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    Würzburger Kinderarzt: Wir brauchen keine Impfpflicht, wir haben mündige Bürger!

    Symbolfoto: Masernimpfung Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

    Die Masernimpfung ist wichtig und richtig, sagt Professor Johannes Liese, Leiter für pädiatrische Infektiologie und Immunologie am Universitätsklinikum Würzburg. Trotzdem hält der Kinderarzt, der seit drei Jahrzehnten an Impfungen forscht, die generelle Impfpflicht, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sie fordert, für falsch. Warum, erklärt er im Interview.

    Prof. Johannes Liese, Oberarzt am Universitätsklinikum Würzburg Foto: Matthias Emmert

    Frage: Herr Prof. Liese, Sie befürworten eine Impfpflicht gegen Masern für das medizinische Personal der Uniklinik. Doch die Forderung nach einer generellen Impfpflicht halten Sie für falsch, warum?

    Johannes Liese: Weil hier ein Problem heraufbeschworen wird, das die Fakten nicht hergeben. 

    Inwiefern? Noch immer sind die Masern in Deutschland nicht ausgerottet.

    Liese: Die Impfquoten für die erste Masernimpfung liegen bei 97 und für die zweite bei 93 Prozent. Damit liegt nur die zweite Masernimpfung knapp unter den erforderlichen 95 Prozent. Die Impfbereitschaft hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Vor zehn Jahren lag die Quote bei der zweiten Impfung nur bei 30 Prozent. Wir haben über Aufklärung bei vielen Eltern erreicht, dass sie Impfungen ihrer Kinder zustimmen. Ich befürchte, dass wir dieses Vertrauen in Impfungen durch eine Impfpflicht erschüttern.

    Woran machen Sie das fest?

    Liese: Daten aus den USA belegen, dass die Impfquoten in einzelnen Bundesstaaten, in denen es eine Impfpflicht gibt, nicht notwendigerweise besser sind als dort, wo es keine gibt. Das liegt daran, dass Eltern die Ausnahmeregeln, die es bei jeder Impfpflicht geben muss, sehr stark in Anspruch nehmen bis hin zu den Fällen, in denen sie ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken.

    Unter welchen Voraussetzungen wäre denn eine Ausnahme legitim?

    Liese: Aus medizinischer Sicht gibt es nur einen Fall: Wenn jemand einen Immundefekt hat oder eine immunsuppressive Therapie erhält, dann kann er nicht mit einem Lebendimpfstoff geimpft werden.

    Was ist die größte Angst der Impfgegner?

    Liese: Die meisten haben Angst vor Nebenwirkungen.

    Zu Recht?

    Liese: Nein. Keine der allgemein empfohlenen Impfungen in Deutschland führt bei korrekter Anwendung nach wissenschaftlicher Evidenz zu einem bleibenden Impfschaden. Es gibt erwiesene Nebenwirkungen wie hohes Fieber und sehr selten Fieber assoziierte Krampfanfälle. Impfgegner finden aber immer wieder neue vermutete Zusammenhänge. So wurde die Masernimpfung fälschlicherweise beschuldigt, ein Auslöser von chronischen entzündlichen Darmerkrankungen und sogar Autismus zu sein. Obwohl das durch viele Studien widerlegt ist, wird ein Teil der Eltern immer wieder dadurch verunsichert. Doch die allermeisten entscheiden sich heute aus Überzeugung für eine Masernimpfung. Diesen Erfolg sollten wir nicht durch eine Impfpflicht gefährden.

    Doch es gibt immer wieder große Masernausbrüche. Gerade steht ein Kreuzfahrtschiff der Scientology-Organisation mit über 300 Passagieren bei Curaçao unter Quarantäne, weil man Angst hat, dass sich die Masern an Orten verbreiten, an denen das Risiko schwerer Komplikationen viel größer ist, beispielsweise in armen Ländern, in denen die Menschen weniger Abwehrkräfte haben.

    Liese: Die gibt es. Doch wie groß ist das Problem in Deutschland wirklich? Würden wir Masern nicht impfen, würden pro Jahr etwa 700 000 Menschen erkranken. Wir hatten 2018 nur noch etwa 500 Erkrankte. Die Tendenz ist seit Jahren rückläufig. Schwere Komplikationen und Todesfälle erwarten wir erst bei Zahlen ab tausend Erkrankten, wie beim letzten großen Ausbruch in Berlin 2015. Dazu kommt: Zwei Drittel der Masern-Fälle sind Erwachsene, die man mit der Impfpflicht überhaupt nicht erreichen würde.

    Das heißt, die Gefahr von Masern wird Ihrer Meinung nach überschätzt?

    Liese: Wenn wir eine drohende Gesundheitsgefahr für der Bevölkerung hätten - beispielsweise Dutzende Masern-Tote pro Jahr - würde ich eine Impfpflicht fordern. Zum Vergleich: Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 6000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, doch die Impfquote gegen HPV (humane Papillomaviren) liegt bei nur 50 Prozent. Hier haben wir ein echtes Problem mit der Durchimpfungsrate, vor allem weil organisatorische Strukturen für die HPV-Impfung fehlen. Mit der Diskussion über die Masern wird etwas herausgepickt, das ich nicht für so eminent wichtig halte, als dass man ein Grundrecht wie das Selbstbestimmungsrecht außer Kraft setzten sollte. Wir haben mündige Bürger, die diese Entscheidung für sich und ihre Kinder selbst treffen können.

    Was würden Sie tun, um die Impflücke zu schließen und die Masern auszurotten?

    Liese: Es fehlen gute Informationskampagnen, vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene. Die meisten kennen ihren Impfschutz nicht, da dieser nicht regelmäßig abgefragt wird. Die Impfung gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten wird beispielsweise alle zehn Jahre empfohlen. Trotzdem haben nur 30 Prozent der Erwachsenen einen ausreichenden Schutz. Wir brauchen ein funktionierendes Recall-System, zum Beispiel durch die Krankenkassen. Oder wir orientieren uns an erfolgreichen Impfmodellen anderer Länder. In England werden die Eltern an Schulen über die HPV-Impfung informiert und entscheiden dann, wenn ihre Kinder nicht an der Impfung teilnehmen sollen. Die Impfquoten gegen HPV liegen dort bei über 80 Prozent. Dies zeigt, dass gerade auch Schul-Impfungen ein geeignetes Mittel wären, um Impfquoten zu verbessern.

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