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    Würzburg

    Woher der Würzburger Vierröhrenbrunnen sein Wasser bekommt

    Beliebter Treffpunkt in Würzburg: der Vierröhrenbrunnen (Archivfoto, derzeit wird der Brunnen restauriert). Foto: Patty Varasano

    Das kleine Gebäude sieht merkwürdig aus. Unzählige Menschen gehen täglich daran vorbei, aber kaum jemand bemerkt es. Das liegt zum einen daran, dass es nicht sonderlich aufregend wirkt, und zum anderen, dass es ziemlich versteckt unter hohen Bäumen sein Dasein fristet. Wobei der Begriff „sein Dasein fristen“ dem Gebäude nicht gerecht wird, schließlich ist in seinem Inneren jede Menge los und es ist von enormer Wichtigkeit für die Würzburger. Wer könnte das besser wissen als Armin Lewetz, der Geschäftsführer der Trinkwasserversorgung Würzburg GmbH (TWV)!

    „In diesem sockelartigen Gebäude befindet sich die Bahnhofsquelle“, sagt er und fährt fort: „Es begann 1733, als beim Festungsbau die Quelle A entdeckt wurde. Baumeister Balthasar Neumann ließ sie mit der Quelle B zusammenschließen, die schon Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn um 1600 im Ringpark hatte fassen lassen.“ Über ein hölzernes Rohrleitungssystem floss das Wasser dann in die Stadt. „Ziel war, die neu gebaute Residenz, aber auch einige öffentliche Brunnen mit Wasser zu versorgen“, erklärt Lewetz. Der bekannteste dieser Brunnen ist der Vierröhrenbrunnen vor dem Rathaus. „Er wird von so vielen Menschen bewundert und fotografiert, aber die wenigsten wissen, dass er seit über 300 Jahren von der immer gleichen Quelle gespeist wird“, ist der TWV-Geschäftsführer überzeugt.

    Versteckt gelegen und doch so wichtig: die Bahnhofsquelle. Foto: Eva-Maria Bast

    Das Wasser der Bahnhofsquelle floss lange Zeit nutzlos in einen Graben

    Doch der Weg zum sprudelnden Brunnen war lang: 1730 hatte Balthasar Neumann dem „prachtliebenden Fürstbischof Friedrich Carl“, wie der Publizist Werner Dettelbacher ihn in einer Veröffentlichung von 1980 nannte, erzählt, dass es die Möglichkeit gebe, Wasser vom Steinbruch am Faulenberg in die Altstadt zu leiten. Bei der Neujahrsaudienz am 1. Januar 1733 verkündete der Fürstbischof das Vorhaben, eine Quellwasserleitung in die Altstadt zu legen. Am 3. Februar schlug der Oberrat Plätze vor, an denen man Röhrenbrunnen errichten könne. Am 10. Februar legte Neumann dem Fürstbischof seine Pläne erfolgreich zur Genehmigung vor und machte sich sogleich ans Werk, die besonders starke Quelle, eben jene auch als Quelle A bekannte Bahnhofsquelle, zu fassen. Sie war „bislang nutzlos in den Graben vor der Bastion 15 gelaufen“, wie bei Dettelbacher nachzulesen ist.

    Die wenigsten wissen, dass der Vierröhrenbrunnen seit über 300 Jahren von der immer gleichen Quelle gespeist wird." 
    Armin Lewetz, Geschäftsführer der Trinkwasserversorgung Würzburg GmbH

    Neumann führte sie „in einem Kanal längs der äußeren Grabenwand bis nahe an den einspringenden Winkel der Bastion (…). In einem steinernen Querdamm wurde das Wasser über den abfallenden Graben und durch die steinerne Bastion gelenkt. Hinter der Mauer richtete Neumann ein Pumpwerk mit vier Stiefeln [Zylindern] ein, das bei einem Gefälle von 3,5 Metern von zwei großen oberschlächtigen Wasserrädern betrieben wurde“, schreibt Dettelbacher weiter. Und: „Während etwa Dreiviertel des zufließenden Wassers zur Kraftgewinnung benötigt wurden, kam der Rest in einen Wasserturm, der auf dem Wall stand. Er war 21 Meter hoch und stand nahe beim Teufelstor. Heute würde er, hätte man ihn nicht 1865 abgebrochen, mitten im ,Kaisergärtchen‘ zwischen Bahnhofs- und Kaiserstraße stehen. Untergebracht waren zwei Hochbehälter, von denen der obere ein Drittel der Wassermenge für Bedürfnisse der Residenz, der untere zwei Drittel für die Stadtbrunnen speicherte.“

    Erst kam nur Luft aus der Wasserleitung

    Die erste Leitung sei zu einem Brunnen am Juliusspital gelegt worden, „wo Neumann zunächst provisorisch neun Röhren an einen Pfahl bindet“, schreibt Dettelbacher. „Als das Wasser nicht sogleich hervorsprudelt, weil erst die Luft aus den unter der Erde verlegten hölzernen Rohren weichen muß, zieht man über den abwesenden Neumann her, ist aber hoch zufrieden, als das Wasser schließlich läuft und bestaunt den Brunnen gebührend.“ Und begeistert ist das Publikum natürlich auch, als der Brunnen vor dem Rathaus, der Vierröhrenbrunnen, zu „springen“ beginnt. Endlich muss man nun nicht mehr mühsam Grundwasser schöpfen!

