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    Würzburg

    Was Gregor Gysi um Mitternacht über sein Leben ausplaudert

    Es war ein spontanes Treffen. Doch als Gregor Gysi spät in der Nacht in Würzburg ankam, nahm er sich die Zeit, um bei Bier und Anti-Pasti über sein Leben zu plaudern.
    Als Gregor Gysi (Mitte) wegen des Schneesturms um kurz vor Mitternacht in Würzburg ankam, nahm er sich die Zeit, um über sein Leben zu plaudern. Von links: Reporter Tim Eisenberger, Gregor Gysi und Reporterin Sophia Scheder.
    Als Gregor Gysi (Mitte) wegen des Schneesturms um kurz vor Mitternacht in Würzburg ankam, nahm er sich die Zeit, um über sein Leben zu plaudern. Von links: Reporter Tim Eisenberger, Gregor Gysi und Reporterin Sophia Scheder. Foto: Jochen Bähr

    "Ich möchte allen Alten sagen: Sie sollen aufhören über Krankheiten zu reden. Davon wird man nicht gesund", wendet sich der Politiker über das Telefon an die knapp 800 wartenden Zuhörer. Eigentlich sollte Gregor Gysi an diesem Donnerstagabend um Punkt 19.30 Uhr auf der Bühne der St. Johannis Kirche in Würzburg stehen, um im Rahmen des MainLit Literaturfestivals über seine Autobiographie zu reden. Doch der plötzliche Wintereinbruch und das Schneechaos machten dem Politiker einen Strich durch die Rechnung: Gestrandet im Stau auf der A7 überbrachte er den Zuhörern der ausverkauften Veranstaltung über den Lautsprecher des Telefons die Nachricht, dass die Veranstaltung verschoben werden müsse. 

    Knapp vier Stunden später, um 23.30 Uhr, kommt Gysi mit seinem Fahrer endlich am Hotel Melchior Park an. Doch der 72-Jährige ist bei diesem unvorhersehbaren Treffen keinesfalls schlecht gelaunt, wie man es nach solch einer Anreise hätte erwarten können. "Guten Abend, junge Frau", wird auch die Kellnerin von dem Politiker begrüßt. Bei Bier und einer Anti-Pasti-Platte kommt er schnell in Redefluss und spricht von seinen zahlreichen Leben als Anwalt, Politiker, Autor, Moderator und Familienvater. Er erzählt Anekdoten aus seiner Zeit, als er als einer der wichtigsten Protagonisten der Linken in Deutschland die Politik mitprägte. Erklärt, warum er nicht an Gott glaubt und wie er es schafft, mehr Nächte im Jahr in Hotels zu verbringen, als Zuhause.

    Fünf Stunden Stau gut genutzt

    Bundestagsabgeordneter ist er schon seit bald drei Jahrzehnten. Er führte die Fraktion der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) und dann die der Linken an. Und auch heute noch ist er mit fünf Jobs ein vielbeschäftigter Mann. Was ein Gregor Gysi macht, wenn er fast fünf Stunden unvorhersehbar im Auto gefangen ist? "Ich habe die Zeit genutzt, um alle Kontakte in meinem Handy, die doppelt eingespeichert waren, verstorben sind, oder mir gar nichts mehr sagen, zu löschen", sagt er und lacht. Schnell kommt er so auch auf fehlende Zeit zu sprechen. "Als ich aufgehört habe als Fraktionsvorsitzender, dachte ich ja, dass ich mehr Zeit habe, aber das war ein Irrtum." Er sei ein Mann mit fünf Jobs und dann auch noch ein "grottenschlechter Nein-Sager". Dies alles in Kombination sei eine "ganz schöne Katastrophe". 

    Mitternachts-Gespräche mit Gregor Gysi im Hotel Melchior Park am Hubland.
    Mitternachts-Gespräche mit Gregor Gysi im Hotel Melchior Park am Hubland. Foto: Sophia Scheder

    Gysis Fahrer stößt zur Tischrunde dazu. "Is' nix mehr zu Essen da", scherzt der Politiker während es draußen mittlerweile aufgehört hat zu schneien. Wie so oft in diesen knapp eineinhalb Stunden, wird lauthals gelacht am Tisch. Gysi macht gerne Scherze, weniger auf Kosten anderer, sondern mehr auf seine Person bezogen. Er bestellt noch zwei weitere Pils, eins für sich, eins für den Fahrer.

