• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Wenn Studenten zu Diplomaten werden

    In wöchentlichen Vorbereitungstreffen machen sich die 20 Würzburger Studierenden fit für ihren Auftritt bei den Vereinten Nationen in New York – auch wenn es nur eine Simulation ist. Foto: Leena Winkler

    Die Politik im ganz Großen zu erleben, sich mit den nationalen und globalen Problemen in der Welt zu beschäftigen und weitreichende Entscheidungen zu treffen: Das obliegt im realen Leben einem kleinen Zirkel an mächtigen Menschen an den wichtigen Schaltstellen des Politikbetriebs. Um in einer Demokratie Ergebnisse zu erreichen, bedarf es oft langer Diskussionen, großer Kompromissbereitschaft und eines starken Durchhaltevermögens.

    In diesem Jahr erhalten ausgewählte Würzburger Studenten die Möglichkeit, einmal in den Politikalltag der Vereinten Nationen einzutauchen, denn sie nehmen an der National Model United Nations (NMUN) teil. Es handelt sich dabei um eine internationale Simulation für Studierende, in der sie die Arbeit der Vereinten Nationen in ihrer gesamten Bandbreite realitätsnah nachstellen. Höhepunkt und Abschluss der Simulation ist im März in New York. Dort präsentieren die rund 5000 teilnehmenden Hochschulstudenten aus aller Welt ihre Arbeit, beratschlagen sich und verabschieden anschließend Resolutionen. Wie die großen Politgremien tagen sie eine Woche lang in internationaler Zusammensetzung. Die Modell-Konferenz ist einer echten UN-Konferenz nachempfunden.

    Eine Woche Politikerleben

    Die Julius-Maximilians-Universität Würzburg ist eine der vielen Universitäten weltweit, die im März eine Delegation nach New York entsenden. 20 Würzburger Teilnehmerinnen und Teilnehmer in fächerübergreifender Zusammensetzung schlüpfen für die Dauer einer Woche in die Rolle von politischen Akteuren. Die Würzburger bilden zusammen eine Delegation, die sich im Vorfeld mit den Anliegen und Problemen eines ausgesuchten Landes beschäftigt. Welchen Nationalstaat die Delegation in New York vertritt, entscheidet eine Jury an zentraler Stelle.

    „Jede Delegation darf zwar Präferenzen für bestimmte Länder äußern, doch bis zuletzt bleibt es spannend, ob der Vorschlag angenommen wird“, berichtet Leena Winkler. Die Würzburger Studentin gehört wie alle Mitglieder der Modell-Delegationen einem bestimmten Komitee an. In ihrem Fall ist es das Presseteam. Die Studentin erklärt den Ablauf der Themenzuteilung: „Zuerst haben wir uns in New York beworben. Es gab eine Liste an Ländern, die wir vertreten dürfen, und wir haben zehn davon auf unsere Präferenzliste gesetzt“. Schließlich erhielt die Würzburger Studentengruppe den Zuschlag für Afghanistan. „Es ist ein Land, in dem viele Konflikte herrschen und über das sich viel diskutieren lässt“, so Leena Winkler.

    Wöchentliche Vorbereitungstreffen

    Mit der Zuteilung des Themas eines Nationalstaats beginnt die inhaltliche Vorbereitung. Die Teilnehmer der Delegation behandeln allgemeine Fragen zu den Strukturen der UNO. Erst dann geht es um das Land selbst. „Wir beschäftigen uns mit landesspezifischen Themen wie Wirtschaft, Innen- und Außenpolitik, Sozialstrukturen und Geschichte. Dazu muss sich jeder mit gewissen Punkten auseinandersetzen und diese dann präsentieren“, erklärt Dominic Altinpinar, ebenfalls Teilnehmer der Delegation.

    Zur Vorbereitung auf die Konferenz in New York und um der Internationalität der Thematik gerecht zu werden, reden die Studierenden während der wöchentlichen Treffen in englischer Sprache miteinander. So trainieren sie nicht nur ihre sozialen, diplomatischen und rhetorischen Kompetenzen, sondern auch die sichere Ausdrucksweise in der Weltsprache, wenn es um komplexe Sachverhalte geht.

    Exkursionen und Vorträge

    Auf dem Vorbereitungs-Programm der Studierenden stehen auch Exkursionen und Vorträge. Eine der Exkursionen ging zum Beispiel nach Berlin. In der Hauptstadt trafen sie den afghanischen Botschafter und seinen Mitarbeiterstab, der ihnen eine Einführung in die Kultur seines Landes gab. „Das war ein sehr wichtiges Treffen, denn wenn du über ein Land recherchierst, ist eine der Schwierigkeiten, dass du viele deutsche und viele englische Quellen findest. Es gibt aber sehr wenige Quellen aus erster Hand, aus dem Land selbst, die keinen Filter durchlaufen haben“, beschreibt Leena Winkler den Besuch in der afghanischen Botschaft.

    Die Würzburger Delegation besuchte auch das Verteidigungsministerium und as Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Berlin. Dominic Altipinar beeindruckte vor allem das BMZ: „Wir trafen neben einer für Afghanistan zuständigen Mitarbeiterin einen Ingenieur, der in Afghanistan ein Aufbauprojekt leitete und das Land erlebt hat. Er konnte viele Erfahrungen an uns weitergeben. Das war unglaublich spannend.“ So wurden den Studenten viele Zusammenhänge klarer. Seine Erfahrung fasst Dominic Altipinar so zusammen: „Der politische Alltag ist vielfältig. Tausend verschiedene Faktoren sind gleichzeitig zu beachten und bei jedem Vorschlag fühlt sich mindestens einer auf den Fuß getreten. Politik erfordert eine Menge Geduld.“

    Raus aus der eigenen Komfortzone

    Nach vielen Wochen der intensiven Beschäftigung mit dem Land Afghanistan, veränderte sich der Blickwinkel darauf. Dominic Altinpinar formuliert es so: „Es gibt seit Jahrzehnten Konflikte und es gibt viele verschiedene Ansichten über deren Gründe. In Afghanistan prallen unglaublich viele Kulturen aufeinander, die vollkommen verschiedene Traditionen haben. Das Verständnis, warum alles so ist, wie es ist, wächst.“

    Wie die große modellierte UN-Konferenz im März dann in New York aussehen wird und wie viele der erarbeiteten Punkte die Würzburger Delegierten in Resolutionen verpacken und vortragen können, wird sich zeigen. An Leidenschaft und Engagement in der Vorbereitungsphase fehlt es jedenfalls nicht. Einen persönlichen Gewinn nimmt Dominic Altipinar mit seiner Teilnahme am Politik-Spiel schon jetzt mit: „Es ist gut, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich immer wieder aufs neue zu trauen.“

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!