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    Würzburg

    Gastbeitrag vom Würzburger Bischof: Vom Chaos zum freudigen Ereignis

    Auch wenn in den vergangenen Wochen viele Menschen schlimme Erfahrungen machen mussten: Es haben sich nicht nur negative Seiten gezeigt, sondern auch eine heilende Kraft.
    Das Pfingstfest in einer ungewöhnlichen Darstellung, nicht wohlgeordnet, sondern durcheinandergewirbelte Flammen und Tropfen, so Weihbischof Ulrich Boom über das Kirchenfenster in St. Kilian des Künstlers Georg Meistermann. 
    Das Pfingstfest in einer ungewöhnlichen Darstellung, nicht wohlgeordnet, sondern durcheinandergewirbelte Flammen und Tropfen, so Weihbischof Ulrich Boom über das Kirchenfenster in St. Kilian des Künstlers Georg Meistermann.  Foto: Anand Anders

    Ulrich Boom ist Weihbischof in Würzburg. Sein Gastbeitrag für die Main-Post:

    Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten erfahren, was wir in der Regel zum Jahresende im November oft singen: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Wer ist, der uns Hilfe bringt, dass wir Gnad erlangen?“ Dieser mittelalterliche Gesang, der von Martin Luther übersetzt wurde, trifft gut, was wir erlebt haben und auch noch jetzt erfahren. Und wenn wir Gnade, „gratia“ mit Zuwendung übersetzen, stimmt das auch im Blick auf alle Menschen. Wir hören Tag für Tag von den Toten, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sterben. Beängstigend sind die Bilder, die wir von Italien gesehen haben, die Massengräber von New York oder das riesige Feld mit ausgehobenen Gräbern in São Paulo. Sie geben alle nur eine Ahnung von dem, was in Regionen unserer Erde los ist, wo es nicht eine so organisierte Krankenversorgung gibt wie in unserem Land. Wir sind bei allen Einschränkungen und Nöten wahrlich besser gestellt.

    Seit Mitte März wurde das öffentliche Leben auf ein Minimum heruntergefahren. Menschen konnten sich nicht mehr treffen. Familien waren bisweilen auf engstem Raum zusammen und mussten Beruf und privates Leben, Schule und Büro irgendwie in Einklang bringen. Nach und nach kehrt gewohntes Leben zurück, aber wir wissen nicht, ob uns eine weitere Welle erreicht. Die großen Feste im Land wurden auf jeden Fall schon einmal bis weit in die zweite Jahreshälfte abgesagt. Ein Virus entlarvt die Verwundbarkeit der Welt. Das macht Angst, nicht nur vor dem Tod, sondern auch vor der Erfahrung, dass wir das Leben nicht in der Hand und die Welt nicht im Griff haben. Es macht Angst, wenn ich einsehen muss, ich kann und vermag nicht alles, mag ich noch so viel Vermögen im Kopf und in der Tasche haben, wenn dieses Leben dann die letzte und einzige Gelegenheit ist.

    Verletzlichkeit unserer Welt

    Die vergangenen Wochen haben aber nicht nur die Verletzlichkeit unserer Welt gezeigt, sondern auch die heilende Kraft, die in der Hilfe und im Zusammenhalt von uns Menschen liegt. Ich denke an die Vielen, die bis an ihre Grenzen ihre Kräfte eingesetzt haben – von den Supermärkten bis zu den Krankenhäusern. In vielen privaten Initiativen wurden ältere Menschen von Nachbarn und Jugendlichen versorgt. Es wurde seelsorglich, haupt- und ehrenamtlich getröstet: einfach, durch ein Telefonat, durch das Gespräch über die Straße von Balkon zu Balkon. Dann gibt es ja heute noch viele andere Möglichkeiten.