    2004 war Gysis großes Krankheitsjahr

    Gysi verbringt mehr Nächte im Jahr in Hotels, als Zuhause. Drei Termine an einem Sonntag gehören fest zu seiner Wochenplanung. Wie lange er das mit seinen 72 Jahren noch machen wird? "Ja, dat weeß ick och nich", sagt er in Berliner Akzent und schiebt seinem Tischnachbarn die Anti-Pasti Platte vor die Nase. "Wenn der Körper nein sagt, ist Sense." Aber: "Politiker werden immer krank, wenn sie aufhören." 2004 war Gysis großes Krankheitsjahr, wie er selbst betont. Zwei Jahre nachdem er aus der aktiven Politik ausgeschieden war, hatte er unter anderem drei Herzinfarkte und eine Operation am Gehirn. "Ähnlich wie bei Kohl", erklärt er. "Der hörte auch auf und wurde sofort krank."

    In dieser Nacht wird er im Hotel Melchior Park schlafen. "Ich habe aber keine hohen Ansprüche", macht er klar. Die Landesverbände im Western haben sowieso immer die günstigen Hotels gewählt, da kam es auch schon mal vor, dass sich Gysi in einer Gemeinschaftsdusche auf dem Flur waschen musste. 

    Von der Zusammenarbeit mit der eigenen Schwester

    Neben seiner Arbeit als Moderator und in letzter Zeit wieder verstärkt als Anwalt,  ist Gysi auch als Autor bekannt. "Das allein ist ja schon anstregend genug", sag er. Doch gerade schreibe er zusammen mit seiner Schwester ein Buch über den gemeinsamen Vater, "das ist ja noch viel anstregender". Auch wenn sich die beiden deshalb viel zanken, werde das Buch voraussichtlich im September dieses Jahres erscheinen. Ein weiteres Mal entschuldigt er sich in dieser Runde für den ausgefallenen Termin an diesem Abend.

    Dann kommt er auf das Thema Glaube zu sprechen. "Ich glaube ja nicht an Gott, weil ich davon überzeugt bin, dass alles naturwissenschaftlich erklärbar ist", so Gysi. Nur der Nachweis, wie auf der anorganischen Erde zum ersten Mal etwas Organisches entstanden sei, fehle noch. Anders gehe damit der ehemalige Präsident des deutschen Bundestags, Norbert Lammert, um. Er glaube, dass Gott das Leben geschöpft habe, berichtet der 72-Jährige. "Weil es aber mal einen Vizepräsidenten gab, der behauptet hat, Gott habe die deutsche Einheit geschaffen", erzählt er, habe Lammert sich richtig aufgeregt. Gott mische sich doch nicht in die deutsche Einheit ein. So einen Quatsch habe er schon lange nicht mehr gehört.

    Eine Unterhaltung mit Trump? Nein danke

    Auch zu Donald Trump hat Gysi natürlich eine Meinung. Eine Unterhaltung mit ihm fände er uninteressant, da der US-Präsident "bestimmt sehr oberflächlich" sei. Wenn, dann würde er ihm gerne als Kanzler gegenübersitzen und darüber diskutieren, ob Deutschland wirklich zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für das Militär ausgeben müsse. "Das sind 75 Milliarden, 30 Milliarden mehr als bisher", schimpft er und hebt den Finger.

    Mit diesen Worten nimmt Gysi den letzten Schluck aus seinem Bierglas und schlägt mit beiden Händen auf den Tisch. "Auf auf, jetzt wird's aber wirklich Zeit fürs Bett." Er wagt einen kurzen Blick aus dem Fenster, der Platz vor dem Hotel ist weiß, doch es kommt kein Schnee mehr vom Himmel. "Daumen drücken, dass es so bleibt", sagt er und verabschiedet sich auf sein Zimmer. Denn die wenigen Stunden Schlaf, die dem Politiker noch bleiben, sind kostbar.

    Die ausgefallene Lesung von Gregor Gysi "Ein Leben ist zu wenig" wird am Sonntag, 22. März, in der St. Johannis Kirche in Würzburg nachgeholt. Die vorhandenen Tickets sind nach wie vor gültig, so der Veranstalter. Wer an diesem Datum keine Zeit hat, kann die Karten bei den bekannten Vorverkaufsstellen zurück geben.

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