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    Würzburg

    Warum ein Grabmal im Dom von großer Bruderliebe zeugt

    Grabmal Sebastian Echters im Dom: Die Pfeile in den Händen der Knaben weisen auf denjenigen hin, der hier bestattet ist. Der rechte Pfeil ist allerdings abgebrochen. Foto: Eva-Maria Bast

    Wie oft hatte der Würzburger Kunsthistoriker Damian Dombrowski schon vor diesem wenig beachteten Grabmal gestanden? Wie genau hatte er es betrachtet, wie viele Worte hat er dazu geschrieben! Warum die beiden Knaben, die über der Inschrift sitzen und wie mittelalterliche Konsolfiguren das Wappen der Echter von Mespelbrunn tragen, ausgerechnet Pfeile in ihren Händen halten, das konnte sich der Direktor der Neueren Abteilung des Martin von Wagner Museums dennoch lange nicht erklären.

    „Eines Tages, nach einem Vortrag über das Grabmal, kam dann ein junger Kaplan auf mich zu, der zufällig den Vornamen Sebastian trug“, erinnert sich Dombrowski: „Er kannte die Ikonographie seines Namensheiligen: Bei den Pfeilen – der rechte ist abgebrochen – handelt es sich um das Attribut des heiligen Sebastian!“ Und damit sind sie ein Bildkommentar auf den, der hier bestattet liegt: Sebastian Echter, Bruder von Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn. „Ich glaube, dass diese Pfeile kaum je bemerkt wurden“, sagt Dombrowski.

    Der Fürstbischof gab den Auftrag für das Grab seines Bruders

    Das liegt daran, dass das Grabmal trotz der Nähe zum Hauptportal recht versteckt liegt, nämlich auf der Rückseite des ersten Pfeilers im Dom. „Dabei ist es ein solch herausragendes Werk, mit Sicherheit eines der schönsten Grabmäler, die Würzburg überhaupt zu bieten hat.“ Mit seiner Detailfülle, seinem reichen Bildprogramm, seiner ganzen Ausgestaltung kündet es von einer großen Liebe: der Liebe zwischen zwei Brüdern. „Denn dieses Grabmal“, sagt Dombrowski, „hat Julius Echter für seinen Bruder in Auftrag gegeben. Der Fürstbischof hatte viele Geschwister, aber mit diesem Bruder hat er die engste Beziehung gehabt, man könnte auch sagen, dass Sebastian sein Lieblingsbruder gewesen sei. Die beiden haben sich zusammen mehrere Jahre im Ausland aufgehalten und gemeinsam studiert.“ 16 und 17 Jahre waren sie, als sie im Sommer 1561 nach Löwen in den Niederlanden reisten, wo sie zwei Jahre blieben und 1563 an die Universität von Douai wechselten, um anschließend in Paris weiterzustudieren.

    "Diese Grabinschrift ist sehr ungewöhnlich, weil sie ungeheuer persönlich gehalten ist."
    Damian Dombrowski, Kunsthistoriker

    „Das ist ja eine ganz eigene Erfahrung, wenn zwei so junge Menschen gemeinsam in der Fremde sind – das stärkt eine Bindung untereinander natürlich sehr“, berichtet der Professor für Kunstgeschichte an der Uni Würzburg. Im Gegensatz zu seinem Bruder schlug Sebastian keine kirchliche, sondern eine weltliche Laufbahn ein und wurde Doktor beider Rechte. „Als er im Alter von 29 Jahren an einer Krankheit starb, war er wie sein Vater kurmainzischer Rat und Amtmann zu Orb und Hausen“, sagt der Echter-Experte. Nach Sebastians Tod verfasste sein Bruder in tiefster Trauer ein Gedicht, das heute auf dem Grabmal zu lesen ist.

    „Diese Grabinschrift ist sehr ungewöhnlich, weil sie ungeheuer persönlich gehalten ist. Man denkt ja, Julius Echter sei ein ganz und gar rationaler Mensch gewesen, aber hier zeigt er sich als tief betroffener, tief verletzter Mensch. Das ist wirklich ein sehr persönliches Zeugnis seiner Bruderliebe“, kommentiert Damian Dombrowski. „Nachdem der bloße Sachverhalt, dass der Fürstbischof ‚carissimo fratri‘ das Denkmal gesetzt habe, abgehandelt ist, folgt auf diese kurze Eröffnung – die offizielle Schuldigkeit sozusagen – der viel längere zweite Teil in Form von zehn Distichen“, beschreibt Dombrowski die Inschrift. „In ihnen geht es sehr persönlich zu, gipfelnd in dem Ausruf am Schluss: ‚O auf dass Du nur mit mir zugleich leben könntest, / möge doch meine eigene Lebensspanne halbiert werden‘ “, übersetzt der Kunsthistoriker und charakterisiert von hier aus das Grabmal: „Der elegische Charakter der Inschrift scheint sich auf das ganze Erscheinungsbild des Bildwerks ausgewirkt zu haben. Der Ton ist nirgendwo auftrumpfend, eher schon wird das Grabmal Sebastian Echters von einer leisen Tragik umweht.“

