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    Würzburg

    Wenn bei der Ersten Hilfe andere Sinne zählen

    Wie bei einem Notfall Herzdruckmassage und stabile Seitenlage funktioniert, zeigte Oliver Lückhof (rechts) bei einem Erste-Hilfe-Kurs, der speziell für sehbehinderte Menschen ausgelegt war. Teilnehmer Georg Geißler konnte das Gelernte gleich bei Kurspartnerin Bettina Wirth umsetzen. Foto: Patty Varasano

    Erste Hilfe leisten, ohne sich auf sein Augenlicht verlassen zu können? "Ich bin mir sicher, dass ihr das genauso gut könnt wie sehende Menschen", sagt Ausbilder Oliver Lückhof vom Bayerischen Roten Kreuz(BRK) in Würzburg. Vor ihm sitzen elf Lehrgangsteilnehmer, die nur teilweise oder auch gar nicht mehr sehen können.

    Der Ausbilder musste sich dafür speziell vorbereiten. Unter anderem hat er mit einer Verdunkelungsbrille am Mobilitätstraining des Berufsförderungswerks Würzburg (BFW) teilgenommen, um sich besser in die Situation von Menschen mit Sehbehinderungen einfühlen zu können. "Ich habe meine Skripte komplett überarbeitet, weil ich ja jeden Handgriff ausführlich mit Worten beschreiben muss", berichtet Lückhof. Insgesamt haben die Planungen für den Kurs sieben bis acht Monate gedauert. Dafür hat er zusammen mit einer sehbehinderten Kollegin zusammen gearbeitet. "Wenn das Augenlicht auf einmal ausgeschaltet ist, muss man seine anderen Sinne einschalten und feinfühliger werden", antwortet der Ausbilder auf die Frage, was er in seiner Vorbereitung besonders für sich mitgenommen habe.

    Sehbehinderte müssen sich bei der Hilfeleistung auf ihre anderen Sinne verlassen. Foto: Patty Varasano

    Kenntnisse wieder auffrischen

    Der Kurs an sich unterscheidet sich kaum von anderen Erste-Hilfe-Kursen. Denn: "Erste Hilfe fängt damit an, dem Betroffenen mitzuteilen, dass man sich um ihn kümmert", sagt Lückhof vor den Teilnehmern. Einige von ihnen haben bereits Erfahrungen in Notsituationen. So wie zum Beispiel Marko Bräutigam, der 20 Jahre Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr gewesen ist. "Es ist aber nicht schlecht, seine Kenntnisse wieder aufzufrischen", sagt er.

    Das ist vor allem sinnvoll, weil sich bestimmte Techniken wie die stabile Seitenlage in den vergangenen Jahren auch geändert haben. "Ich zeige Euch eine Methode, damit könnt ihr selbst den größten Bären in die richtige Position bringen", scherzt Lückhof. Und damit sollte er Recht behalten.

    Viel Feingefühl beim Tasten nötig

    Das Wichtigste sei dabei, seine anderen Sinne umso mehr zu nutzen, wenn das Augenlicht nicht mehr zur Verfügung steht. Denn was blinde Menschen nicht sehen, können sie erfühlen: eine Gesichtspartie, tropfendes Blut, Puls und Atmung. "Es ist wirklich viel einfacher als gedacht", meint Teilnehmer Georg Geißler, nachdem er seine Kurs-Partnerin in die Seitenlage gebracht hat.

    Der Reporter im Selbstversuch

    Doch nicht nur die Seitenlage ist Teil des rund zweistündigen Kurses, auch um die Herzdruckmassage geht es – 30 Mal drücken und zwei Mal beatmen. "Im Rhythmus von Pipi Langstrumpf klappt das ganz gut", so Ausbilder Lückhof. Auch hier zeigt sich schnell, wie die Teilnehmer vor allem ihren Tastsinn nutzen müssen, um bei der lebensrettenden Herzdruckmassage alles richtig zu machen. "Zieht zwischen den Brustwarzen der Puppe eine Linie und platziert eure Handfläche etwas darüber", erklärt Lückhof.

    Der Kurs ist ein Pilotprojekt, einen Erste-Hilfe-Kurs für blinde und sehbehinderte Menschen hat es beim BRK in Würzburg so noch nicht gegeben. Doch er soll "keine Eintagsfliege" sein, wie Lückhof sagt. Weitere sollen je nach Bedarf folgen.

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