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    Shanghai

    Vettels Kampf um die Vorherrschaft im eigenen Team

    Sebastian Vettel
    Skeptisch: Ferrari-Pilot Sebastian Vettel nach Platz drei in Shanghai. Foto: Andy Wong/AP

    Die Lage bei Ferrari ist explosiv: Statt mit Lewis Hamilton um den WM-Titel zu kämpfen, droht sich Sebastian Vettel im Duell um die Vorherrschaft im eigenen Team zu zerreiben.

    „Wenn du mit sowas anfängst, wird es sehr kompliziert werden”, sagte Toto Wolff, Teamchef von Ferraris Dauerbezwinger Mercedes. „Du schaffst einen Präzedenzfall.”

    Gemeint: Dem einen Fahrer sagen, dass er den anderen vorbeilassen soll. Die erlaubte, aber stets umstrittene Teamorder, die Ferrari einst hoffähig machte, als der damalige Teamchef Jean Todt dem Wasserträger von Michael Schumacher, Rubens Barrichello, beim Großen Preis von Österreich vor 17 Jahren funkte: „Let Michael pass for the championship!” Auf Deutsch: „Lass Michael für die WM vorbei.”

    Auch für Vettel geht es um die WM, endlich soll sie her. Vier vergebliche Anläufe mit Ferrari zehren ohnehin an den Nerven. In diesem Jahr muss sich der viermalige Champion und 52-malige Grand-Prix-Gewinner aber erstmal im eigenen Team behaupten.

    Der Große Preis von China, das 1000. Rennen der Motorsport-Königsklasse, legte erste kleinere Wunden offen. Stinksauer und nur widerwillig machte der zehn Jahre jüngere Charles Leclerc Platz, nachdem er vom Team dazu aufgefordert wurde. Bissige Kommentare, als Vettel nicht wie auch von ihm selbst vermutet, nach dem angewiesenen Überholmanöver davonfahren konnte, inklusive. „Charles war der Bauer, der komplett für das Haus Maranello geopfert wurde”, schrieb „Marca” in Spanien.

    Es herrschte Redebedarf. „Es war schwer, die Order auszugeben”, räumte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto ein. „Ich muss Charles dafür danken, wie er sich verhalten hat”, meinte Binotto auch noch. Er lächelte dabei, freundlich, höflich, respektvoll. Kein Wort aber darüber, dass Leclerc seinen Unmut über die Teamentscheidung im Auto deutlich gemacht hatte; stattdessen Lob für den Teamplayer, der sich nach der Besprechung der Ferrari-Mannschaft auf einmal auch sehr verständnisvoll zeigte.

    Kein Wunder, saß er doch rechts neben Binotto, Vettel links vom Teamchef, der zwei Tage zuvor die vorläufige Stoßrichtung im internen Dauerstresstest noch einmal klargemacht hatte: „Wenn es eine 50:50-Situation gibt und wir eine Entscheidung treffen müssen, geben wir Sebastian den Vorteil. Ganz einfach, weil er die meiste Erfahrung mit dem Team in der Formel 1 hat. Er ist der Fahrer, der am wahrscheinlichsten um die WM mitkämpfen kann.”

    Nach drei von 21 Saisonrennen liegt Vettel aber schon 31 Punkte hinter Hamilton, der mit seinem 75. Karrieresieg die Führung im Klassement von Teamkollege Valtteri Bottas übernahm. Vettel ist Vierter (37), vor ihm liegt auch noch Max Verstappen (39) von Red Bull, Leclerc (36) ist wie auf dem Shanghai International Circuit Fünfter.

    Der bisher einmalige Polesetter (Bahrain) hat einen Punkt weniger als sein hochdekorierter deutscher Teamkollege, der auf die Fragen nach der Bevorteilung durch die Scuderia durchaus dünnhäutig reagierte. Dass Ferrari mit gerade mal zwei dritten Plätzen nach den ersten drei Rennen dasteht, geriet fast zur Nebensache. Dass Mercedes in den ersten drei Rennen mal wieder alles abräumte und drei Doppelerfolge zelebrierte, ist eine Tatsache, die Vettel gleichwohl noch mehr Sorgen macht als der aufmüpfige Teamkollege.

    Die Silberpfeile kennen sich mit Stallduellen bestens aus. „Wir waren in der Situation, mit Nico und Lewis und auch mit Valtteri und Lewis”, betonte Wolff. Mit Nico Rosberg war die einst so gepriesene Freundschaft zu Hamilton schnell vorbei, um den Zweikampf zu befrieden, stellten die Mercedes-Männer damals sogar einen Verhaltenskatalog auf. Bottas, der seine Lektionen an der Seite von Formel-1-Souverän Hamilton auch lernen musste, scheint erst in diesem, seinem dritten Mercedes-Jahr, tatsächlich in der Lage, Hamilton gefährlich werden zu können.

    Der 34 Jahre alte Titelverteidiger zeigte mit seinem Zauberstart und einem kontrollierten Rennen in China aber, wer der Chef ist. Eine „weitere makellose Leistung” bescheinigte der „Telegraph” Hamilton völlig zurecht.

    Er kann sich vermutlich auch am besten in Leclercs Situation hineinversetzen. 2007 stieg Hamilton in die Formel 1 ein, ein hungriger, 22 Jahre alter Debütant an der Seite des damals frischgebackenen zweimaligen Weltmeisters Fernando Alonso. Der Neuling hielt voll dagegen und sportlich mehr als mit, die Teamleitung bekam das Duell nicht in den Griff. Es eskalierte und am Ende triumphierte Kimi Räikkönen im Ferrari - der meist schweigsame Finne, der vor dieser Saison für Leclerc bei Ferrari Platz machen musste.

    Von Jens Marx, dpa

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