    Bekanntes Motiv der Kunstgeschichte zum ersten Mal in Würzburg

    Der Verstorbene ist auf dem Grabmal zweimal zu sehen: einmal auf drei Büchern liegend und versonnen nach oben blickend. Dieses Motiv des Lagernden, der melancholisch sein Haupt aufstützt und nach oben blickt, kommt aus Italien. „Es taucht zum ersten Mal 1505 in der römischen Kirche Santa Maria del Popolo auf und hat sich dann rasant in Italien und auch darüber hinaus ausgebreitet.“ In Würzburg erscheint jenes Motiv an dieser Stelle zum ersten Mal überhaupt. Darunter ist Sebastian Echter ein zweites Mal dargestellt: als Verstorbener auf einem Leichentuch liegend, nackt bis auf ein Lendentuch, mit ausgeprägtem Bart.

    Geschaffen hat das Grabmal der flämische Bildhauer Peter Osten aus Ypern. „Er war ein Neffe von Joris Robijn, der seit Herbst 1575 mit der Planung und Errichtung des Juliusspitals befasst war“, erklärt Dombrowski. Osten wird zum ersten Mal am 25. Mai 1577 im Bauregister des Juliusspitals genannt, und diese Nennung bezieht sich auf eben jenes Epitaph für Sebastian Echter: „Peter der Bildhauer [ist] von Mainz mit Sebastiani Echters selgen Epitaphium kommen“, heißt es dort. Aus dem Wortlaut könne man schließen, dass das Grabmal für Sebastian also der Grund seines Kommens war, sagt Dombrowski.

    „Der Bildhauer führte allerdings nicht das fertige Grabmal mit sich, das nur noch hätte aufgebaut werden müssen, sondern wohl nur eine Visierung. Aus den Quellen wissen wir nämlich, dass die Aufstellung erst im Juli 1578 erfolgte“, erklärt der Kunsthistoriker. „Die im oberen Fries hervortretende Jahreszahl 1577 bezieht sich demnach auf die Auftragsvergabe. Als hätte Julius Echter der Nachwelt beweisen wollen, wie früh er für die 'memoria' des Bruders gesorgt habe!“

    Bestattung im Dom war eigentlich nur Geistlichen vorbehalten

    Dass der 1575 verstorbene Sebastian überhaupt an diesem Ort bestattet wurde, ist ungewöhnlich. „Das war eigentlich unmöglich, weil eine Bestattung im Dom Geistlichen vorbehalten war“, sagt Dombrowski, „aber der Fürstbischof hat sich durchgesetzt.“ Er vermutet, dass Julius Echter nicht zuletzt deshalb für eine Bestattung seines Bruders im Dom kämpfte, weil er ihn auch nach dem Tod dicht bei sich haben wollte: „Julius konnte sich ausrechnen, dass sein eigenes Grabmal dereinst am dritten südlichen Pfeiler zu stehen kommen würde. Dort wurde es unmittelbar nach seinem Tod 1617 auch errichtet; erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte es an seinen heutigen Platz am achten Pfeiler der Nordseite. 1517 aber schwang vielleicht dabei auch die Absicht mit, eine Art dynastischer Grablege zu begründen. Wichtiger war indessen, dass Julius den Bruder offenbar auch im Tode in seiner Nähe wünschte und deshalb als Begräbnisstätte Sebastians einen noch freien Platz wählte, der möglichst nahe bei seinem eigenen liegen würde.“

    Und so fanden die beiden Brüder, die einander so liebten, ihre letzte Ruhe nah beieinander im Dom. Im Leben zu früh getrennt, aber im Tod vereint.

    Text: Eva-Maria Bast

    Der Text stammt aus dem Buch „Würzburger Geheimnisse - Band 2“ von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand und soeben erschienen ist. Das Buch enthält 50 Geschichten zu historischen Geschehnissen und Orten. Präsentiert werden die Begebenheiten jeweils von Würzburger Bürgern.

    Bearbeitet von Torsten Schleicher

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