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    Würzburg

    Wo man in Unterfranken bouldern kann: Kopfüber am Stalaktiten

    Man klettert ohne Seil, hängt kopfüber an den Wänden, springt gegen die Schwerkraft an. Wer bouldern will, braucht Kraft. Und Mut zu Bewegungen, die unmöglich scheinen.
    Bouldern, das Klettern ohne Seil in Absprunghöhe, zieht immer mehr Sportler an. Wichtig dabei: Kraft, Beweglichkeit und gute Nerven.  Foto: Daniel Peter

    Es scheint unmachbar. Wie ein pummeliger Stalaktit hängt die Boulderwand von der Decke, die weißen Griffe geben die Linie nach oben vor. Andres Schmitt klammert sich an der Kante fest, kopfüber, die Fußspitzen verhakt an einem weißen Rechteck. Irgendwie holt er Schwung, greift mit dem linken Arm nach oben, klammert sich am nächsten Halt fest. Die Beine pendeln in der Luft, die Fingerspitzen rutschen plötzlich ab.

    "Uargh!" Schmitt landet auf der Matte. Grinst. Steht auf, nächster Versuch. "Das Schöne am Bouldern ist, das es so komplex ist", sagt der 34-Jährige. Mal braucht man Körperspannung, mal Balance, meistens Kraft. Und Ideen zu Bewegungen, die oft kaum möglich wirken.

    "Du stellst den Fuß zehn Zentimeter weiter nach rechts und plötzlich geht, was sich vorher unmöglich anfühlt", so beschreibt es Andreas Schmitt. Für ihn ist Bouldern mehr als nur Hobby. Eher Lebensinhalt - und seit 2016 Beruf: Mit seiner Frau Agustina Falibene, Thomas Meyer und Frank Günsche hat Schmitt in Würzburg die Boulderhalle Rock Inn gegründet.

    Thomas Meyer, Agustina Falibene und Andreas Schmitt (von links) haben Anfang 2016 die Boulderhalle Rock Inn in Würzburg eröffnet. Foto: Daniel Peter

    Abwegig ist das nicht. "Bouldern erlebt in den letzten Jahren einen starken Aufschwung", sagt Stefan Winter, Ressortleiter Sportentwicklung beim Deutschen Alpenverein (DAV) in München. Abgeleitet ist der Name vom englischen Wort "boulder" für Felsblock. Im Unterschied zum normalen Klettern, bei dem die Sportler am Seil gesichert senkrechte Wände erklimmen, bewegt man sich beim Bouldern in geringeren Höhen. Klettern ohne Seil in Absprunghöhe, so definiert es der DAV. Weiche Matten am Boden schützen vor Verletzungen.

    "Ich kann sogar wieder einen Klimmzug. Das sollten noch viel mehr Ältere machen."
    Alfons Thiele hat mit 67 Jahren mit dem Bouldern angefangen

    Bundesweit gibt es nach Schätzungen des Alpenvereins rund 150 reine Boulderhallen wie das Rock Inn. In etwa 300 Kletterhallen werden beide Disziplinen angeboten – in Unterfranken beispielsweise in den DAV-Hallen in Würzburg, Schweinfurt, Aschaffenburg, Bad Kissingen und Birkenfeld (Lkr. Main-Spessart) sowie im "Sport Treff 2000" in Niederwerrn (Lkr. Schweinfurt) oder im Kletterstudio Geiselwind (Lkr. Kitzingen).

    Der Sport sei "auf jeden Fall massentauglich", sagt DAV-Mann Stefan Winter. Nicht nur, weil er heute in allen großen Städten angeboten werde. Sondern auch, weil der Einstieg leicht möglich sei. Noch ziehe das Bouldern zwar vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an. "Es geht aber grundsätzlich in jedem Alter.“

    Das beweist in Würzburg zum Beispiel Alfons Thiele. Der 67-Jährige steht auf der hellgrauen Matte, schüttelt die Arme aus und holt tief Luft. Sich an der schrägen Wand festzuhalten ist anstrengend. Aber Thiele "wollte nicht ins Fitnessstudio, das ist mir zu langweilig". Erst in diesem Jahr hat er mit dem Bouldern angefangen. "Es macht einfach Spaß. Der ganze Körper wird trainiert, alle Muskeln, und denken muss man dabei auch." Mittlerweile kommt er mindestens zwei, manchmal sogar drei Mal pro Woche ins Rock Inn. Oft mit der Tochter und den Enkeln. "Ich kann sogar wieder einen Klimmzug", sagt der 67-Jährige und lacht. "Das sollten noch viel mehr Ältere machen."

    Mal steil und anspruchsvoll, mal mit großen Griffen fast wie eine Leiter: Boulder gibt es in verschiedensten Schwierigkeitsgraden. Foto: Daniel Peter

    Möglich ist das. "Es gibt für Jeden Routen, die er klettern kann", sagt Andreas Schmitt. Schwere Boulder, für die man akrobatische Bewegungen beherrschen muss, die richtige Technik und Kraft in den Fingern braucht. Aber auch ganz leicht zu schaffende Routen, zum Beispiel für Kinder oder Einsteiger.

    Mit Baubeginn des Rock Inn haben die Gründer ihre Berufe aufgegeben

    Schmitt sitzt mit den beiden Mitgründern Agustina Falibene und Thomas Meyer in einem der breiten Sessel im Eingangsbereich des Rock Inn. Auf dem flachen Tisch dampft Kaffee in den Tassen, an der Wand dahinter hängen großformatige Kletterbilder. Altmeister Stefan Glowacz an zwei Fingerspitzen am Felsen über dem Abgrund. Bei der Eröffnung des Rock Inn vor vier Jahren war der Alpinist und Abenteurer zu Gast. Er habe selbst schon 1993 eine solche Halle eröffnen wollen, erzählte Glowacz damals. Aber "dann hat uns aber die Courage gefehlt und wir haben bei der Bank einen Rückzieher gemacht".

