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    Würzburg

    Zecken: Warum Borreliose so gefährlich ist

    Eine Zecke krabbelt über die Hand eines Mannes. Sticht sie, könnte sie Borreliose übertragen. Foto: Daniel Reinhardt

    Borreliose, die durch einen Zeckenstich übertragen werden kann, sei "eine teuflische Krankheit, die immens verharmlost werde", schreibt ein Betroffener aus dem Landkreis Hassberge in einem Leserbrief an die Redaktion. Was ist das Teuflische daran? Und wird sie wirklich verharmlost? 
    Die Vorsitzende des Borreliose und FSME Bund Deutschland (BFBD), Astrid Breinlinger, nennt Zahlen zur Entwicklung der Infektionen: In Bayern sei 2018 die Zahl der gemeldeten Borreliosen (auch Lyme-Borreliosen oder Lyme-Krankheiten) um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Nach den Zahlen des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ging die Zunahme wieder etwas zurück. 2019 in der ersten Jahreshälfte wurden 1137 Borrelioseinfektionen gemeldet, im gleichen Vorjahreszeitraum 1380.

    Wie viele Borreliose-Fälle bekannt sind

    Meldepflicht gibt es nur in einigen Bundesländern. Genaue Zahlen zu den Infektionen in Deutschland gibt es deshalb nicht, nur Hochrechnungen. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) schwanken diese zwischen 40 000 und 214 000 Infektionen jährlich. Laut Studien sei nach einem Zeckenstich bei 2,6 bis 5,6 Prozent der Betroffenen eine Borrelien-Infektion nachgewiesen worden, so das RKI. Nur ein kleiner Teil der Infizierten erkranke aber. Insgesamt sei bei 0,3 bis 1,4 Prozent der Zeckenstiche mit Krankheitssymptomen zu rechnen. Soweit die nüchternen Zahlen des Bundesinstituts.

    Was das für Betroffene bedeuten kann, erzählt Christopher Brandt von der Würzburger Selbsthilfegruppe des BFDB. Auch wenn die Krankheit bei der weiten Mehrheit ohne größere Probleme vollständig ausheile, gebe es viele Fälle, in denen sie einen schwereren und komplizierteren Verlauf nehme. Bei ihm hätten weder die üblichen Laboruntersuchungen funktioniert, noch die Antibiotikabehandlung gewirkt.

    Warum die Diagnose schwierig ist

    Das kennt Dr. Christian Pfeiffer aus Giebelstadt (Lkr. Würzburg), der Bezirksvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands. „Borreliose ist eindeutig eine sehr komplizierte Erkrankung“, sagt Pfeiffer. „Die Diagnose ist sehr schwierig zu stellen. Es gibt keine verlässlichen Bluttests.“ Da das Immunsystem verzögert Antikörper gegen Borrelien bildet, können sie bei beginnenden Erkrankungen nicht immer im Blut nachgewiesen werden. Entdeckte Antikörper andererseits bedeuten nicht unbedingt eine akute Infektion. Sie können von einer früheren Ansteckung stammen. Der Körper könne nämlich mit einer Borrelien-Infektion manchmal auch allein fertig werden, so Pfeiffer. Ein positiver Antikörpertest könne nur zusammen mit auftretenden Symptomen sinnvoll interpretiert werden.

    Nennt die Borreliose ein "Chamäleon": Dr. Christian Pfeiffer, Facharzt für Allgemeinmedizin und Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes. Foto: Andreas Jungbauer

    Und auch da wird es laut Pfeiffer schwierig. Es gibt nämlich keinen typischen Krankheitsverlauf der Borreliose. „Ich nenne sie immer das Chamäleon in der Medizin“, sagt Pfeiffer. Sie kann verschiedene Organsysteme betreffen, besonders Haut, Nervensystem und Gelenke. Eindeutig zu erkennen sei die Infektion, wenn die Wanderröte kurz nach dem Stich auftritt (bei 60 Prozent der Fälle). Durch Rückenmarkpunktion klar nachgewiesen werden könne auch die spätere Form, die Neuroborreliose, die sich wie eine Hirnhautentzündung äußern kann. Kurz nach einem Zeckenstich auftretende grippeartige Symptome könnten auf eine Borreliose hinweisen. Spätstadien der Krankheit seien unspezifisch, könnten oft erst nach Monaten oder Jahren auftreten, wen der Zeckenstich vergessen sei.

