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    Würzburg

    Zwischen Touristen in Edfu: Würzburger scannen im Tempel

    Im Innersten des Tempels von Edfu: Professor Martin Stadler beim Überprüfen der Scanergebnisse 
    Foto: Johannes Väthjunker

    Die Jahre, in denen die Ägyptologen den Tempel für sich hatten, sind schon wieder vorbei. Einen knappen Kilometer entfernt nur liegt in Edfu die Anlegestelle der Kreuzfahrtschiffe. Und morgens um acht drängen sich die Massen vor dem Eingang der Anlage, so dass kein Durchkommen ist. Drei Stunden lang wird besichtigt und bestaunt, geknipst und gepostet. Scharen von Besuchern bewundern, was vor 2000 Jahren hier in Oberägypten, zwischen Luxor im Norden und Assuan im Süden, geschah.

    Der Tempel von Edfu gehört bei den Flusskreuzfahrten auf dem Nil fest zum Programm. Der Würzburger Professor Martin Stadler, der zuletzt auch die Zeit erlebt hat, in der die Wissenschaftler die Einzigen waren, die nach Ägypten reisten, sagt: „Der Tourismus ist wieder voll im Gange.“ Vormittags zumindest. Gegen Elf sind die Besuchermassen durch, die Busse wieder weg. Und wenigstens am Nachmittag können die Forscher ungestört und unbedrängt weiterarbeiten – „alleine“.

    Auf Tempel-Tour in Ägypten: Der Horus-Tempel von Edfu gehört zum Standardprogramm. Foto: Simone A. Mayer, dpa

    Der Tempel von Edfu, zwischen 237 und 57 vor Christus zu Ehren des Gottes Horus erbaut, gilt als einer der besterhaltenen und größten in ganz Ägypten. Jahrhundertelang war er bis zu den Kapitellen mit Sand und Schutt überdeckt gewesen. Siedlungsreste hatten sich immer höher aufgetürmt und, sagt Martin Stadler, „das Innere des Tempels zuwachsen lassen“. Als europäische Archäologen ab 1860 die Anlage freilegen ließen, war er deshalb fast komplett erhalten mit seinen mächtigen Pylonentürmen und Toren, mit geheimen Gängen, Säulenhallen, Kapellen. Und mit dem Allerheiligsten – und vor allem mit Wänden voller Hieroglyphentexte.

    Wände von oben bis unten mit Inschriften überzogen

    Ein Schatz für die Ägyptologie. Nirgends sonst kann man so viel über die altägyptische Religion in der ptolemäischen, also griechisch-römischen Zeit erfahren. Kaum anderswo am Nil finden die Philologen so große zusammenhängende Sammlungen von Inschriften der griechisch-römischen Zeit. Weil die Architektur hier so gut erhalten ist, ermöglicht das Heiligtum den Wissenschaftlern in Verbindung mit den Texten einen ganzheitlichen Blick. Der Tempel von Edfu – für Flusskreuzfahrten ein touristischer Höhepunkt, für Altertumswissenschaftler ein Renommierprojekt. Und Martin Stadler, seit acht Jahren Inhaber des Lehrstuhls für Ägyptologie an der Universität Würzburg, sagt: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dort mal zu arbeiten.“

    Am riesigen Eingangsturm: Der Horus-Tempel von Edfu gehört zu den am besten erhaltenen antiken Denkmälern in Ägypten. Foto: Martin Stadler

    Denn Edfu, „das war klar Hamburger Sache“. Seit Mitte der 1980er Jahre übersetzten Wissenschaftler der Uni Hamburg finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Inschriften des Tempels und veröffentlichten, in deutscher Sprache, die Texte des Pylonen sowie der äußeren Umfassungsmauer. Seit 2002 gehörte das Hamburger Edfu-Projekt dann zu den Forschungsvorhaben der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Das Ziel: eine verlässliche Gesamtübersetzung der altägyptischen Inschriften. Dann lief die Finanzierung aus. Und die Hamburger Edfu-Forscher hatten keine weitere Grabungskonzession in Ägypten beantragt.

