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    Essen / Dresden

    Nachmieter von Ulf Kirsten: Allievi als erster West-Import

    Sergio Allievi
    Einer der ersten westdeutschen Spieler, die nach dem Mauerfall im Osten spielten: Sergio Allievi. Foto: Caroline Seidel

    In der sechsten Etage eines Plattenbaus im Dresdner Stadtbezirk Prohlis trafen kurz nach der Wende die beiden deutschen Fußball-Welten aufeinander.

    Als einer der begehrtesten Dynamo-Spieler verließ Ulf Kirsten den DDR-Meister im Sommer 1990 Richtung Bayer Leverkusen, als Nachmieter übernahm Sergio Allievi dessen Wohnung mit „schönem Ausblick”. Die Erzählungen aus der Bundesliga abgeworbener Ost-Stars wie Kirsten, Thom, Sammer & Co. sind längst in die Geschichtsbücher eingegangen - aber wie erging es den ersten Fußballern aus dem Westen nach ihrem Wechsel in der letzten Oberliga-Saison?

    „Als ich ankam, habe ich gedacht: "Leckomio". Es war alles marode und alt”, erinnert sich der heute 55 Jahre alte Allievi in einem Essener Einkaufszentrum an seine ersten Eindrücke von Dresden und erzählt lachend seine Lieblingsanekdote. Als sein damals sechsjähriger Sohn Diego mit der geliebten „Omma” telefonieren wollte, sei dieser ratlos durch die Wohnung gelaufen. Mangels eigenen Telefons ging es danach immer zum Fernsprecher auf die Straße. Und doch denkt Allievi allzu gerne an seine Zeit für den Traditionsclub zurück: „Es war einfach nur geil. Die Fans, der Europapokal, der Kampf um die Meisterschaft.”

    Eigentlich hatte Allievi vor dem Ende seines Vertrags beim 1. FC Kaiserslautern schon mit dem Istanbuler Club Galatasaray verhandelt. Ehefrau Bettina sträubte sich jedoch gegen den Umzug in die Ferne. „Ich stand vor der Wahl: Ausland ohne Familie oder Dresden mit Familie.” Die Wahl fiel auf Dynamo, knapp 600 000 Mark flossen für den Offensivmann mit dem damals markanten schwarzen Schnäuzer an Ablöse in die Pfalz.

    Sein Gehalt lag auf Westniveau. „Es gab nie Neid, nie einen Spieler, der gesagt hat: Du verdienst hier das Drei- oder Vierfache von mir”, erinnert sich Allievi. „Dieser Zusammenhalt war das Tolle. Wir sind mit 15 Mann zusammen essen gegangen, wenn wir frei hatten. Das war ich aus Lautern nicht gewohnt.”

    Verzweifelt versuchten die Dresdner in der ersten Sommerpause nach dem Mauerfall, den sportlichen Qualitätsverlust angesichts der Abgänge von Kirsten, Matthias Sammer, Hans-Uwe Pilz, Matthias Döschner und Andreas Trautmann aufzufangen. Das wichtigste Ziel: Platz zwei und die damit verbundene Qualifikation für die erste, gemeinsame Bundesligasaison.

    Neben Allievi kam dafür ein weiterer Profi aus dem Westen zu Dynamo. „Ein ganz normaler Wechsel” sei es gewesen, sagte Peter Lux später zu dem Pionier-Transfer. Nach enttäuschten Erwartungen war er aber bereits ein halbes Jahr später wieder weg. Es seien „ausschließlich ausgemusterte Bundesligaspieler” in die DDR gewechselt, schrieb der „Spiegel” schon Ende Juli 1990.

    Auch Allievi war kein dauerhafter Stammspieler im Team um Torjäger Torsten Gütschow, erzielte während seiner zwei Jahre bei Dynamo insgesamt fünf Tore in 43 Pflichtspielen, wurde 20-mal eingewechselt. Dabei fiel die Umstellung auf das körperbetonte Spiel zunächst nicht leicht. „Meine Mitspieler haben mich auf den Ostfußball vorbereitet: "Sieh zu, dass du schnell den Ball abspielt, sonst knallen sie dir die Beine weg”, sagt Allievi.

    In der europäischen Königsklasse schaffte es Dynamo bis ins Viertelfinale gegen den späteren Sieger Roter Stern Belgrad, das wegen Fanausschreitungen abgebrochene Rückspiel ist bis heute der letzte internationale Auftritt. Als Oberliga-Zweiter hinter Hansa Rostock rettete sich Dresden in die Bundesliga - so dass auch Allievi nun seine Erfahrungen an die Teamkollegen weitergeben konnte.

    „Es war extrem”, berichtet der gebürtige Essener von den Anfeindungen durch Fans im Westen. „Es kam immer "Ossischweine" und so. Ich habe mit den Spielern gesprochen, dass sie nicht durchdrehen dürfen - auch auf dem Platz: "Wenn du so spielst wie die letzten Jahre, knallen dir die Roten Karten um die Ohren".”

    Dynamo hielt die Klasse, Allievi wechselte anschließend zum Zweitligisten Unterhaching, beendete seine Profikarriere nahe der Heimat bei der SG Wattenscheid 09. Seit 13 Jahren arbeitet der Sohn italienischer Einwanderer im Alfried Krupp Krankenhaus in Essen-Rüttenscheid, ist inzwischen Vorarbeiter.

    Gerne redet er über seinen neuen Beruf, noch lieber über Fußball. „Das ist neben meiner Familie mein Leben”, sagt Allievi. Noch immer steht er auf dem Platz, als Trainer von Schwarz-Weiß Eppendorf. Kreisliga A, Gruppe 1 - Bochum. Aktuell liegt das Team in der Spitzengruppe, Aufstieg in die Bezirksliga lautet das Saisonziel, begeistert erzählt Allievi von der Erfüllung eines „Dreijahresplans” beim Club aus dem Stadtbezirk Wattenscheid.

    Beim Gedanken an Dynamo leuchten die Augen ebenso. „Ich habe es als eine wunderbare Zeit empfunden”, sagt Allievi, der 2017 gut 25 Jahre nach dem ersten Bundesligaspiel des Clubs mit zahlreichen Ex-Teamkollegen als „Helden” im Stadion empfangen wurde. „Wenn mich einer auf Dresden anspricht, wird er nie was Negatives hören.”

    Von Florian Lütticke, dpa

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