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    Würzburg

    Wo die reuigen Sünder den Gottesdienst verfolgen durften

    Gerade weil Pfarrer Gerhard Zellfelder so ein reines Gewissen hat, hat er vor einem Ausflug in die Büßerzelle gar keine Bedenken. Foto: Eva-Maria Bast

    In der Deutschhauskirche findet sich schräg gegenüber dem Eingang im Langhaus ein kleines Fenster im Mauerwerk, das sich teilweise öffnen lässt. Blickt man vom Langhaus aus hindurch, entdeckt man, dass sich dahinter ein kleiner Raum befindet. „Das ist die sogenannte Pönitentenzelle“, erklärt Pfarrer Gerhard Zellfelder. Ein Pönitent ist per Definition in der katholischen Kirche jemand, der Buße für eine begangene Sünde tut. Das Wort leitet sich vom lateinischen Verb poenitere „bereuen“ ab. Und tatsächlich: Genau das hat es mit dem Raum hinter dem kleinen Fenster auf sich.

    Die Ritter des von 1219 bis 1805 in Würzburg bestehenden Deutschen Ordens, denen die Kirche gehörte, mussten in diese Büßerzelle, wenn sie vorübergehend in Ungnade gefallen waren. Von hier aus hatten sie dann im Stehen den Gottesdienst zu verfolgen. Denn sie waren zwar von der Eucharistie ausgeschlossen, mussten dem Gottesdienst, ihrer Pflicht folgend, aber beiwohnen. „Diese Ritter waren ja ansonsten nicht eingesperrt, haben am Tagesablauf teilgenommen und sich frei bewegen können“, sagt Zellfelder.

    Ausschluss vom Gottesdienst wegen unkeuscher Gedanken

    Gründe für einen Ausschluss vom Gottesdienst waren zum Beispiel unkeusche Gedanken, Ungehorsam gegenüber dem Abt oder üble Nachrede. „Solche Büßerzellen finden sich nur noch ganz selten“, sagt Pfarrer Zellfelder. „Im brandenburgischen Strausberg gibt es noch eine und auch im südfranzösischen Saint-Maximin-la-Sainte-Baume.“

    Diese Pönitentenzellen fanden sich ausschließlich in katholischen Kirchen, denen ein Kloster oder eine Kommende angeschlossen waren, erklärt der Geistliche. Katholische Gottesdienste werden in der Deutschhauskirche aber schon lange nicht mehr gefeiert, denn sie wurde der evangelischen Gemeinde als drittes Gotteshaus in Würzburg zugesprochen. Buße ist dem evangelischen Glauben ja aber keineswegs fremd. Wie sagte doch Luther so schön: „Buße tun heißt, umkehren in die offenen Arme Gottes. Dazu gehört, dass wir die Sünden herzlich erkennen, vor Gott und in gewissen Fällen auch vor Menschen bekennen, bereuen, hassen und lassen und im Glauben an Jesus Christus in einem neuen Leben wandeln.“ Und dazu, meint Pfarrer Zellfelder lachend, muss niemand in eine Büßerzelle.

    Text: Eva-Maria Bast

    Der Text stammt aus dem Buch „Würzburger Geheimnisse - Band 2“ von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand. Das Buch enthält 50 Geschichten zu historischen Geschehnissen und Orten. Präsentiert werden die Begebenheiten jeweils von Würzburger Bürgern.

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