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    Würzburg

    Was der Brexit für Würzburgs Universität bedeutet

    Aufhängen oder abhängen? Eine britische Fahne vor Ankunft der britischen Premierministerin zum Treffen mit dem Präsidenten des Europäischen Parlaments. Foto: Francisco Seco, dpa

    Der Brexit rückt näher - und mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU stehen auch Hochschulen vor der Frage: Wie geht es weiter? Der internationale Austausch gilt seit Jahrhunderten als Kernelement des Wissenschaftssystems, auch an der Würzburger Julius-Maximilians-Universität (JMU). Hier sieht man dem Brexit mit Sorge entgegen, panisch wird man nicht.

    "Es tut einem weh, für das ganze Projekt der Europäischen Union."
    Prof. Zeno Ackermann, British Cultural Studies

    "Es tut einem schon weh, für das ganze Projekt der Europäischen Union", sagt Prof. Zeno Ackermann. Er lehrt in der JMU-Anglistik als Professor für British Cultural Studies. Beinahe täglich schlage das Thema Brexit im Lehrbetrieb auf, im vergangenen Sommersemester bot er ein eigenes Seminar dazuan. Ackermann ist entsetzt darüber, wie irrational und auf welchem Niveau die Austrittsdiskussion in Großbritannien geführt wird.

    Blick auf Würzburgs Neue Universität am Sanderring. Foto: Patty Varasano

    An dortigen Universitäten sind in diesem Semester 28 Studierende aus Würzburg eingeschrieben, umgekehrt 27 britische Studierende an der JMU. Gerät dieser Austausch in Gefahr? Aktuell noch nicht, aber der Schwund ist vorhersehbar. Die Hürden für ein oder zwei Semester auf der Insel werden mit dem Austritt höher. Die Nachfrage, befürchtet Anglistik-Professor Ackermann, könnte "radikal zurückgehen". Denn nur über das Erasmus-Programm sparen sich die Teilnehmer die in Großbritannien üblichen Studiengebühren von 6000 bis 8000 Pfund pro Semester.

    "Für die Vielfalt des Forschungstransfers ist das sehr schade."
    Prof. Lukas Worschech, Leiter des Servicezentrums Forschung und Technologietransfer

    So werden sich Studierende wohl Alternativen zuwenden. Vor allem Irland dürfte laut Ackermann interessanter werden, aber auch Hochschulen in Australien oder Kanada. Und doch seien die meisten seiner Studierenden "UK-affin", so der Professor - also mit einer besonderen Verbindung zu Großbritannien. Da sorgt der Brexit für eine allgemeine Verunsicherung.

    Mit ihrem seit 2014 laufenden Rahmenprogramm "Horizon 2020" wollte die EU-Kommission eigentlich die Zusammenarbeit in der europäischen Forschung erleichtern. Wenn die Briten die EU verlassen, "ist das für die Vielfalt des Forschungstransfers sehr schade", findet Prof. Lukas Worschech, der an der Würzburger Uni das Servicezentrum Forschung und Technologietransfer leitet. Zwar würden sich Partner aufgrund ihrer Expertisen und Potenziale auch in Zukunft finden, aber: "Es wird komplizierter."

    Neuregelungen für die Zeit nach dem Brexit erforderlich

    Mit mehr als 25 britischen Universitäten arbeitet die Würzburger JMU derzeit zusammen - über Forschungskooperationen vor allem in den Bereichen IT, Naturwissenschaften und Medizin, sowie über "Erasmus+"-Auslandsaufenthalte von Studierenden. Für die  Zeit nach dem Brexit sind Neuregelungen erforderlich. Prinzipiell, so heißt es aus der Uni-Pressestelle, sei dies möglich. Schon heute gebe es spezielle Erasmus-Programme, die Nicht-EU-Staaten einschließen.

    Würzburgs Uni-Präsident Alfred Forchel bei einem Interview mit der Main-Post. Foto: Patty Varasano

    Dass die Beziehungen zum Stillstand kommen, glaubt Würzburgs Uni-Präsident Alfred Forchel nicht. Die Uni-Leitung wolle einzelne Partnerschaften mit britischen Hochschulen in Forschung und beim Studierendenaustausch weiter ausbauen: "Erste Anfragen von britischen Universitäten liegen vor und wurden von der Universität Würzburg positiv beantwortet."  

    Hochschulen suchen die Kooperation ohne Hilfe der EU

    Die wissenschaftliche Verbindung wird künftig eben ohne EU-Hilfe gelingen müssen - so wie mit anderen Ländern auch. Die JMU ist seit 2012 Mitglied im so genannten U15, einem Zusammenschluss von 15 forschungsstarken deutschen Unis. Sie haben sich erst im Januar mit der Russel-Group getroffen - eine Vereinigung von 24 Universitäten in Großbritannien. Ziel ist eine Weiterentwicklung der Wissenschaftsbeziehungen.

    Bereits im September 2017 Jahr war eine Delegation aus Bayern mit dem neuen Wissenschaftsminister Bernd Sibler und den beiden Präsidenten der Unis Würzburg und Erlangen auf die Insel gereist, um schottischen und englischen Unis zu signalisieren: Auch nach dem Brexit soll die Zusammenarbeit fortgesetzt werden. Ein Wunsch, der laut Forchel ebenso deutlich von den Briten formuliert wurde. Damit aber britische Forschungsgruppen an EU-Programmen teilnehmen können, müssen neue Lösungen entwickelt werden.

    Prof. Dr. Gisela Müller-Brandeck-Bocquet von der Uni Würzburg. Foto: Theresa Müller
    "Der größte historische Fehler der Briten in den letzten 100 Jahren."
    Prof. Gisela Müller-Brandeck-Bocquet, Politikwissenschaftlerin an der Uni Würzburg

    Es wird komplizierter. Und es bleibt Ratlosigkeit ob der britischen Eigenwilligkeit, nicht zuletzt in der Würzburger Politikwissenschaft. Hier hat Prof. Gisela Müller-Brandeck-Bocquet, Fachfrau für Internationale Beziehungen, eine klare Meinung zum EU-Austritt: "Der Brexit ist ein Unfall. Und der größte historische Fehler der Briten in den letzten 100 Jahren."

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