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    Kleinrinderfeld

    Rente mit 63: Eva Maria Linsenbreder war gerne Bürgermeisterin

    Sie war die erste und lange auch die einzige Bürgermeisterin im Landkreis Würzburg. Was hat Eva Maria Linsenbreder in dieser Zeit geprägt und wo hinterlässt sie Spuren?
    Ein Bürgermeister muss stets ein offenes Ohr haben. Mit dieser Einstellung blieb Eva Maria Linsenbreder 29 Jahre im Amt. Jetzt geht die 63-Jährige in Rente.  
    Ein Bürgermeister muss stets ein offenes Ohr haben. Mit dieser Einstellung blieb Eva Maria Linsenbreder 29 Jahre im Amt. Jetzt geht die 63-Jährige in Rente.   Foto: Daniel Peter

    Kein Wochenende, kein Feierabend, keine Freiräume: Wenn diese Vorstellung eines Dorfbürgermeisters zutrifft, dann auf Eva-Maria Linsenbreder. Viele Kleinrinderfelder kennen die 63-Jährige nur in dieser Funktion. Jetzt geht die Vollblutpolitikerin in Rente. Was macht sie dann mit der vielen freien Zeit? Und warum ist sie der SPD über all die Jahre hinweg treu geblieben? Ein Gespräch über die schönen und weniger schönen Momente ihrer Amtszeit. 

    Frage: 30 Jahre waren Sie jetzt Bürgermeisterin.

    Eva-Maria Linsenbreder: Eigentlich war ich 29 Jahre erste Bürgermeisterin. Aber ich musste 1990 den ersten Bürgermeister fast das ganze Jahr vertreten, weil dieser krank war. Offiziell wurde ich erst 1991 gewählt.

    Ist denn Ihr Schreibtisch schon aufgeräumt?

    Linsenbreder: Mein Zimmer ist aufgeräumt, Schreibtisch und Schrank sind ausgeräumt, das Sideboard ist auch leer. Und auf dem Schreibtisch liegen nur noch ganz wenige Sachen, die ich noch fertig machen muss. 

    Was war denn das interessantestes Fundstück?

    Linsenbreder: Bei manchen Sachen habe ich mich tatsächlich gewundert, als ich diese in der Hand hatte. Ganz interessant waren alte Zeitungsausschnitte, die teilweise 80 Jahre alt waren und jetzt wieder zum Vorschein kamen. 

    Als Sie 1991 Bürgermeisterin wurden, wie viele Kolleginnen hatten Sie denn im Landkreis? 

    Linsenbreder: Ich war die erste Bürgermeisterin – und lange auch die einzige Frau in diesem Amt. 

    Für wie lange?

    Linsenbreder: 17 Jahre war ich alleine unter Männern. 2008 wurde dann Anita Feuerbach in Zell zur Bürgermeisterin gewählt. Und Ursula Engert aus Eisingen war die Dritte im Bunde. 

    Eine Frau als Bürgermeisterin: Gab es da viele Klischees?

    Linsenbreder: Nein, weder bei den Bürgern noch in den Behörden. Der einzige, der sich daran gewöhnen musste, war der damalige Landrat Georg Schreier. Der hat es einfach nicht geschafft, bei den Dienstversammlungen auch die Frau Bürgermeisterin zu begrüßen. Das war er eben nicht so gewohnt. Ich habe es ihm dann mal erklärt und irgendwann hat es auch gefruchtet. 

    Glauben Sie denn, dass es Frauen in der Politik schwerer haben als Männer?

    Linsenbreder: Ganz ehrlich, wir arbeiten mehr oder meinen mehr arbeiten zu müssen.

    Also sind Frauen in der Politik eher von Vorteil?

    Linsenbreder: Für die Bürger ist eine Bürgermeisterin auf jeden Fall von Vorteil, weil Frauen anders denken. Damit will ich aber nicht sagen, dass Männer das eher lasch sehen. Frauen übertreiben manchmal, da muss ich nur auf mich schauen. Ich nahm mir kaum Freiräume, hatte keinen echten Feierabend, kein freies Wochenende. Ich habe das auch nicht vermisst und will mich auch darüber nicht beklagen. Ich wollte das so. Aber das ist sicher auch eine Frage der Einstellung und der Mentalität. 

    "Ein Bürgermeister muss von seinem Amt auch begeistert sein."
    Eva-Maria Linsenbreder, 29 Jahre Bürgermeisterin in Kleinrinderfeld
    Dann wird Ihnen die kommende Zeit völlig fremd vorkommen. Weniger Termine, wieder Feierabend, mehr Freiräume. 

    Linsenbreder: Ja, das ist mir schon fremd. Aber ich glaube, dass ich damit gut zurecht kommen werde. Denn ich bin ein Mensch, der sich gut umstellen kann. Ich werde zuhause wieder viel machen können, wenn ich da nur an meinen Garten denke. Ich hatte mal den schönsten Garten in der Straße als ich noch im Schuldienst war. Aber inzwischen blüht da nicht mehr so viel. Das soll sich jetzt wieder ändern.

    2017, Besuch des Kanzlerkandidaten in Würzburg: Eva Maria Linsenbreder hat damals für den Bundestag kandidiert und brannte für Martin Schulz.
    2017, Besuch des Kanzlerkandidaten in Würzburg: Eva Maria Linsenbreder hat damals für den Bundestag kandidiert und brannte für Martin Schulz. Foto: Thomas Obermeier
    Ihr Großvater war auch schon Bürgermeister in Kleinrinderfeld. War er denn Ihr Vorbild?