    Just, als die Genehmigung zur Disposition stand, war Dr. Mohamed Ismail, leitender Beamter im Antikenministerium in Kairo und zuständig für die Konzession ausländischer Grabungen, in Würzburg Humboldt-Stipendiat. Der Archäologe ermutigte und unterstützte Stadler, die prestigeträchtige Konzession zu beantragen. Edfu? „Eine übergroße Aufgabe“, sagt der Würzburger Ägyptologe.

    Er habe erst gezögert, auch wenn ihm da „eines der berühmtesten Heiligtümer Ägyptens geradezu auf dem Silbertablett angeboten“ wurde. Stadler ist vor allem Papyrus-Spezialist und hatte sich bislang mit religiösen Texten in Schriftrollen beschäftigt. Die Arbeit in Ägypten, mit den Behörden statt in Bibliotheken, die Architektur als dritte Dimension – das war neu. Und vor allem: „Ich hatte ja keine Finanzierung.“ Ein paar Zufälle, Gegebenheiten, reifliche Überlegungen und vor allem Anträge später ist Martin Stadler nun Leiter eines neuen,  von der DFG geförderten „Projekts zur Ritualpraxis im Horus-Tempel von Edfu“. Er habe sich überlegt, „dass ich mich in ein paar Jahren schwarz ärgern würde, hätte ich die Chance ausgeschlagen anstatt es zu wagen“, sagt der 46-jährige Lehrstuhlinhaber.

    350 000 Euro stellt die DFG den Würzburger Ägyptologen für zunächst drei Jahre zur Verfügung. Die Forscher sollen erstmals das Sanktuar tief im Tempelinneren untersuchen. „Um eine Grundlage zu schaffen für zukünftige systematische Studien des gesamten Heiligtums, seiner Theologie und seines Kultbetriebs“.

    Was die Ägyptologen am Horus-Tempel so fasziniert: Er erzählt mit seiner Wanddekoration nicht nur über das Inventar, mit dem das Heiligtum einst ausgestattet war, und über den Kultablauf und die Rituale, die die Priester dort bis ins 3. Jahrhundert nach Christus praktizierten. Die Forscher erfahren hier auch viel über die regionale und überregionale Mythologie, über Ikonographie und die theologischen Vorstellungen der ptolemäischen Zeit – „in einer Ausführlichkeit, die ihresgleichen sucht“, sagt Stadler.

    Ägyptologin Dr. Victoria Altmann-Wendling (links) und Studentin Allister Humphrey sind nachmittags ungestört bei der Arbeit im Tempel. Foto: Martin Stadler

    Die Reliefs des bedeutenden Tempels waren zwar schon ab dem Ende des 19. Jahrhunderts erfasst und in insgesamt 14 Bänden veröffentlicht worden. Aber, sagt Projektmitarbeiterin Dr. Victoria Altmann-Wendling, „mit sehr stark stilisierten Darstellungen“. Die Hieroglyphen sind nur typenmäßig wiedergegeben: „Das ist schade“, sagt die Ägyptologin, „weil bei den Druckhieroglyphen viele Informationen und Details verloren gehen.“ Und gerade in griechisch-römischer Zeit, als der Tempel entstand, habe sich bei den Hieroglyphen viel getan. Noch ein Manko der bisher nur schematischen Dokumentation der beschriebenen Wände: Text und Bild sind getrennt. Wer die Hieroglyphen sehen und die Übersetzung dazu lesen will „muss extrem viel blättern“.

