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    Ochsenfurt

    Zufallsfund: Flaschenpost von 1960 wieder aufgetaucht

    Steinwerksbesitzer Paul Hofmann (Mitte) und die ehemaligen Steinversetzer Hans Amend (links) und Heinrich Heer. Hofmann wurde von einer Baufirma kontaktiert, die bei Abbrucharbeiten in Augsburg eine Flaschenpost aus dem Jahr 1960 fand. Die beiden Mitarbeiter hatten den Brief damals aus Spaß hinterlegt. Foto: Daniel Peter

    Es sollte nur ein Gag sein, als zwei Ochsenfurter Steinversetzer unter einer Treppe der neu erbauten Pädagogischen Hochschule in Augsburg eine Bierflasche einmauerten. 1960 war das, und in der leeren Flasche steckte ein Zettel mit den Namen und Geburtsdaten der Spaßvögel aus Unterfranken sowie dem Namen ihrer Firma. Nie hätten sie gedacht, dass diese Flasche jemals wieder ans Tageslicht befördert werden würde - zumindest nicht zu ihren Lebzeiten. Doch genau das ist passiert.

    Hans Amend und Heinrich Heer sind jetzt 83 beziehungsweise 77 Jahre alt. Bis über beide Backen grinsend sitzen sie im Büro von Paul Hofmann und begutachten den vergilbten Zettel, den sie vor annähernd 60 Jahren das letzte Mal in der Hand hielten. Paul Hofmann ist jetzt Inhaber des Ochsenfurter Steinwerks Kraemer Hofmann, für das die beiden Männer damals gearbeitet hatten. Im November 2018 erhielt Hofmann eine E-Mail, die sofort sein Interesse weckte. Der Bauleiter einer Firma aus dem Raum München schrieb, dass sein Unternehmen derzeit die Generalsanierung der ehemaligen Pädagogischen Hochschule in Augsburg durchführe. Dabei habe man eine Flaschenpost gefunden.

    Ein Jahr lang waren die beiden auf Montage

    Der Bauleiter machte das Ochsenfurter Steinwerk ausfindig und schickte eine Mail mit der Kopie des Zettels. Hofmann war begeistert. Schnell informierte der Firmenchef Hans Amend und Heinrich Heer, beide längst Ruheständler und noch immer in Ochsenfurt wohnhaft. An das Projekt "Pädagogische Hochschule" erinnern sie sich gut. Immerhin ein Jahr lang waren die beiden, zusammen mit weiteren Arbeitern des Ochsenfurter Steinwerks, damals in Augsburg auf Montage. Die Zeit war lang, die Arbeit hart.

    Die alten Fotos von Hans Amend zeigen die Kollegen von damals.  Foto: Daniel Peter

    "Es war ein sehr schwerer Beruf", sagt Heinrich Heer, wie Hans Amend gelernter Maurer, aber als sogenannter Steinversetzer beschäftigt. Und ein Beruf, bei dem die Vergütung in keinem Verhältnis zur abverlangten Schufterei stand. Einen Lastwagen mit Kran gab es in den 1960er Jahren noch nicht. "Die kamen erst in den 80ern auf", erklärt Paul Hofmann. Für die Arbeiter hieß das, die schweren Steinplatten vom Lkw heben und zur Baustelle schleppen. 60 bis 70 Kilo kann so eine Platte schon wiegen, schätzt Hofmann.

    Zu schwer für einen einzigen Mann? Mitnichten. "Unter einem Arm die Platte, unter dem anderen einen Eimer Speis, und dann damit die Treppe rauf", beschreibt Hans Amend seinen Arbeitsalltag. Gut getan hat ihm die Plackerei nicht - der Rücken litt massiv, er musste in Frührente gehen. Kein Wunder, dass die Männer, die während ihrer auswärtigen Arbeitseinsätze meist in einer Gastwirtschaft vor Ort wohnten, an den Wochenenden nicht mehr viel unternehmen wollten. "Wir waren zum Schaffen da", sagt Amend.

    "Sonntags fuhr ich mit dem Fahrrad bis nach Ettal und Garmisch."
    Heinrich Heer, Steinversetzer im Ruhestand

    Aber es gab eine Ausnahme. Heinrich Heer war nicht zu bremsen: Als Fußballnarr sauste er, wann immer möglich, in seiner knappen Freizeit ins Augsburger Rosenaustadion. Auf dem Fahrrad der Wirtstochter, das er sich auslieh und auch noch für andere Ausflüge nutzte. Heer wollte sich die Gegend, in der er da arbeitete, schon gerne anschauen. "Sonntags fuhr ich mit dem Fahrrad bis nach Ettal und Garmisch", erzählt er. "Da war der Arsch ganz rot."

    Hans Amend (links) und Heinrich Heer erinnern sich noch gut an das Bauprojekt in Augsburg. Foto: Daniel Peter

    Hans Amend und Heinrich Heer waren jahrelang gemeinsam auf Montage. Oft in der Gegend um Frankfurt, einmal auch in Idar-Oberstein. Dort entdeckte Hans Amend noch andere Schönheiten als die Edelsteine, für deren Verarbeitung die Stadt berühmt ist. Aus einem Lebensmittelgeschäft vor Ort kam nicht nur Amends tägliche Brotzeit, sondern auch seine spätere Ehefrau, die damals dort beschäftigt war.

    "Wir haben schon eine Mords-Vergangenheit", sagt Heinrich Heer im Hinblick auf die vielen Arbeitseinsätze weit weg von zu Hause. Bei der Gattenwahl setzte er dann aber doch auf Bewährtes aus der Heimat und ehelichte die Tochter eines seiner Ochsenfurter Nachbarn - übrigens auch ein Mann aus der steinverarbeitenden Branche.

    Eine alte Bierflasche als Erinnerung

    Paul Hofmann hat für die beiden ehemaligen Steinversetzer Kopien ihrer Flaschenpost angefertigt, zusammengerollt und, originalgetreu in alten Bierflaschen verwahrt, Hans Amend und Heinrich Heer als Erinnerung übergeben. Eigentlich hätte er noch eine dritte Kopie machen müssen, denn auf dem Zettel hatten sich ursprünglich drei Arbeiter verewigt. "Der dritte war einer aus Wettelsheim", erinnert sich Heer. In diesem Ort nahe Treuchtlingen besaß das Steinwerk Kraemer einen Steinbruch für sogenannten Jura-Marmor. Leider ist der Kollege schon verstorben. Auf alten Bildern, die Hans Amend bei sich zu Hause gefunden hat, ist der Mann abgebildet.

    Steinwerksbesitzer Paul Hofmann zeigt den Zettel aus der Bierflasche. Foto: Daniel Peter

    Geschrieben hat, das wissen die beiden Ochsenfurter noch genau, den Zettel damals Hans Amend. "Der konnte gut schreiben" sagt Heer. Ein Hohlraum unter der großen Treppe in der Eingangshalle der Pädagogischen Hochschule schien den drei Arbeitern das ideale Versteck für ihre Flaschenpost. War das eine einmalige Aktion, oder haben die Ochsenfurter Arbeiter auch anderswo noch Andenken an ihr Wirken versteckt? Amend und Heer schauen sich kurz an, das Grinsen wird noch breiter. Ja, schon, sagen sie. Wo sie ihre Bierflaschen sonst noch eingemauert haben, damit wollen sie aber partout nicht rausrücken. Vielleicht kommt ja noch die eine oder andere Sanierung, die dieses Geheimnis zu lüften vermag.

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