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    Würzburg

    Wie sich Armut auch in Unterfranken zeigt

    Viele Menschen können sich eine regelmäßige warme Mahlzeit nicht leisten. Foto: Armin Weigel, dpa

    Zu wenig Geld für den Wocheneinkauf. Zu wenig Zeit für die Kinder. Zu viele Sorgen im Alltag. Armut hat viele Gesichter und unterschiedliche Auswirkungen. In Deutschland ist Armut auch im Jahr 2019 ein Thema in Politik und Gesellschaft. "In den wenigsten Fällen bedeutet Armut, dass man nicht genug zu Essen hat; das ist in Deutschland selten ein Problem", sagt Mark Trappmann, Professor am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg. Wissenschaftlich gesehen bedeute Armut, dass ein Haushalt mit 60 Prozent oder weniger des mittleren Einkommens in Deutschland auskommen muss, erklärt der Experte.

    Laut der letzten Erhebung von Eurostat aus dem Jahr 2017 konnten 4,4 Prozent der Haushalte bundesweit ihre Miete oder andere Rechnungen für Versorgungsleistungen nicht rechtzeitig bezahlen. 15,3 Prozent hatten nicht genug Geld, um eine Woche Urlaub im Jahr an einem anderen Ort als zu Hause zu verbringen. "Als Hauptindikator für Armut hat sich in der öffentlichen Diskussion die sogenannte Armutsgefährdungsquote etabliert", sagt Trappmann. Sie dient vor allem dazu, Einkommensungleichheit zu messen.

    Dabei wird das Nettoeinkommen eines Haushalts heruntergerechnet auf die Anzahl der Personen im Haushalt und ihren Bedarf. Dieses sogenannte Äquivalenzeinkommen wird dann verglichen mit dem mittleren Äquivalenzeinkommen der gesamten Bevölkerung. Wer nur 60 Prozent dieses Einkommens oder weniger zur Verfügung hat, gilt als "relativ" arm – verglichen mit dem, was in unserer Gesellschaft üblich ist. Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag diese Grenze 2017 bei 2099 Euro, für eine alleinstehende Person bei 999 Euro.

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    Bayern steht im Vergleich gut da

    In Bayern liegt die Quote der armutsgefährdeten Menschen bei 12,1 Prozent, gemessen am mittleren Einkommen von ganz Deutschland. Menschen im Freistaat sind am wenigsten von Armut gefährdet, gefolgt von Baden-Württemberg. Das andere Extrem ist Bremen: Dort liegt die Quote bei 23 Prozent, so hoch wie in keinem anderen Bundesland.

    Auch wenn Bayern im Vergleich gut dasteht: 17,1 Prozent der Menschen über 65 lebten 2017 in Bayern von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der deutschen Bevölkerung. Etwa jeder Siebte in Unterfranken (14,8 Prozent) wird in der Statistik als einkommensarm eingestuft, weil er in einem Haushalt lebt, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens in Bayern auskommt. Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bedeutet das im Freistaat 2256 Euro oder weniger. Dies geht aus den Zahlen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder hervor. Betroffen sind vor allem größere Städte wie Würzburg und Schweinfurt, aber auch ländliche Regionen in Unterfranken. Dass Armut insbesondere in Großstädten ein Problem ist, bestätigt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die im April 2019 veröffentlicht wurde.

    Oft leiden gerade die Kleinsten unter Armut, weiß die Sozialpädagogin Anja Pertler. "Wir finden Familienarmut tendenziell oft bei Beziehern von Niedriglöhnen, Alleinerziehenden sowie bei Familien mit Migrationshintergrund und deren Kindern", sagt Pertler vom Deutschen Kinderschutzbund, Kreisverband Würzburg. Einrichtungen wie Kindertafeln sind deshalb besonders gefragt. Alleine in Schweinfurt werden täglich 350 bis 400 Kinder mit einem Frühstück in Schulen und Kindergärten versorgt. Jedes fünfte Kind gilt in Deutschland als von Armut gefährdet, 6,5 Prozent aller Kinder lebten 2018 in einem Hartz-4-Haushalt.

    Auftakt zum Themenkomplex Armut in Unterfranken
    Wie fühlt sich jemand, der Pfandflaschen aus Mülleimern sammeln muss, weil das Geld nicht reicht? Was geht in Eltern vor, die ihrem Kind fast alle Wünsche abschlagen müssen? Und wie sieht Armut aus, die sich nicht über Geldmangel definiert? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich die Main-Post-Volontäre Katrin Amling, Nicolas Bettinger, Jonas Keck, Carolin Schulte und Corbinian Wildmeister und werden in den kommenden in loser Folge über ihre Recherchen berichten. Sie wollen damit den Menschen hinter den Zahlen ein Gesicht geben. 
    Für unser Projekt suchen wir Menschen, die trotz mehrerer Jobs auf Unterstützung vom Staat angewiesen sind. Wenn Sie uns von Ihrer Geschichte erzählen möchten, melden Sie sich unter  carolin.schulte@mainpost.de

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