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    Bergtheim

    Wurden in Bergtheim Feldhamsterflächen zerstört?

    Wie wohl fühlt sich der Feldhamster in Bergtheim wirklich? Während westlich der Bundesstraße 19in Richtung Erbshausen auf einer kleinen Fläche gerade 26 aktive Hamsterbauten nachgewiesen wurden, ärgern sich Naturschützer darüber, dass vor einigen Wochen eine rund neun Hektar große Ausgleichsfläche bearbeitet wurde. Damit wurde gegen das Tötungs-, Störungs- und Schädigungsverbot verstoßen, ist sich Steffen Jodl, Geschäftsführer der Kreisgruppe Würzburg im Bund Naturschutz (BN) sicher. Die Behörden sehen das aber anders.

    Regierung von Unterfranken: Vorgehen war rechtskonform

    Für die Baugebiete "Sommerrain II" und "Am Wasserturm" musste die Gemeinde Bergtheim Ausgleichsflächen schaffen. Die Kommune stellte dafür knapp neun Hektar im Trinkwasserschutzgebiet "Um die Brunnen" in der Nähe der Pleichach zur Verfügung. "Ende Mai wurde die Fläche gescheibt", räumt Bürgermeister Konrad Schlier ein. Um neu einsäen zu können, sei die Erde gelockert worden. "Das wurde von mir angeordnet", so Schlier. Denn auf den Flächen stand das Gras sehr hoch. "So war die Fläche für den Feldhamster nicht brauchbar", argumentiert der Bürgermeister. "Um das Stück Land wieder den Vorgaben entsprechend herzurichten, wurde das Gras abgemäht, die Fläche vorbereitet und wieder in Streifen mit Getreide, Luzerne und Blühwiese angelegt."

    "Feldhamster sind nachtaktiv und waren von den Pflegeeingriffen nicht betroffen." 
    Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken

    "Der höheren Naturschutzbehörde liegen keine Anhaltspunkte vor, wonach anzunehmen wäre, dass dieses Vorgehen nicht rechtskonform war", teilt Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken mit. Die Naturschützer bei der Regierung halten es für unwahrscheinlich, dass es zu artenschutzrechtlichen Verstößen gekommen sei. Denn Feldhamster sind "nachtaktiv und waren so von den den Pflegeeingriffen nicht direkt betroffen", schreibt Hardenacke. "Zudem dürften die meisten Feldhamster die Flächen aufgrund der für sie zu hohen und dichten Vegetation zum Zeitpunkt der Maßnahme bereits verlassen haben."

    Landwirt sollte einen Schutzstreifen stehen lassen

    Eine Biologin, die die Verhältnisse vor Ort sehr gut kennt, ist fassungslos. "Am Rand der Wiese waren auf jeden Fall Feldhamster", sagt sie - und zwar auf den ersten zwölf bis 15 Metern. Für die Expertin liegt klar auf der Hand: "Das war ein eindeutiger Verstoß gegen das Artenschutzrecht." Durch die Störung sei dem Hamster die Deckung genommen worden. Am Wiesenrand hätte deswegen ein Streifen bleiben sollen, damit sich der Hamster zurückziehen kann. "Eigentlich sollte der beauftragte Landwirt auch einen Schutzstreifen stehen lassen", sagt Schlier. "Aber er hat komplett alles umgemäht." 

    Auch für Steffen Jodl und BN-Vorsitzenden Armin Amrehn liegt ein klarer Verstoß gegen das Artenschutzrecht vor. "Dass die Behörden hier tatenlos zusieht, ist unfassbar", sagt Jodl. Vor allem, weil auf der Fläche nicht nur der Feldhamster heimisch war, sondern auch weitere europarechtlich geschützte Arten, wie beispielsweise die Feldlerche. "Es gilt die Vorgabe, diese Flächen während der Hauptbrutzeit bis Ende Juni zum Schutz der Vögel nicht zu betreten", ärgert sich Jodl über die höhere Naturschützbehörde, die "tatenlos dabei zusieht".

    "Die Neuansaat im Juni 2018 durch die Gemeinde Bergtheim war vom Zeitpunkt her möglicherweise nicht ganz glücklich, aber artenschutzrechtliche Verstöße sind aus unserer Sicht eher unwahrscheinlich und bislang nicht belegt", sagt Hardenacke. "Aus fachlicher Sicht sind wir sogar zuversichtlich, dass die von der Gemeinde durchgeführten Verbesserungen bereits im Herbst erste Erfolge zeigen."

    BN: Wiese im Wasserschutzgebiet eignet sich nicht als Ausgleichsfläche

    Überhaupt hätte die Behörde die Fläche im Bergtheimer Wasserschutzgebiet niemals als Ausgleichsfläche für den Feldhamster anerkennen dürfen, ärgert sich Jodl. Wenn eine Wiese in Ackerland umgewandelt werde, setze sich oft die Vegetation der Wiese wieder durch. So seien der Feldhamster und andere Arten, wie beispielsweise Wiesenbrüter, jetzt schon zwei Mal geschädigt worden. 2017, beim ersten Einsäen. Und nun erneut, "weil die erste Einsaat nicht funktionierte". "Die Flächen sind zwar nicht optimal", räumt die Naturschutzbehörde der Regierung ein, "aber dem Grunde nach geeignet und als Ausgleichsfläche zulässig". 

    "Dass die höhere Naturschutzbehörde hier tatenlos zusieht, ist unfassbar." 
    Steffen Jodl, Bund Naturschutz

    "Die Fläche für den Feldhamster war noch nie eine Fläche für Wiesenbrüter", sagt Bürgermeister Konrad Schlier. Diese würde gegenüber liegen. "Ein Gebiet, in dem zumindest in früheren Jahren Wiesenvögel gebrütet haben, schließt dagegen unmittelbar südöstlich am anderen Ufer der Pleichach an, die sogenannten Bischofswiesen", schreibt auch die Regierung von Unterfranken. Der BN sieht das anders. Jodl hält dagegen: "Warum steht dann der Hinweis auf das Wiesenbrütergebiet direkt vor der umbrochenen Hamsterschutzfläche?" 

    Durch Bodenbearbeitung kommt Nitrat ins Grundwasser

    Und noch eines kritisiert Jodl. Weil die Ausgleichsfläche direkt neben den Brunnen im Trinkwasserschutzgebiet liegen würde, sei bei jeder Bearbeitung der Fläche damit zu rechnen, dass Stickstoff im Boden mobilisiert, sich dadurch Nitrate freisetzen und diese die Qualität des Trinkwassers verschlechtern würde. "Das wirkt sich negativ aufs Grundwasser aus", sagt Jodl.

    "Die Schutzgebietsverordnung für die Trinkwasserversorgung der Gemeinde Bergtheim sieht kein Verbot für den Umbruch von Dauergrünland vor", entgegnet das Landratsamt. "Das ist zwar richtig", sagt Jodl, verweist aber als positive Beispiele auf die Gemeinden Greußenheim und Margetshöchheim, wo im Wasserschutzgebiet landwirtschaftliche Flächen begrünt worden seien, damit eine Bodenruhe einkehrt. 

    Der Bund Naturschutz hat die Vorfälle in Bergtheim auch bei der Polizei angezeigt. Die Wasserschutzpolizei hat mittlerweile die Ermittlungen abgeschlossen und will diese demnächst dem Landratsamt mitteilen. 

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