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    Giebelstadt

    Wenn kleine Hürden zu Barrieren werden

    Das raue Pflaster vor dem Giebelstadter Rathaus macht jede Fahrt mit dem Rollator zu einer Schüttelpartie. Das Barrierefreiheitskonzept der Gemeinde schlägt vor, einen Streifen aus glatten Steinplatten einzubauen. Foto: Gerhard Meißner

    Der zu kurz geratene Handlauf einer Treppe, ein Gullydeckel mitten auf dem markieren Fahrbahnübergang oder der gepflasterte Gehsteig, der die Fahrt mit dem Rollator zur Schüttelpartie werden lässt. Vieles, was gesunden Menschen gar nicht als Hindernis erscheint, kann für Menschen mit Behinderung zur kaum überwindbaren Hürde werden. Die Gemeinde Giebelstadt hat diesen Barrieren jetzt den Kampf angesagt. Und zwar mit einem umfassenden Konzept, wie es bislang noch keine Gemeinde im Landkreis getan hat. Die vollständige Umsetzung wird allerdings einige Jahre dauern.

    Der Handlauf am Hintereingang des Rathaus ist zu kurz. Für Menschen, die auf festen Halt angewiesen sind, kann das gefährlich werden, sagt Bauingenieurin Roswitha Peters. Foto: Gerhard Meißner

    Bei der Entwicklung eines Leitbilds für die Zukunft der Gemeinde stand das Thema Barrierefreiheit ganz oben auf der Tagesordnung. Das von Bürgern erarbeitete Leitbild ist Teil des staatlichen Städtebauförderungsprogramms, in das Giebelstadt aufgenommen wurde. Seit vergangenem Jahr arbeitet Bauingenieurin Roswitha Peters im Rathaus, um sich gezielt um die Umsetzung des Förderprogramms zu kümmern. Barrierefreiheit ist dabei eines ihrer wichtigsten Themenfelder.

    Betroffene sehen mehr

    Gemeinsam mit Mitarbeitern des Weikersheimer Planungsbüros Klärle hatten sich Vertreter der Gemeinde zunächst auf den Weg gemacht, um Schwachstellen im Giebelstadter Kernort ausfindig zu machen. Richtig fündig wurden sie aber erst im zweiten Anlauf, als auch Betroffene an dem Rundgang teilnahmen. Ein Rollstuhlfahrer, eine Rollatorfahrerin und der stark sehbehinderte Behindertenbeauftragte der Stadt Würzburg, Karl-Heinz Marx, begleiteten die Gruppe. "Herr Marx sieht kaum noch etwas, und doch hat mehr gesehen als jeder andere", erinnert sich Peters.

    Es waren zuvor kaum beachtete Schwachstellen, die dabei zutage kamen, sagt die Bauingenieurin. Dass das Rathaus an seiner Rückseite zwar einen barrierefreien Zugang hat, aber kein Schild darauf hinweist. Dass an der Fußgängerampel über die stark befahrenen Mergentheimer Straße kein Summton die Grünphase anzeigt. Dass Gehsteigabsenkungen am Straßenübergang nicht auf gleiche Höhe liegen und Rollstuhlfahrer zur gefährlichen Fahrt auf der Bundesstraße gezwungen werden.

    "Es ist ein Riesenstück Freiheit, wenn behinderte Menschen ihre Sachen noch selbst erledigen können."
    Roswitha Peters, Bauingenieurin

    Zum Teil sind es Mängel, die sich nur mit großem finanziellen Aufwand beseitigen lassen, zum Teil aber auch Kleinigkeiten, die schnell und leicht zu beheben sind. Das Planungsbüro hat die Schwachstellen aufgelistet und dokumentiert. Ein Katalog aus über 150 Punkten ist daraus entstanden, unterschieden und noch kurz- und mittelfristigen Maßnahmen und solchen, die nur langfristig umgesetzt werden können.

    Barrierefreier Weg durch die Gemeinde

    Ein markierter Übergang verleitet Fußgänger dazu, die Kreuzung zwischen Ingolstadter und Nikloaus-Fey-Straße an der breitesten und gefährlichsten Stelle zu überqueren. Foto: Gerhard Meißner

    Mehr noch: Auch ein barrierefreier Weg durch den Giebelstadter Kernort wurde definiert, über die wichtigsten Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen zu erreichen sind. "Es ist ein Riesenstück Freiheit, wenn behinderte Menschen ihre Sachen noch selbst erledigen können", sagt Roswitha Peters, "das registrieren die Leute aber meist erst dann, wenn sie selbst betroffen sind."

    Dass die Umsetzung aller Maßnahmen nicht von heute auf morgen möglich sein wird, darüber ist sich Bürgermeister Helmut Krämer im Klaren. Einen hohen einstelligen Millionenbetrag würde die Gemeinde dafür in die Hand nehmen müssen, schätzt er. Wertvoll ist das Konzept aber gerade in der täglichen Arbeit von Bauamt und Bauhof. Gehsteigabsenkungen oder durchgehende Leitlinien lassen sich dann verwirklichen, wenn ohnehin an der Straße gebaut wird, so wie am geplanten Parkplatz in der Langen Gasse, wo Erkenntnisse aus dem Barrierefreiheitskonzept bereits in die Planung mit eingeflossen sind.

    Nachschlagewerk für künftige Bauvorhaben

    Schmale, ausgebrochene Gehsteigkanten mit zusätzlichen Hindernissen wie hier an der Bayernstraße sind nicht nur für Rollstuhlfahrer und Sehbehinderte ein Risiko. Foto: Gerhard Meißner

    Roswitha Peters bezeichnet das Konzept deshalb als "Nachschlagwerk, an dem man sich orientieren kann, wann immer irgend etwas neu gebaut oder saniert werden soll." 25 000 Euro hat die Gemeinde dafür ausgegeben. 60 Prozent davon übernimmt die Städtebauförderung. Auch bei der Umsetzung der größeren Maßnahmen gibt es Geld aus dem Fördertopf von Bund und Land. So könnte etwa das raue Gehsteig-Pflaster vor dem Rathaus um einen Streifen aus glatten Steinplatten ergänzt werden - einen "Rollator-Highway", wie Peter sagt. 

    Ein Gullydeckel mitten im markierten Fahrbahnübergang: Stark sehbehinderte Menschen könnten daran mit ihrem Blindenstock hängenbleiben. Foto: Gerhard Meißner

    Und sogar Privateigentümer können von dem Programm profitieren. Bis zu 30 Prozent Zuschuss gewährt das kommunale Förderprogramm innerhalb des Sanierungsgebiets, wenn die Maßnahmen den Entwicklungszielen entsprechen. Auch dafür ist Roswitha Peters Ansprechpartnerin.

    Lob vom Behindertenbeauftragten

    Bei der Vorstellung des Konzepts im Gemeinderat lobte der Behindertenbeauftragte des Landkreises und stellvertretende Landrat Ernst Joßberger das Giebelstadter Engagement. Keine andere Gemeinde im Landkreis habe sich bisher so konsequent dem Thema Barrierefreiheit gewidmet, meinte er. Roswitha Peters sieht sich davon in ihrer Arbeit bestätigt. "Wir haben Nägel mit Köpfen gemacht", sagt sie.

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