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    Würzburg

    Wie jüdische Raubkunst wieder nach Hause kam

    OB Christian Schuchardt und Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, haben den Vertrag über die Rückgabe von rund 150 Stücken jüdischen Kulturguts an die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg unterzeichnet. Foto: Thomas Obermeier

    Es war ein kurzer, aber dennoch historischer Termin: Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, haben am Montag im Museum für Mainfranken den Vertrag über die Rückgabe von rund 150 Stücken jüdischen Kulturguts an die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg unterzeichnet. Die Stücke waren 1938 während der Novemberpogrome von den Nationalsozialisten aus unterfränkischen Synagogen geraubt worden und erst vor wenigen Jahren überraschend bei einer umfassenden Inventur im Depot des Mainfränkischen Museums wieder aufgetaucht.

    Mit dem Rückgabevertrag wird ein Beschluss des Stadtrats aus dem vergangenen Oktober umgesetzt: Die Stadt hat sich verpflichtet, NS-Raubkunst entsprechend der so genannten "Washingtoner Erklärung" an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben. "Wir wollen in allen städtischen Einrichtungen unsere Bestände konsequent durchforsten", betonte Schuchardt bei einem hochkarätig besetzten Podiumsgespräch zum Thema "Jüdische Objekte in Museen – Sammeln, Bewahren und Ausstellen gestern und heute" im Anschluss an die Unterzeichnung im voll besetzten Schönbornsaal des Museums für Franken.

    Raubgut konnte verschiedenen Synagogen zugeordnet werden

    Die 150 jüdischen Sakralgegenstände werden unter dem Titel "Sieben Kisten mit jüdischem Material – Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute" im Museum für Franken seit Anfang Juni ausgestellt und erläutert. Zuvor war die Ausstellung sieben Monate lang im Jüdischen Museum in München zu sehen. Dessen Direktor Bernhard Purin half bei der Recherche der Herkunft und konnte das jüdische Raubgut sieben verschiedenen unterfränkischen Synagogen zuordnen. "Seine Expertise war für uns ein absoluter Glücksfall", sagte Erich Schneider, Direktor des Museums für Franken.

    Josef Schuster bezeichnete die Rückgabe der Gegenstände zu treuen Händen der Israelitischen Kulturgemeinde Würzburg und Unterfranken als historisch, "weil dadurch jüdische Ritualgegenstände, die entwendet wurden und über Jahrzehnte verschollen waren, zurück in das Eigentum der Gemeinde kommen, aus der sie stammen." Die Rückübereignung mache deutlich, dass es jüdisches Leben in Deutschland und Unterfranken bereits Jahrzehnte und Jahrhunderte vor der Nazizeit gegeben habe.

    "Jüdisches Leben war ein wichtiger Teil des Lebens hier."
    Bernhard Purin

    Vor 1938 gab es rund 100 jüdische Gemeinden und Synagogen in Unterfranken: "Jüdisches Leben war ein wichtiger Teil des Lebens hier", erläuterte Bernhard Purin. "Es macht den besonderen Wert vieler dieser Objekte aus, dass sie eine Geschichte haben." Würzburg sei deutschlandweit die erste Kommune in Deutschland mit einer Selbstverpflichtung zur Rückgabe von NS-Raubkunst, so der Direktor des Jüdischen Museums.

    Gerade weil viele der Fundstücke eng mit der Geschichte einer jüdischen Familie verknüpft sind, ist das Interesse an der Ausstellung weit über Unterfranken hinaus groß, berichtete Museumsleiterin Claudia Lichte. Ein Besucher aus Israel sei tief bewegt gewesen, nachdem er ein Objekt gefunden hatte, das von seinem Urgroßvater der jüdischen Gemeinde in Schweinfurt gestiftet worden war.

    Auch Bernd Sibler, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, nahm an dem Podiumsgespräch teil und würdigte das Würzburger Modell als "Vorbild für Bayern und ganz Deutschland". Auch der Freistaat Bayern setze beim Umgang mit Raubkunst aus der NS- und der Kolonialzeit auf maximale Transparenz, so Sibler weiter: "Wir werden alle Gegenstände, deren Herkunft eindeutig geklärt werden kann, zurückgeben." Die zunehmende Vernetzung von Museen und staatlichen Stellen und die Digitalisierung von Fundstücken soll dabei helfen.

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