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    Würzburger vor Ort: "Lager ist ein Skandal für Europa"

    Allein in einer Nacht Ende August kamen 500 neue Flüchtlinge auf Lesbos an. Weil das offizielle Lager überfüllt ist, hausen vielen außerhalb in Verschlägen. Foto: Anthi Pazianou, AFP

    Im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos herrschen katastrophale Zustände: Ausgelegt für 3000 Menschen, leben dort derzeit mehr als 10 000 Geflüchtete auf engstem Raum. Aus der nahen Türkei stranden wieder mehr Migranten. Am Donnerstag warf der Leiter des chronisch überfüllten Lagers hin. Die Würzburger Schulpfarrerin Angelika Wagner und der Syrer Mohamad Albdewi (20) waren vor kurzem für die christliche Gemeinschaft Sant‘ Egidio als Helfer in dem Camp – für Albdewi eine erste Rückkehr an den Ort seiner eigenen Flucht vor vier Jahren. Heute lebt er als angehender Industriemechaniker im dritten Lehrjahr in Würzburg.

     

    Frage: Herr Albdewi, was war das für ein Gefühl, an den Ort der Flucht zurückzukehren?

     

    Mohamad Albdewi: Ein gutes Gefühl. Damals habe ich selbst viel Hilfe gebraucht, ich war noch unter 18. Dass ich jetzt selbst in Moria helfen konnte, das hat mir viel Kraft gegeben. Ich weiß, wie die Menschen dort fühlen und was sie brauchen. Das ist nicht nur Geld, oder Essen und Trinken. Sie brauchen manchmal vor allem ein Lächeln. Das bekommen sie sonst nicht mehr.

     

    Denken wir zu sehr nur an die praktische Versorgung?

     

    Angelika Wagner: Am letzten Abend hatten wir 1100 Leute beim Essen. Viele haben gesagt: Wir bedanken uns für das Essen – aber auch für die Menschlichkeit. Sie hätten sich das erste Mal im Lager – und viele sind über Monate oder Jahre hier – wieder als Mensch gefühlt.

    Aus Würzburg waren Angelika Wagner (3. v.l. hinten) und Mohamad Albdewi (mit Brille) als Helfer für die Gemeinschaft Sant' Egidio im Einsatz in Moria. Foto: Angelika Wagner

     

    Wie ist die Situation im Lager im Vergleich zu 2015?

     

    Albdewi: Damals gab es sogar noch mehr Flüchtlinge. Aber im August 2015 durften wir nur fünf bis sechs Tage bleiben, dann wurde man nach Athen weitergeschickt. Das ist jetzt anders.

    Wagner: Das Frustrierende ist die Blockade, die Leute kommen nicht weg. Das Lager ist völlig überfüllt, es sind 12 000 Menschen dort. Die Leute müssen teilweise zwei Jahre bleiben. Manche haben ihre Asylanhörung erst im April 2021. Es gibt nicht genug zu essen und zu trinken. Das offizielle Lager ist umgeben von Stacheldraht. Die Ankommenden werden von den Sicherheitsleuten angeschrien, teils ausgelacht. Sie müssen in einer Art Käfig zwei bis drei Stunden fürs Essen anstehen. Die medizinische Versorgung ist schlecht, es gibt viel zu wenige Ärzte, wir haben viele Kranke getroffen.

     

    Und wer keinen Platz mehr im Camp findet?

     

    Wagner: Daneben gibt es wegen der Überfüllung noch ein inoffizielles Lager, das sind Zelte an einem Abhang, im Schmutz. Die Leute schlafen auf Pappkartons, haben keine Waschgelegenheiten.

    Mit Sant' Egidio im Flüchtlingseinsatz auf Lesbos: Angelika Wagner und Mohamad Albdewi erzählen, was sie auf der griechischen Insel erlebt haben. Foto: Kathrin Königl

     

    Woher stammen die Geflüchteten?

     

    Wagner: Zu 80 Prozent aus Afghanistan. Die anderen aus afrikanischen Ländern und auch aus Syrien.

     

    Wie sind Sie zu dem Hilfseinsatz gekommen?

     

    Wagner: Die Gemeinschaft Sant‘ Egidio hat schon viele Maßnahmen für Flüchtlinge ergriffen, so etwa von Italien aus humanitäre Korridore eingerichtet, um Menschen auf sicherem Weg nach Europa zu bringen. Weil sich die Situation auf Lesbos verschärft hat, hat sich die Gemeinschaft zu dem Hilfseinsatz entschlossen – ich habe gefragt, ob ich mitkommen kann.

     

    Sie sind dann zu zweit gegangen…

     

    Wagner: Mohamad war unser Schlüssel zu den arabisch sprechenden Personen.

