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    Alaphilippe lässt Frankreich träumen

    Julian Alaphilippe
    „Ich will dieses Maillot Jaune so weit tragen, wie es nur geht”, sagt Alaphilippe. Foto: Christophe Ena/AP

    Allmählich wird die Sicht im Mannschaftsbus des belgischen Radrennstalls Deceuninck-Quick Step knapp. Sechs gelbe Stofftiere haben bereits hinter der Windschutzscheibe des blauen High-Tech-Gefährts ihren Platz gefunden.

    Es sind die Mitbringsel des Radstars Julian Alaphilippe von den täglichen Zeremonien für den Träger des Gelben Trikots bei der Tour de France. Es sollten nicht die letzten gewesen sein, denn Frankreichs neuer Liebling hat an dem täglichen Prozedere längst großen Gefallen gefunden.

    „Ich bin in der Form meines Lebens. Das ist ein Gefühl, als ob etwas Unnormales passiert. Ich will dieses Maillot Jaune so weit tragen, wie es nur geht”, sagt der 27-Jährige. Wie weit das sein wird, vermag er nicht zu sagen. Vielleicht bis zu den Pyrenäen? Oder noch länger? Die Sehnsucht seiner Landsleute nach dem ersten Tour-Sieg seit Bernard Hinault vor 34 Jahren ist jedenfalls riesig. Und das ist auch der Treibstoff, der Alaphilippe regelmäßig dazu bringt, über sich hinauszuwachsen. „Ich kann versprechen, dass ich immer ans Limit gehen werde”, sagt der Mann aus Saint-Amand-Montrond.

    Von Tag zu Tag ist der Vorsprung auf den zweitplatzierten Titelverteidiger Geraint Thomas vom Team Ineos auf 1:12 Minuten angewachsen. Und mit dem gleichen Tempo steigt auch die Begeisterung der Landsleute für „Alaf”, wie er am Straßenrand gerufen wird. Selbst der große Hinault ist hin und weg: „Er ist außergewöhnlich, weil er an sich glaubt. Er fährt wie zu meiner Epoche, zweifeln tun die anderen.”

    Kann der antrittsstarke Klassiker-Spezialist tatsächlich mal die Nachfolge von Hinault antreten? So recht daran glauben mag er nicht - noch nicht. „Ich bin kein Träumer. Ich hatte beim Tour-Start keine Ambitionen auf das Gesamtklassement, die sind jetzt auch nicht vom Himmel gefallen”, sagt der Weltranglistenerste und fügt hinzu: „Wenn man die Tour gewinnen will, muss man sich die Kräfte bis ins letzte Detail einteilen.”

    Das hat Alaphilippe, der von seinem Cousin Franck trainiert wird, nicht getan. Denn der Mann mit dem Spitzbart steht für Angriffslust pur. Auf der dritten Etappe hat er mit einer unwiderstehlichen Attacke alle Favoriten stehen lassen. Das wiederholte der Sohn eines Orchesterleiters am Samstag auf dem Weg nach Saint-Étienne, wo er Gelb nach kurzzeitigem Verlust wieder an sich riss. Alaphilippe steht für Entertainment auf zwei Rädern.

    Das zelebriert er bereits die ganze Saison über. Mit seiner beinahe einzigartigen Explosivität schoss er zum Sieg beim Radsport-Monument Mailand-Sanremo, dazu triumphierte er beim Schotterrennen Strade Bianche oder dem Halbklassiker Fleche Wallonne. Elf Saisonsiege sind es inzwischen, was manch ein Team nicht einmal mit all seinen Fahrern geschafft hat.

    „Der Radsport wäre nicht so, wenn wir Fahrer wie Julian nicht hätten”, schwärmt sein Teamchef Patrick Lefevere. Das war nicht immer so, wie auch der belgische Grandseigneur weiß. „Am Anfang war er nervös und unkonzentriert. Er hat aus seinen Fehlern gelernt.” Das hat sich in den letzten Jahren schlagartig geändert. Schon 2018 gewann er zwei Tour-Etappen und holte das Bergtrikot. Längst reißen sich alle Teams um ihn, doch Alaphilippe hat bei Deceuninck-Quick Step bis 2021 verlängert.

    Er weiß, was er an der belgischen Mannschaft hat, die er als „zweite Familie” bezeichnet. Als ihn 2013 kein französisches Team haben wollte, bekam er im Nachwuchsteam bei Quick Step eine Chance. Seitdem hat er schon 29 Siege für das Team eingefahren - und nun das Maillot Jaune auf den Schultern. „Dieses Trikot macht mich noch stärker”, sagt Alaphilippe. Wie stark, rätseln inzwischen auch seine Rivalen. „Er ist der beste Fahrer der Saison. Das ist Fakt. So ein Gelbes Trikot verleiht Flügel. Kämpfen kann er auch. Er ist gut drauf, und seine Fans hat er auch an der Strecke”, sagte Teamchef Ralph Denk von der deutschen Bora-hansgrohe-Mannschaft.

    Von Stefan Tabeling und Patrick Reichardt, dpa

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