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    FRICKENHAUSEN

    Wenn der Bock zum Gärtner wird

    Laubarbeit macht in diesen Tagen ein Gros der Arbeit aus, die die Winzer in ihren Weinbergen verrichten müssen. Wolfgang Betz aus Frickenhausen bedient sich dabei ein Helferschar, die man auf den ersten Blick nicht in den Rebzeilen erwartet hätte. Acht Schafe sorgen dafür, dass in seinen Weinbergen gesunde Trauben heranreifen und das Unkraut nicht überhand nimmt.

    In unseren Breiten ist die Idee noch weitgehend unbekannt. Wolfgang Betz hat sie in Australien und den USA kennengelernt. Dort werden Schafe schon seit längerem eingesetzt, um die Weinplantagen sauber zu halten und überschüssige Blätter abzuknabbern.

    Schutz vor Krankheiten

    Diese Laubpflege ist wichtig, damit die Traubenzone im Frühsommer gut belüftet wird und sich Pilzerkrankungen wie der gefürchtete Mehltau weniger schnell ausbreiten können. Konventionellen Winzern steht dafür ein Palette von Pflanzenschutzmitteln zur Verfügung. Auf den Flächen, die Wolfgang Betz gemeinsam mit seinen beiden Freunden Rolf und Reiner Laudenbach nach den Prinzipien des Bio-Weinbaus bewirtschaftet, sind solche chemischen Spitzmittel tabu.

    Aber Schafe als Weinbergs-Pfleger? Fressen die nicht die ganzen Trauben weg? Wolfgang Betz hat sich eingehend informiert. „Im Gegensatz zu Ziegen sind Schafe sehr selektive Fresser“, sagt er. Die unreifen Trauben sind ihnen zu sauer. Stattdessen stürzen sie sich begeistert auf die lästige Ackerwinde zwischen den Rebzeilen und auf die jungen Weinblätter, die den Trauben Licht und Luft nehmen. Im oberen Teil des Rebstocks, dort wo die Schafe nicht mehr hinkommen, bleiben noch genügend Blätter übrig, um ausreichend Zucker und Aromen für den späteren Wein bilden zu können.

    Selektives Fressverhalten

    Besonders ausgeprägt ist dieses Fressverhalten bei der englischen Shropshire-Rasse. Sie war gezüchtet worden, um in Baumschulen und Christbaum-Kulturen das Gras niedrig zu halten, ohne den jungen Bäumchen zu schaden. Drei weibliche Tiere hat sich Wolfgang Betz im vergangenen Jahr gekauft und in seinem eigenen Weinberg den Pilotversucht gewagt. Die Rebfläche von rund einem halben Hektar hat Wolfgang Betz geerbt. Vor ein paar Jahren begann er damit, seinen eigenen „Garagenwein“ zu produzieren und erzielte damit auf Anhieb hohe Prämierungen.

    Als dann das Weingut Ulsamer zum Verkauf angeboten wurde, fassten Wolfgang Betz und seine beiden Partner den Entschluss, den gesamten Betrieb zur übernehmen und daraus ein kleines, aber feines Bio-Weingut zu machen. Im Nebenberuf.

    Winzer im Nebenberuf

    Betz ist eigentlich Vertriebsleiter eines amerikanischen Herstellers von Analysegeräten und jettet beinahe wöchentlich um den halben Globus. Reiner Laudenbach führt ein Architekturbüro und ist außerdem Bürgermeister von Frickenhausen. Einziger gelernte Winzer im Bunde ist sein Bruder Rolf, aber der leitet in Wiesbaden ein Catering-Unternehmen.

    Ein Grund mehr also, sich die Arbeit im Weinberg möglichst flexibel einzuteilen. Und dabei helfen die Schafe enorm, sagt Wolfgang Betz. Nach der Vergrößerung des Weinguts hat er sich zu den drei Schafdamen einen Bock gekauft, der dafür gesorgt hat, dass die Herde inzwischen auf acht Tiere angewachsen ist. Zwei Wochen brauchen sie, um eine Rebfläche von etwa einem halben Hektar von überschüssigem Laub zu befreien. Dann ziehen sie um. Ein Elektrozaun sorgt dafür, dass sie nicht ausbüxen.

