in der neuen Stadtteilbücherei am Hubland für eine gemütliche Atmosphäre.  Foto: Ulises Ruiz
    Wie kamen Sie auf das Studium zur Bibliothekarin? 

    Flicker: Als ich mit der Schule fertig war, habe ich bei einer Freundin in der Buchhandlung gearbeitet, die hat mich auf das Studium Bibliothekswesen hingewiesen. Ich habe die Entscheidung nie bereut. Der Beruf ist wahnsinnig vielfältig, und man ist immer ganz nah dran an gesellschaftlichen Entwicklungen. Ich kann mich noch erinnern, als vor 25 Jahren jemand in der Buchhandlung in München nach einem Buch zur virtuellen Realität fragte. Meine Kollegin und ich schauten uns damals ziemlich verwundert an.  

    Haben Sie schon einmal ein Buch nicht zu Ende gelesen? 

    Flicker: Man muss dem Buch eine Chance geben bis Seite 100, das haben wir im Studium mal gesagt. Und das versuche ich immer noch zu beherzigen. Manchmal braucht es eben, bis man einen Zugang zu dem Werk findet. Aber natürlich gibt es auch Bücher, die ich gleich weglege, weil sie mir überhaupt nicht gefallen. 

    Haben Sie eigentlich einen E-Book-Reader?

    Flicker: Ich habe eine App auf meinem Tablet, mit der ich mir E-Bücher kaufen und herunterladen kann. Manchmal lese ich sogar auf dem I-Phone. Das ist besonders auf Reisen sehr praktisch. Zuhause habe ich lieber das Buch in der Hand. Ich bin mit Büchern aufgewachsen, genieße das Umblättern der Seiten und schaue mir gerne das Cover an. Außerdem hat man beim Lesen mit dem Buch eine andere Körperhaltung. Dennoch: Beide Arten des Lesens haben ihre Berechtigung nebeneinander.

    Sollte man als Bücherei auch E-Books anbieten?   

    Flicker: Wir sind als eine der ersten Bibliotheken schon 2007 mit meiner Vorgängerin Hanne Vogt auf den E-Reader-Zug aufgestiegen. Bis 2010/2011 musste noch Werbung gemacht werden, irgendwann gingen die Zahlen durch die Decke. Heute ist das ein Selbstläufer.  

    Die neue Stadtteilbücherei soll ein Ort zum Verweilen sein.  Foto: Ulises Ruiz
    Mit der neuen Stadtteilbücherei am Hubland, die am 30. Mai eröffnet wurde, haben Sie ein komplett neues Büchereien-Konzept nach Würzburg gebracht. Was beinhaltet das?   

    Flicker: In erster Linie ging es darum, gemeinsam herauszufinden, was die Menschen brauchen: Wie muss der Ort beschaffen sein, dass sich dort Menschen wohlfühlen? Erst als Zweites stand die Überlegung, wo und wie die Bücher und Medien angeordnet und präsentiert werden können. Diese Methode nennt sich "Design Thinking".     

    Wie kamen Sie darauf? 

    Flicker: Es kristallisierte sich im Laufe der Planungen zur neuen Stadtteilbücherei heraus, dass sie ein Treffpunkt des sozialen Lebens, ein Ort des Verweilens, ein so genannter "dritter Ort" werden soll. Wo Kinder spielen, Menschen einen Kaffee trinken oder arbeiten. Natürlich setzt dies ein Umdenken des traditionellen Büchereien-Konzepts voraus.     

    Geländewagen unterwegs: Nicht nur bei Anja Flicker ist das Fahrzeug beliebt, auch Kinder sind davon begeistert. Foto: Ulises Ruiz
    Ist Ihre Rechnung aufgegangen? 

    Flicker: Es ist super angelaufen. Die Leute nutzen es genauso, wie wir gedacht und gehofft haben. Wir haben aber auch einen tollen Innenarchitekten gehabt – den Niederländer Aat Vos. Er ließ die Geschichte des Ortes am Hubland als ehemaliges amerikanisches Militärgelände und Fliegerhorst mit einfließen.

    Wäre es nicht eine tolle Idee, das ganze Konzept auch aufs Falkenhaus auszuweiten?

    Flicker: Natürlich ist es mein Wunsch, das Konzept des "dritten Ortes" auf die anderen Bücherei-Standorte auszuweiten. Das scheint auch Oberbürgermeister Christian Schuchardt wichtig zu sein. Tatsächlich ist schon Konkretes im Gange.

    Anja Flickers Buchtipps für die Sommerferien
    "Der Geruch des Paradieses" von der Türkin Elif Schafack. Sie erzählt, wie der Kampf zwischen Tradition und Moderne eine junge Frau zu zerreißen droht.
    "Wir sehen uns am Meer" von der Israelin Dorit Rabinyan. Der Liebesroman dreht sich um eine Israelin, die in New York einen Palästinenser kennen lernt und sich verliebt - trotz aller politischer Konflikte in der Heimat.
    "Was man von hier aus sehen kann" von Mariana Leky. Es ist ein Roman, in dem eine alte Westerwälderin den Tod voraussehen kann. Was daraus entsteht, ist das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt.

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