    TWV-Geschäftsführer Armin Lewetz vor dem Brunnenhaus der Bahnhofsquelle. Foto: Eva-Maria Bast

    Der Fürstbischof kann dem freudigen Ereignis nicht beiwohnen, er weilt in Wien, wo ihm aber von der Begeisterung der Bürger berichtet wird: „Einige stehen mit Krügen, Einige mit Gläser andere mit bütten da, das wasser zu hohlen, Einer drinckhet auß der Röhren, der andere haltet den hutt auf und thun nicht anderst, als laufete wein heraus.“ Der begeisterte Fürstbischof verspricht: „Daß unsere getreue bürgerschafft am denen Von uns gnädigst angeordneten springbrunnen eines beständigen und lebendigen gesunden wassers große freud bezeuget hat, also werden Wir auch fernerhin nichts unterlassen, was zu aufnahm (Förderung) des gemeinen Stattweesens gereichig ist.“

    Nach dem Start ruhte der Ausbau der Wasserleitung erst einmal jahrzehntelang

    Trotz des vollmundigen Versprechens des Fürstbischofs ruhte der Ausbau der Wasserversorgung anschließend für eine lange Zeit, der Großteil der Bürger musste nach wie vor Wasser aus eigenen oder öffentlichen Brunnen schöpfen. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in der Stadt 634 private Brunnen sowie 30 öffentliche Pump- und zwölf Ziehbrunnen. Dettelbacher findet es merkwürdig, dass der Ausbau der Wasserversorgung so lange brach lag: „Doch es ist verwunderlich, dass auch nach 1835, als die ersten Eisenbahnlinien gebaut und die Dampfschifffahrt auf dem Main die Stadt dem Handel öffnete, der Bürger der Biedermeierzeit, aufgeschlossen für Musik und Theater, feinen Speisen und Getränken und einem behaglichen Wohnkomfort zugetan, sich noch wie eh und je das Trink- und Brauchwasser am Brunnen holen ließ“, meint er und fährt fort: „Zwar herrschte bis in die Eisenbahnzeit ein Überangebot an Dienstkräften, vor allem an ‚Mädchen vom Lande‘ in Würzburg, gab man die ‚große Wäsche‘ oft in die Wäschereien ab, doch war die Wasserbeschaffung schon zeitraubend und lästig für die Familien, die sich keine Hilfskräfte leisten oder Kinder zum Brunnen schicken konnten.“

    Erst nach dem Großen Brand von Hamburg im Jahr 1842 sei das Umdenken gekommen. Allüberall wurden nun Leitungen gebaut, die die Bevölkerung nicht nur mit Trink- sondern auch mit Löschwasser versorgen sollten. „Da damals technische Neuerungen von den Zeitgenossen ebenso ausgiebig besichtigt wurden wie die Naturschönheiten und Kunstschätze Italiens und Griechenlands, so kamen bald begeisterte Berichte auch nach Würzburg, wo man, genau genommen, seit 1733 nichts mehr investiert hatte“, beschreibt Dettelbacher die Wahrnehmung des Mangels. Und es bestand ohnehin dringender Handlungsbedarf: Immer weniger Wasser floss durch Neumanns Bleileitung, aber immer mehr Bürger verlangten durch den Bevölkerungszuwachs danach. Die Schlangen an den Brunnen wurden länger, die Stimmung schlechter.

    Ab Mitte des 19. Jahrhunderts floss das Wasser auch in Privathaushalten

    Nach langen Überlegungen erließ der 1. Bürgermeister Dr. Josef Friedrich Treppner am 11. August 1854 die Bekanntmachung "Die Verbesserung der Bronnenleitung in der Stadt Würzburg betreffend". Bürger konnten sich wegen eines Hausanschlusses melden: „Die Stadtwasserkunst erbietet sich, nachdem die Anlage der nöthigen Werke vollendet sein wird, in jede Wohnung welche innerhalb des Bereichs ihrer Leitung liegt, gegen Bezahlung so viel Wasser zu liefern, als erfordert oder gewünscht wird.“ Am 1. Oktober 1856 floss das Wasser in die Haushalte, die sich um einen Hausanschluss beworben hatten, insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt 144 Grundstücke erschlossen worden. Die Bahnhofsquelle spielte dabei immer noch eine entscheidende Rolle. Und das tut sie noch heute.

    Lewetz sagt: „Etwa 25 Prozent unseres Trinkwasserbedarfes können wir mit diesen hier zusammengefassten Quellen decken, also in erster Linie mit der Quelle A, die wir hier fassen. Das ist eine ganz wichtige Anlage für uns, und wir sind Balthasar Neumann noch heute dankbar dafür, dass er sie gefasst hat.“ Und dem prachtliebenden Fürstbischof natürlich auch.

    Text: Eva-Maria Bast

    Der Text stammt aus dem Buch „Würzburger Geheimnisse - Band 2“ von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand. Das Buch enthält 50 Geschichten zu historischen Geschehnissen und Orten. Präsentiert werden die Begebenheiten jeweils von Würzburger Bürgern.

    Bearbeitet von Torsten Schleicher

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