    Linsenbreder: In diesem Sinne eher nicht. Ich habe ihn auch nicht kennen gelernt. Aber ich habe mich immer gefreut, wenn ich was von ihm gesehen habe - und da dachte ich mir schon mal, das hat er gut gemacht. Er war nicht so lange Bürgermeister, hat aber vieles angestoßen und war sehr aktiv. Das soziale Gewissen, das bei uns in der Familie liegt, das hat er uns vererbt. 

    Dann war er also nicht der Grund, warum Sie in die Kommunalpolitik gegangen sind. Was dann?

    Linsenbreder: Der Grund war eigentlich ziemlich profan. Ich wurde 1990 in den Gemeinderat gewählt und war zweite Bürgermeisterin. Nach den Pfingstferien musste ich den Amtsinhaber vertreten, weil er krank war. Dann ist er zurück getreten, Neuwahlen standen an und da hieß es von vielen: "Das machst Du jetzt. Lass Dich doch aufstellen." Und dann habe ich das gemacht. 

    Von Ihnen stammt der Satz, "Ich bin gerne Bürgermeisterin".

    Linsenbreder: Und ich bin es heute noch. 

    Was ist denn so schön an diesem Beruf?

    Linsenbreder: Ein Außenstehender mag das vielleicht nicht so verstehen. Das Schöne ist, dass man viel mit Menschen zu tun hat, für sie und für das Dorf etwas bewegen kann. Mir war es immer daran gelegen, dass wir ein Dorf bleiben. Und, dass ich nicht alle fünf Jahre 97 Bauplätze erschließe und wir unseren dörflichen Charakter verlieren. Ein Bürgermeister sollte auch wissen, wie weit er gestalten darf. Dazu gehört auch, nachhaltig zu sein. Mir war beispielsweise immer die Wasserversorgung besonders wichtig. Dafür wurde auch viel Zeit und Geld investiert, damit auch die folgende Generation noch ein sauberes Trinkwasser bekommt. Und das haben wir geschafft. 

    Mittlerweile ist es leider so, dass Bürgermeister Hassmails bekommen, Drohungen und Anfeindungen erleben. Haben Sie auch solche Erfahrungen gemacht?

    Linsenbreder: Diese Erfahrungen habe ich auch gemacht. Anfangs war das gar nicht so, aber in meiner letzten Amtsperiode hat das zugenommen. Das hat mir sechs Autoreifen gekostet, die ehrlich gesagt, nicht ganz billig waren, weil ich mir immer gute Reifen gekauft habe. Jedes Mal steckte eine Spax-Schraube im Reifen fest, so dass ich davon ausgehe, dass es wohl immer der gleiche war. Die Stimmung gegenüber der Politik hat sich insgesamt geändert. Wenn man 30 Jahre im Amt ist wie ich, dann weiß man das auch zu werten. Aber, wenn es einen jungen Kollegen trifft, den kann so etwas schon beindrucken und verängstigen, so dass er sich nach der ersten Amtszeit dann nicht mehr aufstellen lässt. Auch das habe ich mitbekommen. 

    Gute Freunde: Mit dem 2019 verstorbenen Eibelstädter Altbürgermeister Heinz Koch verband Linsenbreder mehr als nur das Parteibuch. Die beiden waren eng befreundet. 
    Gute Freunde: Mit dem 2019 verstorbenen Eibelstädter Altbürgermeister Heinz Koch verband Linsenbreder mehr als nur das Parteibuch. Die beiden waren eng befreundet.  Foto: Daniel Peter
    Was war denn die schwierigste Entscheidung, die Sie als Bürgermeisterin zu treffen hatten?  

    Linsenbreder: Schwierige Entscheidungen gab es eigentlich nicht. Ich habe alles mitgetragen. Aber, die schwierigste Aufgabe, die ich hatte, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Ich musste einer jungen Mutter und ihrem Kind die traurige Nachricht überbringen, dass ihr Mann und der Papa tödlich verunglückt ist. Diesen furchtbaren Augenblick werde ich nie vergessen. 

    Sie stehen auch für das soziale Gewissen der SPD. Im Bezirkstag liegt Ihnen eine gerechte Sozialpolitik sehr am Herzen. Eigentlich hätten Sie nach dem Beschluss Ihrer Partei zur Agenda 2010 aus der SPD austreten müssen. 

    Linsenbreder: Normal hätte ich austreten müssen, ja. Ich habe auch kurz überlegt, mir dann aber gesagt: Das ist meine SPD – und es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Auch, wenn es vielleicht eine Durststrecke zu durchlaufen gilt. Aber, die Partei verlassen, das wollte ich nie. Da bin ich zu sehr Parteimitglied, nicht nur auf dem Papier. 

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    Noch ein Tipp an Ihren Nachfolger: Wie kann er es denn schaffen, 30 Jahre im Amt zu bleiben?

    Linsenbreder: Ein Bürgermeister muss von seinem Amt auch begeistert sein. Es darf ihm nichts zu viel sein und er muss sich mit dem Dorf identifizieren. Und er muss für jeden – egal, wer es ist – ein offenes Ohr haben und jedem Hilfe angedeihen lassen. Und da war ich mir immer sicher, dass ich niemanden benachteiligt habe. 

    Zur Person
    Eva-Maria Linsenbreder (63, SPD) ist seit März 1991 hauptberufliche Bürgermeisterin von Kleinrinderfeld. Seit 1996 gehört sie dem Kreistag und seit 2003 dem Bezirkstag an, dessen Vizepräsidentin sie seit 2008 ist.
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