    Die Krise hat auch viel an Kreativität freigesetzt und neue Sichtweisen eröffnet: Wenn vom Kirchturm einer unserer fränkischen Kleinstädte am Ostertag ein Osterlied der Blaskapelle erklingt und im Umfeld der Kirche vor den Häusern mitgesungen wird. Wenn eine Schülerin sagt: „Ich wusste gar nicht, wie wichtig mir die Klassengemeinschaft und die Lehrerin sind.“ Wenn in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung im Hof ein Tisch mit Kreuz aufgestellt wird und von den Balkonen aus die Bewohner mitfeiern.

    Verunsicherung und Orientierungslosigkeit

    Aber eine Krise löst Chaos aus und verursacht Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Wir wissen dann nicht, wo es hingeht, ahnen oft aber schon, dass es nicht so weitergeht wie bisher.

    In der Schweinfurter St. Kilianskirche ist ein beeindruckendes Fenster zum Pfingstfest. Es ist von dem Künstler Georg Meistermann (1911 bis 1990). Es entstand 1953, eines der größten Kirchenfenster Deutschlands. „Geistausgießung“ nennt er es. Es hat nichts von den uns bekannten Pfingstbildern, wo wohlgeordnet der Gottesgeist in Flammen sich auf die Jüngerschar senkt. Hier sind es Tropfen oder Flammen in den Farben weiß und grau, gelb, blau und rot. Vom Sturm durcheinander geworfen fallen sie in den Raum. Es zeigt sich ein „universaler Karfreitag“ und „ein Zeitalter des Heiligen Geistes“, wie Wassily Kandinsky die Kunst der Moderne bezeichnet.

    Am unteren Bildrand sind Fische zu sehen. Sie sind in ihrem Element, wenn mit dem Sturm auch Wasserfluten kommen. Oder sind die Fische Symbole für die Christen? Der Fisch ist seit der frühen Kirche Hinweis auf Christus und die Getauften. Noch heute sehen wir manchmal dieses Christuszeichen auf der Rückseite eines Autos. Ein Hinweis darauf: Da fährt eine Christin oder ein Christ vor mir. Wie auch immer. Diese chaotische Geistausgießung hat nichts Beängstigendes, eher etwas Ermutigendes, Frohes, Freudiges an sich. Hier wird das Chaos zu einem freudigen Ereignis. Pfingsten, so wird gesagt, ist die Geburtsstunde der Kirche.

    Es ist schön, dass in den letzten Jahren zum imposanten großen Kirchenraum hinter dem Altar unter dem Fenster, ein Raum geschaffen wurde für die „Jugendkirche kross“. Alt und Neu, Herkömmliches und Erfinderisches hat in St. Kilian Platz. Alles ist im Fluss, alles in Bewegung, Feuer und Wasser. Gegensätzliches schließt sich nicht aus. Es ist nicht die Ruhe vor dem Sturm, es ist die Ruhe und Stille im Sturm. Mitten im Bild hängt wie ordnend ein Kreuz mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Das Bild nimmt alle Angst vor dem Unverhofften, es führt in Weite und Freiheit.

    Am Pfingstfest hören wir in den Kirchen von den verängstigten Jüngern, die aus Angst alle Türen geschlossen haben. Wir hören von Jesus, der in den verstörten Kreis der Seinen tritt. Sie erkennen ihn an den Wundmalen. Der Auferstandene bleibt auch immer der Gekreuzigte. Er macht ihnen Mut, wünscht ihnen: „Schalom. Friede sei mit euch. Ihr könnt im Frieden und zufrieden sein. Ich bin bei euch.“ Er muss es ihnen mehrmals sagen, damit sie ihm glauben. Er schenkt ihnen seinen Geist, der aufrichtet und Hoffnung auf einen neuen Morgen schenkt.

    In diesem Sinn wünsche ich uns, bei allen Fragen und Sorgen, die wir im Augenblick vielleicht hautnah und gewiss weltweit haben, ein geisterfülltes und ermutigendes Pfingsten. Schalom – Friede sei mit euch!

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    Ulrich Boom

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