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    Würzburg

    "Würzburg liest" will den vergessenen Max Mohr neu entdecken

    Max Mohr mit seiner Frau Käthe in ihrem Bauernhof in Wolfsgrub bei Rottach Egern, wo beide gemeinsam abseits der Metropolen lebten. Foto: Nicolas Humbert

    In seiner Heimatstadt ist der aus Würzburg stammende Schriftsteller Max Mohr nahezu völlig in Vergessenheit geraten. Während der Weimarer Republik galt Max Mohr als "shooting star" unter den deutschen Theaterautoren und seine Stücke, vor allem "Ramper",  stießen auf riesige Resonanz. Jetzt soll Max Mohr für Würzburg neu entdeckt werden. Sein erstmals 1933 erschienener Roman "Frau ohne Reue" steht im Mittelpunkt der zum vierten Mal stattfindenden Leseaktion "Würzburg liest ein Buch", die vom 23. April bis zum 3. Mai 2020 durchgeführt wird. Bei einer Pressekonferenz stellte Elisabeth Stein-Salomon, die Vorsitzende des "Würzburg liest ein Buch" e.V.  Buch und Autor vor. 

    Max Mohr wurde am 17. Oktober 1891 als Sohn des jüdischen Malzfabrikanten Leon Mohr in Würzburg geboren. Er besuchte das Königlich Neue Gymnasium, das heutige Riemenschneider-Gymnasium. Nachdem der abenteuerlustige junge Mann zunächst durch den Orient reiste, studierte er danach Medizin in Würzburg und München. Im Ersten Weltkrieg war er Regimentsarzt und geriet 1917 in englische Kriegsgefangenschaft. Unter dem Eindruck seiner Kriegserlebnisse gab Mohr den Arztberuf auf und beschloss, Schriftsteller zu werden. 

    Heute würde man Max Mohr einen Aussteiger nennen

    1919 heiratete er die Hamburgerin Käthe Westphal, die wie auch Mohr aus einem wohlhabenden Elternhaus stammte. Heute würde man das junge Paar als "Aussteiger" bezeichnen, denn sie sagten sich von ihrem großbürgerlichen Leben los und begannen auf einem Bauernhof in Wolfsgrub bei Rottach Egern ein einfaches Leben. Mit seinem Theaterstück "Improvisationen im Juni" erlebte er seinen schriftstellerischen Durchbruch. Er stand in Briefkontakt zu schriftstellerischen Größen wie Thomas Mann, D.H. Lawrence oder Oskar Maria Graf. Insgesamt schrieb Mohr zwölf Bühnenwerke, die auf allen großen Bühnen, im Falle "Ramper" sogar in den USA, erfolgreich aufgeführt wurden.    

    Der gebürtige Jude, der sein Judentum jedoch nicht öffentlich lebte, wanderte 1934 nach Shanghai aus. Zuvor verlief sein Leben in Deutschland in unruhigen Bahnen und war gekennzeichnet von Arbeitslosigkeit, Hunger und Wirtschaftskrise. Dabei hielt er sich viel in Berlin auf, um seine schriftstellerische Karriere zu forcieren. Als Jude fand er jedoch in Deutschland weder als Art noch als Autor eine Lebensgrundlage. Im chinesischen Exil baute er sich eine Arztpraxis auf und behandelte unter den chaotischen Verhältnissen des chinesisch-japanischen Krieges unzählige Patienten. Der Workaholic und Kettenraucher starb 1937 in Shanghai an einem Herzinfarkt.  Nach dem Tod im Exil gerieten Autor und Werk in Deutschland schnell in Vergessenheit.

    Max Mohr pflegte Kontakte zu vielen bekannten Autoren seiner Zeit, hier bei einem Treffen mit Heinrich George. Foto: Nicolas Humbert

    Neue Ausgabe von "Frau ohne Reue" für die Leseaktion

    Das will die Arbeitsgemeinschaft "Würzburg liest ein Buch" ändern. Deshalb ist für die Leseaktion der Roman "Frau ohne Reue" im Weidle Verlag, der 1994 schon eine Neuauflage des Buches veröffentlichte, neu erschienen und ab sofort im Buchhandel erhältlich. Auch wenn, wie es schon der Titel sagt, eine Frau im Mittelpunkt des Romangeschehens steht, sei das Buch kein Frauenroman, sagt Stein-Salomon. Die Sprache sei "frisch und schnell" und die Handlung habe Sprünge und Wendungen. Dennoch sei der 185-seitige Roman leicht zu lesen. Es gehe darum, wie sich Lebensträume durch Aussteigen verwirklichen ließen, was ein durchaus aktuelles Thema sei.

    Der Würzburger Historiker Roland Flade hat für die Neuauflage eine 25-seitige "Biographische Skizze" verfasst, in der er das unstete Leben Max Mohrs beschreibt. Bei der Buchpräsentation wies er darauf hin, dass Mohr in Würzburg in den letzten Jahren so gut wie vergessen war. 1992 habe es eine Lesung von Wolfgang Schulz gegeben und Anfang der 90er-Jahre habe das Theater Chambinzky "Ramper" mit Rainer Appel in der Titelrolle aufgeführt. Appel, der der Buchvorstellung beiwohnte, sprach von einer "erstaunlichen Resonanz", die die rund 30 Aufführungen seinerzeit gefunden hätten. 

    Um die 100 Veranstaltungen werden erwartet

    Für die nächstjährige Leseaktion haben Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die gemeinsame Schirmherrschaft übernommen. Wie Daniel Osthoff vom "Würzburg liest"-Vorstand erklärte, sei der Verein "nicht Veranstalter, sondern Anschieber" von zahlreichen Aktionen. Er erwartet wieder um die 100 Veranstaltungen rund um den Roman. 

    Um dieses Buch geht es bei der Leseaktion "Würzburg liest ein Buch" im nächsten Jahr: Max Mohrs Roman "Frau ohne Reue", der erstmals 1933 erschienen ist. Foto: Weidle Verlag
    Wissenswertes zu "Würzburg liest ein Buch" 2020
    Bei der Leseaktion 2020 arbeitet "Würzburg liest ein Buch" eng mit Nicolas Humbert, einem Enkel Max Mohrs, zusammen. Er wird unter anderem eine Ausstellung über den Schriftsteller rekonstruieren und einen eigenen Film über seinen Großvater mitbringen. Humbert wird auch am eröffnenden Festakt am 23. April dabei sein.
    Da Schulen ein wichtiger Partner der Leseaktion sind, werden Roland Flade und Hans Steidle im Oktober eine Lehrerfortbildung veranstalten.
    Am 5. April wird Medizinhistoriker Florian Steger, der Herausgeber des opulenten Bandes "Korrespondenzen", aus diesem Buch lesen. Es dokumentiert Briefe Mohrs an seine Frau Käthe und an Thomas Mann. 
    Das Mainfranken Theater wird am 26. April Max Mohrs Stück "Improvisationen" als szenische Lesungen aufführen. 
    Aktuelle Informationen zu "Würzburg liest ein Buch": www.wuerzburg-liest.de 
    Infos zum Buch: Max Mohr, Frau ohne Reue, Weidle Verlag, 224 Seiten, 14 Euro, ISBN 978-3-938803-95-0

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