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    Würzburg

    Corona: Wie die DAHW in Zeiten der Krise arbeitet

    Der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe macht wie vielen anderen Hilfsorganisationen die Corona-Krise besonders zu schaffen. Wie sieht ihre Arbeit derzeit aus?
    Jennifer Gabel von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe erzählt im Gespräch, wie die Hilfsorganisation in Zeiten von Corona arbeitet. 
    Jennifer Gabel von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe erzählt im Gespräch, wie die Hilfsorganisation in Zeiten von Corona arbeitet.  Foto: Judith Mathiasch

    Den Menschen in den weltweiten Projekten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V. (DAHW) spielt die Corona-Pandemie besonders übel mit. Ihnen trotz des coronabedingten Lockdowns und den teils extrem strengen Ausgangs- und Reiseverboten dennoch beizustehen, ist eine nie dagewesene Herausforderung für die Organisation. Welche Folgen die Krise für ärmere Länder mit fragilen Gesundheitssystemen hat und wie sich die Arbeit der DAHW seit dem Ausbruch der Pandemie verändert hat, erzählt Pressereferentin Jenifer Gabel im Gespräch.

    Frage: Frau Gabel, wie sieht die Arbeit der DAHW im Grunde aus?

    Jenifer Gabel: Die DAHW ist heute Experte im Kampf gegen armutsbedingte und vernachlässigte Krankheiten. Dabei stehen besonders vulnerable, also verletzliche Menschen im Fokus, die von Krankheit, Behinderung, Ausgrenzung und Armut betroffen oder bedroht sind. Um die Gesundheits- und Lebenssituation dieser Menschen zu verbessern, setzt die DAHW aktuell rund 80 Projekte in 20 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika um. Sie werden zu großen Teilen über Spenden von Privatpersonen, Ehrenamtsgruppen und Unternehmen finanziert, aber auch von institutionellen Drittmittelgebern wie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) oder der Else Kröner-Fresenius-Stiftung.

    Wie hat sich die Arbeit der DAHW seit der Corona-Pandemie verändert?

    Gabel: Die Corona-Pandemie ist in den Einsatzländern der DAHW angekommen und stellt auch uns, unsere Partnerorganisationen und vor allem die Begünstigten unserer Projekte und Programme vor große Herausforderungen. Denn die Menschen, die im Fokus unserer Arbeit stehen, sind bereits jetzt massiv von den Auswirkungen der Krise betroffen. Unter anderem mussten viele staatliche Aktivitäten der nationalen Lepra- und Tuberkulose-Kontrollprogramme unterbrochen werden. In enger Abstimmung mit den Kolleginnen und Kollegen in den Programm- und Projektbüros arbeiten wir mit Hochdruck an Lösungen, die Versorgung unserer Mandatsgruppen trotz Ausgangssperren, überlasteter Gesundheitsstationen, fehlender Schutzausrüstung und weiterer widrigster Umstände aufrechtzuhalten. Um zu identifizieren, wer unsere Hilfe am dringendsten braucht, haben wir in unseren Einsatzländern eigene Auswahlkomitees mit aufgebaut, an denen auch Betroffene und Distriktverantwortliche beteiligt sind. Eine Millionen Euro hat die DAHW kurzfristig an zusätzlichen Mitteln zur Verfügung gestellt und einige Hilfsmaßnahmen haben wir auch bereits umgesetzt.

    Auch in Ländern wie Indien ist die DAHW aktiv. Eines der größten Probleme stellt auch während der Corona-Krise der Hunger dar.
    Auch in Ländern wie Indien ist die DAHW aktiv. Eines der größten Probleme stellt auch während der Corona-Krise der Hunger dar. Foto: Mario Schmitt / DAHW.
    Ein Großteil der Einsatzländer der DAHW befinden sich in Afrika. Infolge der Ebola-Epidemie vor sechs Jahren starben dort über 11 000 Menschen. Sind die afrikanischen Gesundheitssysteme heute besser gerüstet?

    Gabel: Leider besteht – wie schon während der Ebola-Epidemie 2014 – auch jetzt wieder die Gefahr, dass Gesundheitssysteme unter der Last der zusätzlichen Covid-19-Patienten zusammenbrechen und in der Folge andere Notfälle nicht mehr behandelt werden können. Die Kapazitäten zur Krisenreaktion sind auch heute nicht vorhanden und hätten vor dem Ausbruch einer Epidemie oder Pandemie aufgebaut werden müssen. So braucht es beispielsweise Schulungen und Schutzausrüstung für die vorerkrankten Risikogruppen, aber auch für die pflegenden Angehörigen und Gesundheitsmitarbeiter. Nach wie vor fehlt es an funktionierenden Frühwarnsystemen, Tests und intensivmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten.

