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    Würzburg

    Würzburger Adventskalender: Als das Christkind vom Himmel kam

    Adventskalender-Autorin Margit Rotter kann sich noch gut an einen ganz besonderen Heiligabend erinnern, als sie als kleines Mädchen stundenlang aufs Christkind wartete.
    Foto: dpa

    An Heiligabend war es in meiner Familie Brauch, dass ein Christkind zu uns nach Hause kam. Am Abend versammelten sich Mama und Papa, Oma und Opa, Tanten und Onkel bei uns in der Küche. Alsbald klingelte es an der Haustür und über die Treppe schwebte ein wunderbares Wesen in unsere Wohnung, engelsgleich, in ein weißes Brautkleid gehüllt und einen Brautschleier vor dem Gesicht.

    Das Christkind sah und wusste einfach alles. Kein Wunder, bei dem großen goldenen Buch, das es dabei hatte. Sogar dass ich das Bierglas von Onkel Kurt zerbrochen hatte und dies eisern leugnete, war dort zu lesen. Ich habe dann umso inniger gebetet, ein Gedicht aufgesagt und gesungen und irgendwann fasste mich das Christkind an seine Hand und ging mit mir ins Wohnzimmer. Dort fand das Staunen kein Ende. Am Christbaum versprühten die Funken der Wunderkerzen einen fast mystischen Zauber. Der Tisch war reich gedeckt und unter dem Baum lagen die Geschenke. Ergriffen sangen wir Weihnachtslieder. Gefangen vom Glanz des Weihnachtszimmers bemerkte ich gar nicht, wie schnell das Christkind verschwunden war.

    Den ganzen Nachmittag nach dem Christkind Ausschau gehalten

    Aber einmal sah ich, wie das Christkind vom Himmel herunter kam. Ich war wohl mit meinen vier Jahren an jenem besagten Heiligabend noch etwas ungeduldiger als sonst. Mein Vater stellte mich mit den Worten ruhig: „Margit, schau zum Fenster raus. Dann siehst du, wie das Christkind über der Kirche vom Himmel herunter kommt“. Ich kniete mich auf die Holzkiste, die vor dem Fenster stand, von dem aus wir unsere kleine katholische Kirche sahen.

    Den ganzen Nachmittag lang blickte ich auf den Kirchturm, obwohl mir bald die Knie schmerzten. Endlich, als es zu dämmern begann, zog eine Wolke von Osten her auf und blieb exakt über dem Kirchturm stehen. Da schlüpfte doch das Christkind aus der Wolke und rutschte die Turmhaube herunter! Voller Freude sprang ich zu meinen Eltern: „Ich habe das Christkind gesehen, es ist den Kirchturm herunter gerutscht!"

    Heute würde man solch ein Schauspiel sicher nicht mehr aufführen und die Frage ist berechtigt, was ein brautähnliches Wesen mit dem Kind in der Krippe zu tun hat. Für mich war das Christkind die erste Gotteserfahrung. Es wusste einfach alles von mir. Aber das Christkind hat nie bestraft. Und irgendwann fasste es mich an seine Hand und ging mit mir von der dunklen Küche ins hell erleuchtete Weihnachtszimmer. So möchte ich am Ende meiner Tage einmal ankommen. Dort im Himmel.

    Text: Margit Rotter

    Margit Rotter ist Leiterin des Diözesanbüros Würzburg.

    In der Kolumne „Würzburger Adventskalender“ erzählen Menschen aus Würzburg Anekdoten rund um Advent und Weihnachtsfest.

    Bearbeitet von Torsten Schleicher

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