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    Lausanne

    Bach zu Boykott 1980: „Spiele an den Abgrund geführt”

    Thomas Bach       -  Thomas Bach ist der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).
    Thomas Bach ist der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

    Der Olympia-Boykott von 1980 ist für Thomas Bach Sieg, Niederlage und weiter schmerzender Stachel der Enttäuschung zugleich.

    „Ohne diesen Boykott säße ich nicht im Internationalen Olympischen Komitee”, sagte der IOC-Präsident anlässlich des 40. Jahrestages des Boykotts der Sommerspiele in Moskau. Der Sport sei damals „zum bloßen Spielball der Politik” geworden. Initiiert von den USA, die nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1979 in Afghanistan ihre Verbündeten zum Boykott aufriefen.

    „Es macht diese Erfahrung so bitter, weil eine vollkommene herablassende Missachtung der Stimme der Athleten auch im Sport und ebenso in der breiten Gesellschaft spürbar war”, betonte der Mannschafts-Olympiasieger im Florett von 1976. Auf der Strecke seien 1980 die damaligen Athleten geblieben: „Im Nachhinein gibt es keinen Trost aufgrund dieser Sinnlosigkeit.”

    Die NOK-Mitgliederversammlung hatte am 15. Mai 1980 den Boykott mit 59:40-Stimmen beschlossen. „Der Sport hat sich der Politik unterworfen”, befand auch Walther Tröger (91), der frühere Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, weil „viele unserer Leute der Politik hörig oder verbunden waren.”

    Der 66 Jahre alte Bach stuft seine damalige Ansprache in Namen der Athleten bei dem NOK-Konvent noch heute als sinnlos ein. „Da war die Entscheidung schon gefallen”, sagte er. „Der Appell, den ich an die Mitglieder gerichtet habe, ausschließlich im Interesse des Sports zu entscheiden, war auf fruchtlosen Boden gefallen.” Die Fronten seien vorher klargezurrt gezogen und die Funktionäre von der Politik entsprechend eingenordet worden: „Am Ende war es nur noch eine Formalie, ohne Chance noch etwas umzudrehen.”

    Wo der Weg lang gehen sollte, hatte ihm zuvor auch der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt unmissverständlich im Kanzleramt klar gemacht. Bevor das Gespräch begann, habe ein Militär vor einer Weltkarte eingezeichneten Ölleitungen, Panzern und Raketen erklärt, „dass, wenn wir nach Moskau fahren würden, die Ölzufuhr für Deutschland und Europa gefährdet sei und der Weltfrieden in Frage stünde”, erinnerte Bach. Danach habe Schmidt zu ihm gesagt: „Wenn Sie Herr Aktivensprecher das wollen, fahren Sie ruhig nach Moskau.”

    Ein Grund für dem Kotau des Sports vor der Politik sei laut Bach gewesen, dass der „Einfluss des Sports auf die Politik praktisch nicht existent” war. „Dies hat die Spiele an den Rand des Abgrunds geführt”, betonte Bach. Die Spiele für 1984 seien schon nach Los Angeles vergeben worden und es sei klar gewesen, was kommen würde: Der Gegenboykott des Ostblocks.

    „Es war eine der Lebenslügen des Sports, für die der Sport bitter bezahlt hat”, sagte er. „1980 zu sagen, Sport habe nichts mit Politik zu tun, war vollkommen falsch. Es gehe darum, dass der Sport politisch absolut neutral sei, „um überleben zu können, um seiner Funktion als Brückenbauer gerecht werden zu können, aber er kann nicht apolitisch sein”.

    Für Sportorganisationen gelte es, eine Partnerschaft mit der Politik in beiderseitigem Respekt zu finden. „Das schließt aber nicht aus, dass im einen oder anderen Fall der eine oder andere wieder der Versuchung erliegt, die große Weltbühne des Sports für die eigenen politischen Zwecke zu nutzen”, meinte er.

    Von Andreas Schirmer, dpa

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