    Das Lager von Moria ist wie ein Gefängnis mit Stacheldrahtzaun abgeriegelt. Foto: Angelika Wagner

    Haben Sie bei den anderen so etwas wie Neid verspürt, weil Sie selbst es nach Deutschland geschafft haben?

    Albdewi: Nein. Eher neue Hoffnung… Ich konnte den Leuten zeigen: Man kann es schaffen - und konnte damit Motivation und Zuversicht geben.

     

    Wie hat Ihr Einsatz konkret ausgesehen?

     

    Wagner: Die Leute hatten Hunger. Wir sind jeden Tag ins Camp gegangen, haben mit ihnen gesprochen, gekocht, sie zum Essen eingeladen. Auch Sprachkurse in Englisch haben wir gemacht, Ausflüge mit den Kindern. Wir hatten zum Schluss eine Gruppe von 60 Helfern aus dem Camp selbst, die mitgearbeitet haben.

    Was sind die größten Probleme im Lager?

    Albdewi: Vor allem medizinische. Wir haben eine schwangere Frau getroffen, die dort ihr Kind verloren hat. Die Leute sollen viel trinken – aber das Wasser ist schmutzig.

    Wagner: Die Hygiene ist ein riesiges Problem. Es gibt viel zu wenige Toiletten und Duschen. Zum Trinken soll jeder eineinhalb Liter Wasser täglich bekommen. Aber es ist wegen der Überfüllung nicht genug da. Die Hoffnungslosigkeit ist groß. Afghanische Männer haben uns gesagt: Auf der Flucht haben wir jeden Tag 50 Prozent unseres Lebens aufs Spiel gesetzt. Hier riskieren wir 100 Prozent. Es kommt zu Gewalt, Bandenkriminalität – und das bei über 600 minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen, die dort leben. Verzweiflung führt zu Gewalt: Als wir dort waren, haben sich zwei Jugendliche gegenseitig erstochen.

    Mohamad Albdewi (2. v.l.) hilft bei der Essensausgabe mit der Sant' Egidio-Gruppe. Foto: Angelika Wagner

     

    Haben die Menschen eine Perspektive wegzukommen oder ist es wie ein großes Gefängnis?

     

    Wagner: Ja, es ist ein Gefängnis. Manche bekommen einen Transfer nach Athen – etwa bei medizinischen Notfällen. Teilweise werden Familien auseinandergerissen. Für die Syrer ist es etwas leichter, weil sie eine Bleibeperspektive haben. Aber Afrikaner und Afghanen haben schlechte Karten. Sie haben das Gefühl: Hier ist Endstation, Europa will uns nicht.

     

    Gibt es Initiativen, die Geflüchteten auf europäische Länder zu verteilen?

     

    Wagner: Eigentlich gibt es Relocation-Programme mit Zusagen europäischer Länder, aber sie wurden nicht vollständig umgesetzt. Man darf Griechenland damit nicht allein lassen. Das ist eine gesamteuropäische Aufgabe. Auch wenn man sagen muss, dass einige Gelder für das Land nicht bei den Flüchtlingen angekommen sind…

    Überfüllt: das Flüchtlingslager von Moria auf Lesbos.  Foto: Angelos Tzortzinis, AFP

     

    Viele in Deutschland kennen die Insel Lesbos als Urlaubsziel. Gibt es noch Tourismus dort?

     

    Albdewi: Ja. Das Camp ist relativ weit von Hafen und Stadt Mytilini und von den Stränden entfernt. Es liegt am Berg, fünf bis zehn Kilometer vom Zentrum weg.

    Wagner: Wobei man die Flüchtlinge in der Stadt sehr wohl sieht – allerdings kein Vergleich zu 2015, als der Hafen voll war mit 29 000 Flüchtlingen. Das wurde geändert. Also Touristen scheint es noch zu geben.

    Was bedeuten die Zustände im Lager für den nahenden Winter?

    Wagner: Es ist eine Katastrophe, die Zelte sind nicht stabil, stehen am Hang, sie drohen abzurutschen.

     

    Sehen Sie eine Lösung?

     

    Wagner: Wir werden die humanitäre Hilfe fortführen. Aber natürlich wollen wir auf politischer Ebene arbeiten und öffentlichen Druck machen. Das Lager ist ein Skandal für Europa. Es ist gewolltes Elend – zur Abschreckung.

    Wer die Hilfe von Sant‘ Egidio auf Lesbos finanziell unterstützen will: Gemeinschaft Sant'Egidio e.V. ,
    Liga Bank, 
    IBAN DE71 7509 0300 0003 0299 99
    Stichwort: "Spende Notfallhilfe Lesbos"

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