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    Randersacker

    Zum Leben braucht man nur neun Kilogramm Gepäck und Menschen zum Reden

    Eduard Hartmann war zu Fuß dem Mythos Jakobsweg auf der Spur. Nach drei Monaten und rund 2800 Kilometern zu Fuß kehrte der 62-jährige Bauingenieur wieder aus Santiago de Compostela nach Hause zurück. Traudl Baumeister sprach mit dem öffentlich bestellten und vereidigten Bau- und Immobiliensachverständigen aus Leinach über seine Pilger-Erfahrungen.

    Was waren Ihre Beweggründe den Jakobsweg zu gehen?

    Den ersten Anstoß gab ein Urlaub in Frankreich und Nordspanien. Dort sah ich Jakobspilger mit Hut, Stock und Rucksack durch die Lande ziehen. In den Städten sah ich die legendäre Muschel. Ich verband mit diesen Wahrnehmungen Gedanken und Gefühle wie Freiheit, Ungewissheit, Respekt, Mut, schöne Landschaften erleben, sich selbst etwas beweisen, zurück zur Natur und spirituellen Erfahrungen. In mir bildete sich aus all dem ein Mythos: der Jakobsweg.
    Hinzu kam, dass sich in mir der Entschluss festigte, nach einem sehr intensiven Berufsleben noch irgendetwas ganz anderes zu machen. In diese Überlegungen hinein eröffnete mir mein Freund Bernhard, er wolle 2018 in den vorzeitigen Ruhestand gehen und den Jakobsweg laufen. Spontan, ohne alle Schwierigkeiten zu bedenken, war ich mit meiner Frau einig: Ich gehe mit. Sie selbst hat leider aus gesundheitlichen Gründen die Möglichkeit nicht.

    Gingen sie einfach los oder was mussten sie planen?

    Ganz so einfach war das nicht. Ein sehr großer Aufwand - auch der größte Kostenfaktor - war für mich als Freiberufler die Organisation meines Büros für die Abwesenheit von drei bis vier Monaten. Alle Projekte laufen ja weiter. Ich brauchte also entsprechende Vertreter.
    Alles andere war vergleichsweise unkompliziert. Im Internet fand meine Frau eine Packliste. Neun bis elf Kilogramm Gepäck, hieß es dort, müssen reichen. Wir planten auch die ersten Übernachtungen: bei meinem Schwiegersohn im Weingut Steigerwald in Randersacker, dann bei Freunden von Bernhard in Wolkshausen. Das war's. Alles andere sollte sich dann selbst ergeben, anhand von Internetadressen, Wanderführern etc.
    Als Routen nach Santiago de Compostela wählten wir diejenige über Taizé und die Weingegend Burgund aus, und dann weiter auf dem Camino Frances.

    Wo und wann ging es dann los?

    Am Tag nach meinem Geburtstag, am 12. März, gingen wir von Leinach los. Für mich war eine Pilgerschaft ein Aufbruch von zu Hause aus, etwas anderes kam nicht in Frage. Ich fühlte mich gesund, abgesehen von Rückenbeschwerden, Venenproblemen im linken Fuß und ungenügendem Training. Aber ich war zuversichtlich: Es wird schon gehen.

    Offensichtlich tat es das ja. Sie kamen vor einer Woche zurück, waren also 2800 Kilometer gemeinsam mit ihrem Freund über drei Monate zu Fuß unterwegs?

    Beinahe. Mein Freund kam erst vor kurzem in Santiago de Compostela an. Bei Pamplona hatte ich so große Probleme mit den Füßen, dass ich ein Stückchen mit dem Zug fuhr und den letzten Teil des Weges allein zurücklegte.

    Was war die wichtigste Erfahrung?

    Zu erkennen, wie einfach Leben sein kann. Dass mir neun Kilogramm Gepäck reichen, einschließlich des Schlafsacks, aller Jacken, des Waschzeugs et cetera, um drei Monate lang mit Sonne, Regen, Schnee und Kälte zurechtzukommen und ich keine Konsumartikel brauche, außer Essen, Trinken, Seife und Zahnpasta.
    Was ich aber brauchte, waren Begegnungen, Gespräche mit Menschen. Deshalb waren die Übernachtungen, das Erleben verschiedenster Lebensweisen, für mich ein wichtiger Teil der Pilgerschaft. Am Ende sehnte ich mich danach, heimzukommen zu meiner Frau. Heimweh nach allem anderen hatte ich nicht; sie und meine Tochter sorgten auch für meine prägendste Erfahrung. Als es mir schwer wurde, morgens aufzustehen und weiterzulaufen, haben sie mir übers Handy ein Pilgerlied vorgesungen, dass mir zum Motto wurde - auch für meine Ruhestandsplanung: "An jedem Morgen, da treibt's uns hinaus, an jedem Morgen raus aus dem Haus! ... Ultrei, Ultreia (= altlat. "Pilger geh weiter"). Mir wurde klar, dass das auch nach dem Berufsleben für mich so sein wird. Dass ich auch dann aktiv bleiben und täglich aus dem Haus gehen will, dann eben mit ganz anderen Aufgaben als zuvor.

    Was würden Sie anderen raten, die ebenfalls pilgern wollen?

    Ich habe unterwegs gelernt: Nicht der Weg, wie ich ihn beschritten habe, ist der alleinig Richtige. So wie jeder seinen Weg gestaltet, so ist es gut und richtig. Daher rate ich, zu überlegen: Was sind meine Möglichkeiten, zeitlich, körperlich, finanziell? Was kann ich mir an Verzicht zumuten, welchen Komfort brauche ich? Danach sollten sich Pilgerwillige kritisch mit der Literatur befassen, insbesondere für Übernachtungsmöglichkeiten. Und dann: Los geht's! Es wird immer ein individuelles Abenteuer sein.

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