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    Würzburg

    Warum ein 91 Jahre alter und blinder Würzburger Mut macht

    Hans Hess ist 91 Jahre alt und blind. Wer kurz vor Silvester noch ein bisschen Zuversicht fürs neue Jahr brauchen kann, sollte die Geschichte dieses Würzburgers lesen. 
    Hans Hess lebt in seiner Wohnung in der Zellerau alleine. Einen Spaziergang macht er täglich.  Foto: Thomas Obermeier

    Das letzte Mal ein Stückchen Himmel hat Hans Hess 2004 gesehen. Auch ansonsten ist er kein wirklicher Hans im Glück: Kurz vor Kriegsende musste der 16-Jährige noch an die Front, bis 1948 war er in russischer Gefangenschaft, verlor im Lauf seines Lebens zwei Ehefrauen und eine Tochter. Trotzdem ist der 91-Jährige ein positiver Mensch, der nicht jammert, sondern sein Leben meistert. Was ist sein Geheimnis?  

    Hans Hess ist schlank und  zierlich. Seine Kleidung ist sauber und ordentlich, darauf legt er Wert. "Die Hemden bringe ich zum Waschen und Bügeln nach Heidingsfeld", erzählt er. "Und mein Sohn hilft mir beim Sortieren der Kleidungsstücke in Alltags- und in Sonntagssachen." Auch bei großen Besorgungen helfen ihm seine beiden Kinder, acht Enkel oder zwölf Urenkel. Doch das alltägliche Putzen, Einkaufen und alles andere in seinem Haushalt macht Hesse selbst.        

    "Naja, kochen tue ich  jetzt nicht mehr", sagt Hess. Die Beiläufigkeit, mit der er erzählt, dass ein Küchentuch an seinem Gasherd Feuer gefangen hat, verrät viel über ihn. Als er den Rauch roch, griff er beherzt dorthin, wo die Hitze her kam und warf das brennende Tuch in die Spüle. Verletzt hat er sich dabei nicht. "Aber von dem Tag an, war mit dem Kochen Schluss." Seitdem wärmt er sich eingefrorenes Essen auf Rädern in der Mikrowelle auf. Wie das schmeckt? "Gut."   

    Der 91-jährige Würzburger ist ein Mann, der sich viel zutraut - und zumutet. So ist es für  ihn selbstverständlich, dass er mit seinem Blindenstock selbstständig unterwegs ist und regelmäßig alleine mit dem Zug nach Lohr fährt, wo er aufgewachsen ist. "Ich bin wohl einfach ein bisschen leichtsinnig",  sagt er, warum er Dinge tut, für die vielen der Mut fehlt. Aber zu leichtsinnig sei er auch wieder nicht. "Abends ziehe ich jetzt immer eine Warnweste an, wenn ich auf die Straße gehe."   

    Volker Tesar ist als Erwachsener erblindet und engagiert sich im Sehbehindertenverband.  Foto: Theresa Müller

    "Er traut sich etwas zu und hat Vertrauen ins Leben", sagt Volker Tesar,  Leiter der Bezirksgruppe des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Würzburg, über Hans Hess.  Es sei "bewunderswert", wie schnell dieser als über 50-Jähriger gelernt habe, Blindenstock und später Hilfsmittel wie Navigationsgerät, Computer und Smartphone zu benutzen. Tesar kennt keinen anderen Erblindeten in Würzburg, der in diesem Alter noch alleine lebt. 

    Für  den Erhalt seiner Selbstständigkeit tut Hess viel. Neue Wege oder zum Beispiel den neuen Tunnel im Bahnhof lernt er mit Hilfe einer Mobilitätstrainerin kennen, und in seiner Wohnung will er bleiben, "solange ich noch klar denken kann und wenn ich meine Arbeit auf allen Vieren machen muss".     

    Dass er seine Sehkraft verlieren werde, wurde Hans Hess mit Mitte 20 prophezeit. Der Maschinenschlosser arbeitete damals in einer Glashütte in Lohr, machte seinen Meister und heiratete. "Ich habe es lange verdrängt", sagt er auf die Frage, wie man mit so einer Diagnose fertig wird. Dass sein Gesichtsfeld immer kleiner wurde, verbarg er lange. Als die Ärzte in der Würzburger Augenklinik ihn zur Aufgabe der Berufstätigkeit drängten, machte er weiter. Bis August 1982. "Da habe ich dem Werkleiter gesagt, dass ich diese Wanne noch repariere und dann ist Schluss." Seine drei Kinder waren damals noch klein, die finanzielle Situation nicht rosig. "Wir mussten halt etwas zurückstecken." 

