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    Würzburger Mediziner: "Unbeschreibliche Greueltaten"

    Die Menschen im Osten der Demokratischen Republik Kongo leiden unter Gewalt, Armut und seit über einem Jahr unter einem erneuten Ausbruch der Ebola-Epidemie. Im Bild ein Behandlungszentrum für betroffene Patienten. Foto: August Stich

    3000 Krankheitsfälle, mehr als 2000 Tote: Seit über einem Jahr wütet das Ebola-Virus im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Über das Missionsärztliche Institut (MI) soll nun von Würzburg aus effektiv geholfen werden. Der MI-Vorsitzende und Chefarzt der Tropenmedizin an der Missio-Klinik Prof. August Stich war vor Ort – und weiß um einen wichtigen Schlüssel im Kampf gegen die Seuche.

    Frage: Herr Stich, was hat Sie in den entlegenen Teil des Kongo geführt?

    August Stich: Es hat in Berichten permanent geheißen, die Bekämpfung von Ebola im Ostkongo scheitere am Widerstand der Bevölkerung. Das habe ich nicht verstanden und deshalb bin ich hingefahren.

    Und sind zu welcher Erkenntnis gelangt?

    Stich: Von vielen Menschen vor Ort wird Ebola nicht als Problem wahrgenommen. Teils wird sogar negiert, dass es Ebola gibt. Oder man hält es für eine Erfindung der Regierung in Kinshasa, die damit die Bevölkerung im Osten schädigen wolle.

    Sie sind nicht allein gereist, sondern mit einem Kardinal aus dem Vatikan…

    Stich: In der Vorbereitung ist uns klar geworden, dass die einzigen verbliebenen moralischen Autoritäten im Kongo die Kirchen sind. Über 80 Prozent der Menschen im Kongo sind Christen, die meisten Katholiken. Regierung, Ordnungskräfte, internationale Organisationen, Experten von außen – sie alle haben keinerlei Glaubwürdigkeit mehr. Deshalb die Idee, mit Kardinal Turkson, praktisch der Entwicklungshilfeminister des Papstes, in die Region zu fahren. Das Ziel war, die Kirche vor Ort zu stärken, um in Zukunft eine ganz wichtige Rolle im Kampf gegen Ebola zu übernehmen.

    Prof. August Stich, Chefarzt der Tropenmedizin an der Missionsärztlichen Klinik, im Gespräch. Foto: Daniel Peter

    Was können Sie da als Missionsärztliches Institut von Würzburg aus beisteuern?

    Stich: Wir können zum einen die fachlichen Dimensionen überblicken, wir kennen uns aus mit Tropenkrankheiten, Prävention, Behandlung, Schutzanzügen und Hygienemaßnahmen. Wir können medizinische Mitarbeiter schulen. Aber wir verstehen auch die Kirche und können jetzt zwischen Fachwelt wie Robert-Koch-Institut oder Weltgesundheitsorganisation und den kirchlichen Netzwerken vermitteln. Und darüber erreichen wir Priester, Frauen- und Jugendgruppen, und damit die Menschen bis in das letzte Dorf.

    Es braucht vor Ort noch deutlich mehr Aufklärung über Ebola?

    Stich: Es braucht vor allem das Vertrauen der Menschen, und das entsteht nur, wenn man sich wirklich kümmert. Die Leute sind skeptisch, wenn etwas von der Regierung kommt. Denn die hat in ihren Augen vor allem Böses in der Region angerichtet. Aber der Staat ist praktisch nicht mehr präsent – dafür viele ausländische Kräfte, die Landnahme oder Islamisierung betreiben, die Bodenschätze ausbeuten. Die Bevölkerung ist jedem Eingreifen von außen gegenüber äußerst misstrauisch. Auch in Sachen Ebola.

    Haben Sie dieses Misstrauen gespürt?

    Stich: Das Vertrauen ist mir in dem Moment entgegengeschlagen, wo ich mit dem Bischof der örtlichen Diözese oder dem Kardinal aus Rom aufgetreten bin. Damit war klar, dass ich keine eigenen Interessen verfolge. Dann waren plötzlich alle Türen offen. Und so habe ich erst von den Widerständen, dem Misstrauen und den Zweifeln der Leute erfahren.

    Im Ebola-Gebiet des Ostkongo: Der Bischof von Butembo segnet Patienten. Foto: August Stich

    Wie haben Sie die Lage der Menschen im Ostkongo erlebt?