    Einfache Haltung

    Zusätzliches Futter brauchen die Tiere in dieser Zeit nicht. Nur für ausreichend Wasser muss Wolfgang Betz sorgen. Spätestens Ende Juli ist es vorbei mit dem Schaftrieb. Dann beginnen die Trauben, süß zu werden, und wären selbst für die Shropshire-Schafe ein unwiderstehlicher Leckerbissen.

    Ein Unterstand für die Tiere sei ebenfalls nicht vonnöten. An heißen Sommertagen ist es der robusten englischen Rasse in den sonnenbeschienenen Weinbergen sogar zu warm. Am wohlsten fühlen sie sich, wenn es im Herbst stürmt und regnet. Und selbst den Winter verbringen sie unbeschadet auf dem Acker neben Wolfgang Betz' Wohnhaus.

    Kosten-Nutzen-Vergleich

    Eine wirkliche Arbeitserleichterung sind die Schafe unter dem Strich nicht, bekennt Betz. Während sich die Laubarbeit in anderen Weinbergen mit Hilfe von Traktoren und Mähwerk auf wenige Wochen beschränkt, müssen die Schafe das ganze Jahr über gepflegt werden. Der Winzer sieht aber viele weitere Vorteile. „Es ist zu kurz gedacht, die Schafbeweidung nur unter dem Kosten-Nutzen-Gesichtspunkt zu sehen.“

    Mit ihren schlanken Hufen befestigen die Tiere die Erde und beugen so der Erosion vor, ohne den Boden zu verdichten. Der Schafkot wirkt nicht nur als Dünger, sondern zieht auch Insekten an und damit Nützlinge, die einer Ausbreitung von Schadinsekten entgegenwirken. „Im Öko-Landbau haben wir keine kurativen Mittel, um Krankheiten und Schädlingsbefall zu bekämpfen. Wir können nur vorbeugen.“

    Mehr Biodiversität

    Auf diese Weise zieht Biodiversität in die übliche Monokultur des Weinbaus ein. „Letztes Jahr war das noch eine Spielerei, jetzt ist es unsere Strategie“, sagt Wolfgang Betz voller Überzeugung. „Ich bin einfach begeistert, dass es so gut funktioniert.“

    Anfangs haben ihn andere Winzer dafür verlacht. Inzwischen beginnt die Bastion der Skeptiker an vielen Stellen zu bröckeln. Das bestätigt auch Eugen Kemmer. Der Winzer und Landwirt freut sich über das Leben im Weinberg und bringt regelmäßig Gemüseabfälle oder Fallobst vorbei, um den Speiseplan der Schafe anzureichern. „Trotzdem glaub ich, dass das von einigen immer noch als Spinnerei angesehen wird.“

    Auslachen, anmachen, abkupfern

    Wolfgang Betz spricht dabei von der AAA-Theorie: „Das erste A steht für Auslachen, das zweite für Anmachen, wenn die Leuten sehen, dass es funktioniert und besonders kritisch beobachten. Das dritte A steht für Abkupfern.“ Dabei ist Abkupfern ausdrücklich erlaubt. Demnächst hält Betz sogar ein Seminar für den Anbauverband Bioland, um anderen Biowinzern seine Erfahrungen weiterzugeben.

    Ein besonderes Verhältnis hat Wolfgang Betz zu seinem Schafbock. Der sei sehr zutraulich und habe als Leithammel die sieben Mädels seiner Herde voll im Griff. Namen hat Betz seinen Schafen trotzdem bewusst nicht gegeben. „Es sind Nutztiere, keine Schmusetiere“, sagt er. Und das mit allen Konsequenzen: „Irgendwann gibt's auch mal einen schönen Lammbraten.“

     

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