    Hans Hess und Margarete Andexlinger: Dienstags geht es zum Wandern. Foto: Thomas Obermeier

     Hess weiß viele Details aus seinem Leben. Er erinnert sich an die russische Kriegsgefangenschaft genauso gut wie an die Wallfahrten zum Kreuzberg, wo er zehnmal und zuletzt als 74-Jähriger dabei war. Oder an den Moment, als er im Oktober 2004 zum letzten Mal die Sonne sah, bevor der letzte kleine Rest Sehkraft weg war. 

    Sein gutes Gedächtnis verdankt er vielleicht ein Stück weit seiner Behinderung. Denn er trainiert es.  Die Schritte vom Aufzug bis zu einer Zimmertür muss er sich genauso merken, wie Größe und Wert der Münzen in seinem Geldbeutel und viele alltägliche Dinge mehr.  

    Der 91-Jährige ist geistig und körperlich fit und bemüht sich, das zu bleiben. Er geht wandern, schwimmen und in die Sauna. Er spielt Akkordeon, besucht Versammlungen und hört Hörbücher.  "Nicht alle Menschen mit seiner Erkrankung können das", berichtet Sozialpädagoge Tesar vom Blindenbund. Er kenne andere, die sich zurück ziehen, in eine Sucht fallen oder verbittert werden.  

    Am Lederband: Mit dieser Hilfe wandert Hans Hess über Stock und Stein.  Foto: Thomas Obermeier

    Warum ist das bei Hans Hess anders? Resilienz nennen Psychologen die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne dauerhafte psychische Beeinträchtigung zu überstehen. Die Grundlage werde in der Kindheit gelegt: Wem früh Liebe und Vertrauen geschenkt werden, der steckt später Niederlagen besser weg.   

    Bei Hess passt diese Erklärung nicht. Er sagt über seine Kindheit nicht viel, und glücklich klingt das nicht: Der Vater hat geschlagen, die Mutter war wehrlos und er ist früh von zuhause weggegangen. Auf die Frage, was ihm Lebensmut gegeben hat und gibt, legt er den Kopf etwas schief und sagt nach längerem Überlegen: "Ich glaubt es ist eine Art Wurstigkeitsgefühl."   

    "Der Hans kann zwar nicht sehen, aber er lebt nicht im Dunkeln."
    Volker Tesar

    Wurstig ist nicht hartherzig. Man merkt es, wenn Hess darüber spricht, wie er zwei Ehefrauen verloren und seine älteste Tochter beim Sterben begleitet hat. Seine Lebensgefährtin, die ebenfalls blind ist, besucht er täglich im Seniorenheim. "Das habe ich ihr 2011 versprochen. Dazu muss man ja nicht heiraten."  

    Doch es wirkt so, als nimmt er sich selbst und seine Gefühle nicht zu wichtig. Wenn Dinge sich nicht ändern lassen, scheint er nicht zu hadern. Das kann man Gleichmut, innere Stärke oder, wie Hess selbst sagt, Wurstigkeit nennen. Einfacher als Gründe zu finden, warum der 91-Jährige so zufrieden, ausgeglichen und freundlich ist, lässt sich seine Wirkung auf andere beschreiben.  

    "Ich bewundere seinen Mut, mit dem er jeden Tag angeht", sagt Margarete Andexlinger. "Das macht mir auch Mut." Einmal in der Woche führt die Würzburgerin "meinen Hans" auf Wanderungen mit einer Seniorengruppe. "Seine positive Ausstrahlung tut mir gut," sagt sie. Denn die eigenen Probleme würden kleiner, wenn man sieht, wie unerschrocken der 91-Jährige sein Leben meistert. Ähnlich schildert auch Volker Tesar seine Begegnungen mit Hans Hess. Er beschreibt ihn so: "Der Hans kann zwar nicht sehen, aber er lebt nicht im Dunkeln."

    "Er macht mir Mut", sagt Margarete Andexlinger über das Zusammensein mit Hans Hess.  Foto: Thomas Obermeier

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