    Stich: Der Genozid von Ruanda 1994 findet dort seine grausame Fortsetzung. Es passieren noch immer unbeschreibliche Greueltaten. Die Menschen haben derart existenzielle Probleme, dass Ebola nicht ihr wichtigstes Anliegen ist. Die Situation ist beklemmend. Da sitzt man abends mit Priestern zusammen und die bekommen WhatsApp-Nachrichten mit Bildern von Massakern, die zur gleichen Zeit in einem Dorf keine 15 Kilometer entfernt stattfinden.

    Das sind Milizen?

    Stich: Über 100 bewaffnete Gruppen, die unabhängig voneinander agieren. Eine staatliche Kontrolle gibt es im Osten Kongos nicht mehr.

    Und wieweit greift Ebola um sich?

    Stich: Zum Zeitpunkt meines Besuches im August war die Situation außer Kontrolle. Die Sterblichkeit war größer als beim Ausbruch in Westafrika vor einigen Jahren - obwohl wir inzwischen Medikamente und Impfungen haben. Die Menschen kommen einfach zu spät in die Behandlungszentren, weil sie kein Vertrauen mehr haben.

    Besuch von Prof. August Stich (Missionsärztliches Institut) im Ebola-Gebiet des Ostkongo gemeinsam mit dem römischen Kardinal Turkson (hier beim Händedesinfizieren). Foto: August Stich

    Ist die Epidemie noch örtlich begrenzt?

    Stich: Im Moment ja – auf die beiden Provinzen Nord-Kivu und Ituri. Eine weitere Ausbreitung im Kongo ist leicht möglich, weil die Leute hier viel unterwegs sind. Die Nachbarländer kontrollieren bei der Einreise, geschultes Personal würde dort sofort reagieren. Das hat bisher gut funktioniert.

    In Deutschland bekommt man von der Dramatik wenig mit.

    Stich: In den Medien wird sich das ändern, sobald der erste Fall in Europa auftritt. Aber bis dahin interessiert man sich nicht für etwas, das uns nicht nur aus  humanitären Motiven eigentlich interessieren müsste:  Im Hintergrund agieren Leute, die bewusst für Destabilisierung sorgen, um so an ihr Koltan und andere Rohstoffe heranzukommen. Jeder von uns trägt ein Stück Kongo im Handy bei sich.

    Ärzte und Patient in einem Ebola-Behandlungszentrum im Ostkongo. Foto: August Stich

    Was können Sie als Missio im Kampf gegen Ebola konkret tun?

    Stich: Wir sind dabei, für den Kongo große Projekte mit dem deutschen Gesundheitsministerium und dem Robert-Koch-Institut als Fachstellen vorzubereiten – aber mit der Kirche im Boot. Das Missionsärztliche Institut kann beide Pole, Medizin und Kirche, zusammenbringen. Wir haben jetzt schon nach einem Monat den Eindruck, dass die Fallzahlen zurückgehen. Durch den Besuch von Kardinal Turkson und mit dem Netzwerk dahinter ist es gelungen, die richtigen Botschaften an die Leute zu bringen.

    Was läuft jetzt anders?

    Stich: Der Bischof und die Priester sprechen über Ebola, es gibt Radiosendungen. Durch die Aktivitäten hat die Bevölkerung mehr Vertrauen und wendet sich dem Problem jetzt zu. Es gibt Treffen und man redet über die Krankheit. Da geht es zum Beispiel um Schutzmaßnahmen, um Hygiene und Prävention. Wir bekommen solche Botschaften über die Kirche tatsächlich besser vermittelt.

    Zu Besuch im Ostkongo: Prof. August Stich (Mitte) im Gespräch über Möglichkeiten, die Menschen besser über Ebola aufzuklären. Foto: August Stich

    Und das heißt konkret?

    Stich: Wir finanzieren den Sprit, damit die Mitarbeiter überhaupt in die Dörfer kommen, Desinfektionsmaterialien in die Gemeinden bringen können, Flugblätter, Partnerschaften zu dortigen Krankenhäusern – alles, was die Weltgesundheitsorganisation und andere nicht leisten können, weil sie bisher keinen Zugang zur Kirche und damit nur schwer zu den betroffenen Menschen haben.

    Das heißt, Sie unterstützen finanziell und personell?

    Stich: Mit Geld schon jetzt. Und personell stehen wir am Beginn eines großen Projektes, das wir für die Region über Ebola hinaus anlegen wollen. Wir wollen das gesamte Gesundheitssystem stärken, damit Menschen sich auch gegen andere Krankheiten schützen und wehren können. Wir unterstützen die Kirche vor Ort in ihren vielfältigen Aktivitäten für Gesundheit in einer der vergessenen Regionen der Welt.

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