    Anders die Würzburger. Auch für sie "war es ein Riesenschritt, das zu machen", sagt Thomas Meyer. Jeder sei finanziell ein großes Risiko eingegangen. Er hatte als Produktionsleiter in einem Medizintechnikunternehmen gearbeitet. Falibene ist Biologin, Schmitt Architekt. Mit Baubeginn ihrer Boulderhalle kündigten alle drei ihre Jobs.

    Hat sich das gelohnt? Genaue Zahlen dazu wollen Schmitt und Meyer, die gemeinsam die Geschäfte führen, nicht nennen. "Wir können davon leben und es hauptberuflich machen", sagt Meyer. Nur  Frank Günsche ist nach wie vor als Lehrer in Süddeutschland tätig und ins Alltagsgeschäft nicht involviert.

    "Man hat immer die romantische Idee, man besitzt eine Kletterhalle und kann die ganze Zeit klettern. Aber so ist es nicht."
    Agustina Falibene, Mitgründerin der Boulderhalle Rock Inn

    Die anderen Gründer aber sind "jeden Tag da", sagt Schmitt. Zum Arbeiten, nicht zum Bouldern. "Man hat immer die romantische Idee, man besitzt eine Kletterhalle und kann die ganze Zeit klettern. Aber so ist es nicht", sagt Falibene. "Es bedeutet viel zu tun und wenig Freizeit."

    Kennengelernt hatten sich die Gründer beim Klettern, natürlich. Am Mainkai in Würzburg. An der felsigen Ufermauer treffen sich im Sommer Boulderer aus der Region und schieben sich an winzigen Griffen und Tritten spinnengleich die Wand entlang. "Als Student habe ich dort viel Zeit verbracht", sagt Schmitt. Dort, im Kletter-Mekka Fränkische Schweiz oder in der 2009 eröffneten DAV-Kletterhalle im Würzburger Stadtteil Zellerau. Der Sport in der Vertikalen stand immer im Mittelpunkt.

    Ziel beim Bouldern ist es, Probleme mit akrobatischen Bewegungen zu lösen

    Das gilt auch für Thomas Meyer. Der 35-Jährige baute schon als Kind seine erste Boulderwand, mit dem Bruder und Freunden auf dem Dachboden. Heute klettert seine ganze Familie, die beiden Kids sind genauso begeistert wie der Vater. "Der Spaß ist wichtig", sagt Meyer. "Oft erzählen uns Leute: Jetzt war ich drei Mal in der Woche hier und es hat sich gar nicht so angefühlt, als ob ich zum Sport gehe."

    Jetzt, am späten Vormittag, füllt sich die Halle langsam. Jugendliche stehen in kleinen Gruppen vor den Wänden. Finger weisen den besten erdachten Weg, immer wieder erklingt ein lautes "auf geht’s, geht scho" zur Motivation. "Der Reiz liegt darin, gemeinsam die Probleme zu lösen", sagt Meyer. Dafür braucht es Konzentration, alles Denken ist beim Bouldern auf den Moment fokussiert. Das gilt für Freizeitsportler wie für Profis.

    Alexander Megos beim Boulderweltcup in München. Der Kletter-Profi aus Erlangen tritt 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio für Deutschland an. Foto: Lino Mirgeler

    Denn Bouldern funktioniert auch als Wettkampf. 2020, wenn Klettern in Tokio erstmals olympische Disziplin wird, ist es Teil des neu geschaffenen Formates Olympic Combined. Die Sportler sammeln dabei Punkte im Lead (dem klassischen Klettern am Seil), im Speed (Klettern auf Zeit) und eben im Bouldern. Bei letzterem versuchen die Athleten die vorgegebenen Routen vom markierten Start bis zum letzten Griff, dem Top, zu durchsteigen – möglichst ohne zu fallen. Der Zielgriff muss dann mit beiden Händen drei Sekunden gehalten werden. Das ist nicht immer leicht.

    Im Rock Inn variiert die Schwierigkeit der Routen deshalb deutlich. Von vielen Bouldern mit extra großen Abstiegshenkeln, an denen Anfänger vorsichtig wieder nach unten klettern können, bis zu weiß markierten Linien, die laut Skala "am Rande des Menschenmöglichen" sind. "Die Boulder sind das Herzstück der Halle, da stecken wir viel Zeit und Energie rein", sagt Thomas Meyer. Nach wie vor packen der 35-Jährige und Schmitt selbst mit an, schrauben regelmäßig neu.

    Jetzt steht Schmitt wieder vor dem weißen Boulder im Überhang. Die Hände vergräbt er tief im Magnesium-Beutel, zieht sie kurz darauf schneeweiß wieder heraus. Das Pulver hilft gegen schweißnasse Finger, die abrutschen würden. Ohne zu zögern schwingt sich der 34-Jährige an die Griffe, zwei Züge, ein schneller Fußwechsel, schon hängt er erneut kopfüber an der Wand. Ein kurzes Keuchen, er pendelt. Der linke Schuh findet Halt an einem winzigen Tritt, die rechte Hand schnellt hoch, berührt das Top. Und rutscht wieder ab. Schmitt schüttelt den Kopf. Ärgert sich. Lacht. Noch mal von vorne.

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