    Aufgabe für das Edfu-Team: Komplette Erfassung aller 300 Szenen

    Das Würzburger Edfu-Team ist angetreten, das zu ändern. Mehrere Wochen im Jahr sind Stadler und seine Mitarbeiter deshalb in der Stadt am westlichen Nilufer und untersuchen, begleitet vom touristischen Treiben, den inneren Kern des Tempels mit dem vorderen, offenen Sanktuar und dem einst verborgenen, geheimen Raum dahinter. Erst einmal müssen die Wanddekorationen komplett erfasst werden. Die klassische Methode: Man beklebt die Reliefs mit transparenter Folie, fährt sie mit dem Stift eins zu eins nach und digitalisiert dann die riesigen Abzeichnungen. Im Heiligtum von Edfu allerdings – mit seiner Masse an Inschriften, seinen über zehn Meter hohen Mauern und seinen Gängen, die manchmal nicht mal einen Meter breit sind – funktioniert das eben nicht.

    Warum der Scanner wichtig ist

    Fotos sind für die Forscher wichtig, weil sie viel zeigen können. Manchmal auch zu viel: Schatten und Verzerrungen zum Beispiel, Schmutz oder ein vertrocknetes Insektennest, das die Zeichenschrift undeutlich werden lässt. „Hieroglyphen sind spielerisch und können mehrere Bedeutungen haben“, sagt die Ägyptologin. Die Text-Erforscher an den Universitäten in aller Welt benötigen deshalb Abbildungen, bei denen die Hieroglyphen klar und schnell ablesbar sind. „Das Entscheidende ist die Reduktion auf das Wesentliche“, sagt Altmann-Wendling über die Zeichnungen, die die wissenschaftlichen Mitarbeiter für die philologische Erschließung fertigen.

    In Edfu dokumentiert das Forscherteam die 300 Szenen im Heiligen und Allerheiligsten mit Digitalfotografie und fertigt dann mit Graphiktabletts Umzeichnungen an. „Und für die engen Stellen, an denen wir keine verzerrungsfreien Fotos bekommen, helfen ein 15-Meter-Stativ und der 3D-Scanner weiter“, sagt Victoria Altmann-Wendling über das sorgfältige und exakte Abbilden unter räumlich erschwerten Bedingungen.

    Datenschatz in 3D: Material für Altertumswissenschaftler

    Mit ihrem mobilen Scanner hatten die Würzburger Altertumswissenschaftler auch schon im Martin von Wagner Museum der Universität gearbeitet und damit beispielsweise Vasen digitalisiert. Jetzt erfassen sie am Nil mit dem Gerät die 3D-Daten der fünf auf fünf Meter großen, neun Meter hohen Axialkapelle mit ihren vollständig von Reliefs und Inschriften bedeckten Wänden. Ein Datenschatz auch für die Archäologen: „Damit lässt sich untersuchen, ob verschiedene Werkstätten im Tempel gearbeitet haben und vielleicht sogar, in welchem Zeitraum“, sagt Stadler über die Präzision der Scans. Und was die Philologie betrifft: „Wir übersetzen erst, dann kommt die inhaltliche Bewertung.“

    Horus war ein Hauptgott in der frühen Mythologie des Alten Ägyptens. Foto: Martin Stadler

    Allein der erste Band der geplanten Publikation werde mindestens 600 Seiten dick – „noch ohne Ausdeutung und Interpretation, nur mit den 300 ganzseitigen Zeichnungen, Übersetzung und knappem Kommentar“, sagt Altmann-Wendling. Und sie sagt: „Im Tempel von Edfu zu arbeiten ist für mich der Traum.“ In einer zweiten Phase will das Würzburger Team die Szenen und Inschriften analysieren, theologisch und religionsgeschichtlich deuten und in einen Zusammenhang stellen. Was lässt sich anhand der Inschriften über die Verehrung des Himmels- und Schutzgottes Horus erfahren? In welcher Tradition steht die Dekoration der inneren Räume in Edfu? Was war neu an diesem Heiligtum – und warum? Ist der Kultort vergleichbar mit den geheimen Sanktuaren in anderen Tempeln?

    Eines Tages werden vielleicht auch die Besuchermassen bei einer Führung in der Sehenswürdigkeit davon erfahren.

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