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    Würzburg

    Der gute Morgen: Leonie Ebert und das Indianer-Sprichwort

    Die Corona-Krise als Herausforderung. In unserer Serie geben Menschen aus der Region positive Impulse für den Tag. Heute: Die Fechterin Leonie Ebert.
    Eine der besten deutschen Fechterinnen: Leonie Ebert.
    Eine der besten deutschen Fechterinnen: Leonie Ebert. Foto: Simone Ferraro, dpa

    Los Angeles, Paris, Rom, Shanghai, Kairo, Tokyo. Und jetzt?

    Am Tag vor meinem letzten Qualifikationswettkampf in den USA, der mich endgültig zu meinem Lebenstraum Olympia katapultieren sollte, kam die sofortige Anweisung: Egal wie, kommt zurück. Vergesst Wettkämpfe, Qualifikation. Plötzlich ist da nicht mehr ein minutiös ausgearbeiteter Plan der nächsten fünf Monate bis zum Stichtag bei den Olympischen Spielen. Da ist nur noch Nebel. Nach einem Jahr maximaler Anspannung, Mentalkrieg und Kämpfen werde ich also wie eine "Mensch ärgere dich nicht"-Figur wieder an den Anfang gestellt.

    Währenddessen kämpfen meine Sportkollegen in Italien um ihre Angehörigen. Da klingt mein Opfer plötzlich geradezu absurd: Zu Hause ankommen. In der Sonne liegen, beim Abendessen stundenlang zusammensitzen und über die Welt philosophieren, einen Spaziergang durch den Wald machen. Wie lange schon hat man sich einen Waldspaziergang vorgenommen? Und wie oft gab es andere Prioritäten: Deadlines, Konferenzen, To-Do-Listen und gestapelte E-Mails?

    War ich nicht gestern noch unter dem Eiffelturm?

    "Wir können nicht weitergehen, wir müssen doch noch warten, bis die Seele nachgekommen ist", sagt ein Indianer-Sprichwort. Jetzt steht die Welt still und ich mit ihr. Und das ist möglicherweise genau das, was Körper und Geist seit langem still verlangt haben. Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, merke ich, wie schnell ich gerannt bin: Durch Europa, von hier nach da, Übersee und zurück und immer weiter . . .

    War ich nicht gestern noch unter dem Eiffelturm gestanden, bin letzte Woche auf dem Kamel an den Pyramiden vorbeigeritten, habe ich nicht letzten Monat auf dem Podium die Hymne gesungen?

    Jetzt hat meine Seele Zeit, hinterherzukommen und zu ruhen.

    Und gleichzeitig gibt es Zeit, dankbar zu sein. Für das Leben, das ich sonst leben darf. Dafür, meine Familie in einem Monat so oft zu sehen wie sonst in einem Jahr. Und dafür, meinem Körper Zeit zu geben, um sich die Wunden zu lecken. Denn mit der einen Trainingseinheit statt drei am Tag kann ich mit doppelter Power in das nächste Jahr starten, und nicht wie der Zombie eines Qualifikationsjahres.

    Ach, es könnte wahrlich schlimmer sein. Bleibt gesund!

    Leonie Ebert (20) aus Würzburg ist eine der besten deutschen Florettfechterinnen und wurde im vergangenen Jahr deutsche Meisterin im Einzel. Dieser Beitrag gehört zur Main-Post-Serie "Der gute Morgen", in der in Zeiten der Corona-Krise Menschen aus Franken ihre positiven Gedanken aufschreiben und mit unseren Leserinnen und Lesern teilen.

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    Leonie Ebert

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