    Warum der Bund eine Meldepflicht fordert

    Der Borreliosebund möchte eine bundesweite Meldepflicht. „Noch immer lehnen die Bundesländer Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Hessen sogar den Dialog mit Patientenorganisationen zur Meldepflicht für Borreliose ab“, so Breinlinger. Das RKI gibt allerdings zu bedenken, dass eine solche Pflicht voraussetze, dass sie helfe, Verbesserungen für den Gesundheitsschutz zu erreichen, also etwa Ansteckungen von Mensch zu Mensch zu vermeiden. Die gebe es aber bei Borreliose nicht.

    Hausarzt Pfeiffer überlegt, eine Meldepflicht könnte vielleicht seine Kolleginnen und Kollegen in sensibilisieren. Denn besonders bei Frühformen sei die wochenlange Beobachtung der Patienten sinnvoll.

    Christopher Brandt von der Würzburger Selbsthilfegruppe verbindet damit die Hoffnung, dass Kranke ernst genommen werden. Auch wenn die Krankheit oft nicht zu erkennen sei: „Die Schmerzen, die Erschöpfung und all die anderen Probleme und Einschränkungen sind aber trotzdem real.“ Außerdem wünscht er sich, dass besser über die Borreliose informiert wird. „Speziell dass viele Leute nicht mehr glauben, die sogenannte 'Zeckenschutzimpfung' würde gegen Borreliose und andere zeckenübertragene Krankheiten schützen, während diese nur Schutz vor der vergleichsweise seltenen FSME (einer Hirnhautentzüdnung durch Viren, d. Red.) bietet.“

    Was Betroffene tun können und sollten

    Die wichtigsten Maßnahmen in der Bekämpfung der Lyme-Borreliose seien therapeutische Leitlinien, so das RKI. Solche haben das RKI, mehrere medizinische Fachgesellschaften und drei Patientenorganisationen 2018 zusammen veröffentlicht. Brandt rät, nach einem Zeckenstich: „Direkt ab zum Arzt, aber keine unnötige Panik. Mit dem richtigen Arzt stehen die Chancen gut, dass die Borreliose glimpflich verläuft.“ Wenn nach der Behandlung Beschwerden blieben, sollte man dran bleiben, sich informieren, Rat und Hilfe suchen, zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen. Eine Liste gibt es unter anderem beim Borreliose- und FSME Bund Deutschland. Die Vorsitzende Astrid Breinlinger kann Betroffenen Hoffnung machen. Sie selbst sei nach zehn Jahren der Erkrankung wieder gesund.

    Was man tun soll, wenn man gestochen wird

    Damit es gar nicht zu einer Infektion kommt, rät Mediziner Pfeiffer, mit langer Kleidung und Stiefeln in Natur und Garten zu gehen. „Dann haben Zecken nur eine geringe Chance.“ Stecht doch eine, sei wichtig, sie schnell und beherzt zu entfernen. Besonders Kinder müssen nach dem Spielen im Freien auch an versteckten Stellen gründlich danach abgesucht werden. Die weiteren Maßnahmen: „Die Stichstelle sechs bis acht Wochen beobachten. Wenn man sich innerhalb einer Woche unwohl fühlt, sollte man zum Arzt gehen.“ Wenn der Stich nur ein paar Tage juckt, gebe es keinen Grund zur Besorgnis.

    Für Hundebesitzer hat Pfeiffer nur einen Tipp: Wenn sein Cockapoo, eine Kreuzung auch Cocker-Spaniel und Pudel, durchs Gebüsch streift und Massen von Zecken im Fell sitzen hat, werden sie einfach rausgemacht.

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