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    Würzburg

    Wo einst Würzburgs erster moderner Galerist zu Hause war

    In dem Terrassenhaus hinter Stadtheimatpfleger Hans Steidle wohnte einst mit Oskar Laredo der erste moderne Galerist der Stadt. Foto: Eva-Maria Bast

    Diese Geschichte beginnt nicht in Würzburg, sondern in Tanger in Marokko. Dort wurde nämlich im Jahre 1845 Josef Laredo – ein Jude sefardischer Herkunft – geboren, der sich rund 30 Jahre später in Würzburg niederließ. Neben drei Töchtern hatte Josef auch einen Sohn, Oskar, der nach der Schule eine Ausbildung im Galanteriewaren-Laden seines Vater und dann in den europäischen Metropolen Berlin, London und Paris machte und schließlich in Bad Kissingen ein eigenes Geschäft eröffnete.

    „1914 war Oskar Laredo – wie viele deutsche Juden – patriotisch eingestellt und glaubte, er müsse dem Vaterland dienen“, erzählt Würzburgs Stadtheimatpfleger Hans Steidle. 1916 musste er im Ersten Weltkrieg ins Feld, 1918 wurde er als Offiziersanwärter mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse aus dem Kriegsdienst entlassen. 1919, als die Spartakus-Revolution auch in Würzburg drei Tage lang für Unruhe sorgte, engagierte Oskar Laredo sich in der Einwohnerwehr und zeigte somit seine republikanische Gesinnung, „denn diese Einwohnerwehr war am Anfang noch nicht rechtsnational, sondern eher prorepublikanisch“, wie Steidle erklärt.

    Oskar Laredo brachte moderne Kunst nach Würzburg

    Laredo eröffnete eine Galerie und erweiterte sein Angebot um Kunstprodukte. „Er brachte die Malerei und Graphik des Impressionismus, des Expressionismus und der neuen Sachlichkeit nach Würzburg. Damit hatte er etwas, das in Würzburg zu dieser Zeit niemand anderes machte“, würdigt Steidle Laredos Progressivität. „Es gab noch keine städtische Galerie, in der man zeitgenössische oder auch regionale oder lokale Kunst hätte betrachten können.“ Im Grunde war Laredo also Würzburgs erster moderner Galerist. Er begleitete die Ausstellungen auch mit Vorträgen und Vortragszyklen, für die er Kunsthistoriker engagierte oder die er selbst hielt.

    „Allerdings war der Erfolg in der Kulturwelt begrenzt, denn die Mehrheit der Würzburger war katholisch und konservativ und konnte mit dieser ausdrucksstarken, nicht sehr gegenständlichen Kunst nicht allzu viel anfangen“, schildert Steidle die damaligen Verhältnisse. Auf Ablehnung stieß auch das Wohnhaus, das Oskar Laredo für sich und seine Familie baute – ein Terrassenhaus. Laredo setzte sich mit dem jungen Architekten Peter Feile zusammen, der mit seiner ersten Planung für ein kubisches Haus auf heftige Abwehr in Würzburg gestoßen war. Mit ihm zusammen plante Laredo in der Keesburgstraße das erste Flachdachterrassenhaus im internationalen Stil der Neuen Sachlichkeit. "Die eine Hälfte bewohnte Oskar Laredo, die andere Hälfte der Architekt", so Hans Steidle. 

    Mit dem Jahr 1933 brauchen auch für Oskar Laredo bittere Zeiten an

    Mit dem Jahr 1933 brachen für Oskar Laredo bittere Zeiten an. „1933 bekam er Schwierigkeiten wegen seiner Schwester Herta Kronheim, die Kommunistin in Berlin war. Man warf ihm vor, sie zu unterstützen. Im Januar 1935 gab es Ärger, weil er dem nationalsozialistischen Winterhilfswerk einen Kaffeelöffel gespendet hatte“, zählt Steidle auf. „Das galt als Beleidigung des arischen Geistes und der arischen Solidarität, weshalb man ihn festnahm und ihm eine Strafe von 500 Reichsmark aufbürdete.“

    Anschließend durfte er sein Geschäft zwar weiterführen, doch der nächste Ärger wartete schon: Im Februar 1935 wurden Ausstellungsbilder beschlagnahmt. Der berühmte jüdische Maler Max Liebermann war gestorben und Laredo stellte ihm zu Ehren ein Bild ins Schaufenster. Und daneben platzierte er ein weiteres des ebenfalls jüdischen Albert Einstein. „Das war für einen Hausbewohner der Anlass, ihn anzuzeigen. Die Bilder mussten aus dem Schaufenster genommen werden. Sie wurden beschlagnahmt und Oskar Laredo erhielt sie nicht zurück. Doch damit“, sagt Hans Steidle, „hatten die Schwierigkeiten erst begonnen.“

    Laredo wurde von der NSDAP besonders stark angegriffen

    Aus wirtschaftlichen Gründen musste er Personal einsparen und wurde festgenommen, weil er seiner Fürsorgepflicht für arisches Personal nicht nachkomme, so der Vorwurf. Im Juli 1935 verkaufte Oskar Laredo sein Geschäft, weil er merkte, dass die Lage aussichtslos geworden war. „Es ist symptomatisch, dass jemand wie Oskar Laredo von der NSDAP besonders stark angegriffen wurde, weil er ja eigentlich als Geschäftsmann einen sehr guten Namen in Würzburg hatte. Er war sozusagen ein Gesicht dieser jüdischen Gemeinde“, erklärt Steidle.

    Ein halbes Jahr später wurde Laredo wegen der Verbreitung von „Gräuel-Nachrichten“ angezeigt und verhaftet. „Angeblich sollte er an seine Söhne verschlüsselte Briefe geschrieben haben, denen er von Konflikten, Problemen und Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime berichtet hatte. Das war natürlich pure Willkür. Er wurde in Untersuchungshaft genommen und dann am 23. März ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert, ohne einen Verhaftungsbefehl, ohne einen Beweis. Das nannte man Schutzhaft.“

    Heute ist der Platz vor dem Kulturspeicher nach Oskar Laredo benannt. Foto: Dita Vollmond

    Als man Oskar Laredo ein Jahr später entließ, geschah das unter der Auflage, dass er sofort in die USA zu emigrieren habe. Laredo verließ Würzburg und verbrachte in Amerika noch viele Jahre: 1966 starb er recht hoch betagt in New York. „In Würzburg erinnert heute der nach ihm benannte Platz vor dem Museum im Kulturspeicher an ihn“, sagt Steidle. „Damit wird er geehrt, weil er, wenn man so will, der modernen Kunst in Würzburg erstmals einen wichtigen Platz einräumen wollte.“ Am ehesten, findet der Stadtheimatpfleger, könne man seinem Geist aber an dem von ihm gebauten Terrassenhaus in der Keesburgstraße nachspüren.

    Der Text stammt aus dem Buch „Würzburger Geheimnisse - Band 2“ von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand. Das Buch enthält 50 Geschichten zu historischen Geschehnissen und Orten. Präsentiert werden die Begebenheiten jeweils von Würzburger Bürgern.

    Text: Eva-Maria Bast

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