    Welche Folgen hat Corona für ärmere Länder mit fragilen Gesundheitssystemen?

    Gabel: Wenn die Gesundheitsstationen in den ärmeren Ländern des Globalen Südens überlastet sind, werden Menschen an heilbaren Krankheiten oder Unfällen sterben, Kinder an Malaria oder Durchfällen, Frauen an Geburtskomplikationen. Da Impfprogramme unterbrochen werden müssen, wird es nach der Pandemie zu anderen tödlichen Erkrankungen wie zum Beispiel Masern kommen. Auch auf unsere Lepra- und Tuberkulose-Programme hat die Corona-Krise Auswirkungen, denn es ist schwierig, bei strengen Ausgangssperren Kontakt zu den Patienten zu halten, sie mit Medikamenten zu versorgen und neue Fälle frühzeitig aufzuspüren. Eines der größten Probleme stellt allerdings der Hunger dar: Die Menschen in unseren Einsatzländern sind direkt von der täglichen Arbeit abhängig – Home-Office, Kurzarbeit oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: Fehlanzeige. Wenn sie nicht arbeiten, verdienen sie kein Geld und können sich und ihre Familien nicht ernähren. Und diese drohende Unterernährung hat wiederum fatale Auswirkungen auf sie. Es werden wahrscheinlich weniger Menschen an Corona als wegen Corona sterben.

    "Es werden wahrscheinlich weniger Menschen an Corona als wegen Corona sterben."
    Jenifer Gabel, DAHW
    Was bedeutet Covid-19 für Menschen mit einer Tuberkulose-Erkrankung?

    Gabel: Für die rund 10 Millionen Menschen, die weltweit von Tuberkulose (TB) betroffen sind, stellt Covid-19 eine extreme Gefahr dar, da sie aufgrund der Lungenvorschädigung eine Infektion sehr wahrscheinlich nicht überleben werden. Bei aktuell rund 5000 TB-Todesopfern täglich ist das eine Katastrophe.

    Wie wichtig ist es, gerade in diesen Zeiten die humanitäre Hilfe nicht zu vergessen?

    Gabel: Die Corona-Pandemie trifft auch die Industrienationen hart. Doch wie viel schwerer müssen es die Menschen haben, denen es an gesundheitlichen und wirtschaftlichen Reserven fehlt, und deren Regierungen ebenfalls kaum Mittel haben, um sie zu schützen und ihr Überleben zu sichern? Die Covid-19-Schutzmaßnahmen werden mitunter fatale Folgen für sie haben. Auch wenn wir in Sorge um unser eigenes Wohl sind: Wir dürfen diese Menschen nicht vergessen.

    Wie hilft die DAHW gegen das Corona-Virus?

    Gabel: Da wir kein Corona-Hilfswerk sind, versuchen wir mit unseren aktuellen Hilfsmaßnahmen, die Auswirkungen der Pandemie für die Menschen in unseren Projekten soweit es geht zu begrenzen und ihr Überleben zu sichern. Wir organisieren Medikamententransporte, verteilen Nahrungsmittel und Hygienekits, aber auch finanzielle Soforthilfen, wir statten Gesundheitspersonal mit Schutzausrüstung aus und führen Schulungen sowie Aufklärungskampagnen durch.

    Die DAHW hat ihren Sitz in Würzburg. Wie kann man von hier aus weltweit unterstützen?

    Gabel: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den DAHW-Büros sind überwiegend Einheimische, die ihrerseits gut vernetzt seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Wir verfügen also unter anderem über landesspezifisches Wissen, etablierte Strukturen, Manpower vor Ort und Zugänge zu sonst schwer erreichbaren Regionen und Personengruppen. Die strengen Ausgangs- und Kontaktsperren, Reise- und Importverbote machen allen Nichtregierungsorganisationen gerade weltweit zu schaffen. Aber die DAHW ist dennoch handlungsfähig und krisenerprobt: Wir lassen die Menschen in unseren Projekten nicht im Stich – und wer uns mit einer Spende unterstützt, beweist seine Solidarität in diesen außergewöhnlichen Krisenzeiten.

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