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    Glosse

    's Käuzle: Vollfressen bis Oberkante Unterkiefer

    Ein Klassiker der gutbürgerlichen Küche: Schweinsbraten mit Klößen. Foto: Victoria Bonn-Meuser, DPA

    Muss man sich eigentlich schämen, wenn man im mittleren Lebensalter einige Begriffe des deutschen Sprachgebrauchs noch nie zuvor gehört hat? Ich war ja einigermaßen peinlich berührt, als mir gestern die "bürgerliche Dämmerung" erstmals über den Weg lief. Eigentlich wollte ich nur wissen, zu welchen Tageszeiten eine Drohne fliegen darf, und erfuhr bei dieser Gelegenheit, dass es neben der bürgerlichen Dämmerung auch noch eine nautische und eine astronomische Dämmerung gibt.

    Die bürgerliche Dämmerung definiert sich als Übergang zwischen Tag und Nacht, derweil der Normalverbraucher noch ohne größere Probleme oder zusätzliches Licht draußen lesen kann. Einige hellere Sterne kann er auch schon erkennen, manchmal darf er sich außerdem an einem schönen Morgen- oder Abendrot erfreuen. Größere Anforderungen stellt die bürgerliche Dämmerung an den Nutzer nicht. Mit der wegen zunehmender Dunkelheit deutlich schwieriger zu handhabenden nautischen und, noch schlimmer, astronomischen Dämmerung werden deshalb ausschließlich die Profis aus Seefahrt und Astronomie betraut.

    Abwertende Definition

    Man traut ihm irgendwie nicht allzu viel zu, dem Bürger. Klar- er darf seine Volksvertreter wählen und hat damit die Zukunft seines Landes ja irgendwie fast so ein bisschen in der Hand - , aber sonst? Da gibt das Attribut "bürgerlich" nicht viel her. Außer der eher neutralen Definition "dem Bürgertum angehörend" kennt der Duden dann noch die ziemlich abwertende Deutung im Sinne von "spießerhaft, engherzig".

    Na toll. Können wir uns als Bürger denn nicht irgendwie begrifflich aufwerten? Vielleicht, indem wir dem "bürgerlich" etwas Positives, etwa die Vorsilbe "gut" voranstellen? Liebe Leser, daraus wird leider auch nichts. Denn zum Begriff "gutbürgerlich" fällt dem Duden zuvörderst die gutbürgerliche Küche ein. Dabei handle es sich um eine "Küche, die einfache, nicht verfeinerte Gerichte in reichlichen Portionen bietet".

    Unverschämtheit. Das heißt doch nichts anderes, als dass der Bürger überhaupt keinen Wert auf geschmackliche Nuancen legt, so lange er sich nur bis Oberkante Unterkiefer vollfressen kann. Mit dieser Definition wird man der gutbürgerlichen Küche nicht gerecht, die doch so viel Schönes auf Lager hat: Braten, Klöße, Wirsing und die große weite Welt der Wurst. Ich bin mir nicht sicher, ob die nautische Küche da mithalten kann. Die astronomische jedenfalls ganz bestimmt nicht.

    Foto: Käuzle

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