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    Bad Kissingen

    Annika Graser und Leonie Kreil arbeiten am Wunder von Jena

    Das Duo aus dem Landkreis kämpft um den Klassenerhalt in der Bundesliga. Es ist nicht die einzige Schwierigkeit, die gemeistert werden muss.
    Ein Trainingslager unter besonderen Umständen erleben in diesen Tagen die Poppenrotherin Leonie Kreil (vorne) und die Auraerin Annika Graser (im Hintergrund), die mit dem FF USV Jena um den Klassenerhalt in der Frauenfußball-Bundesliga spielen. Foto: privat       -  Ein Trainingslager unter besonderen Umständen erleben in diesen Tagen die Poppenrotherin Leonie Kreil (vorne) und die Auraerin Annika Graser (im Hintergrund), die mit dem FF USV Jena um den Klassenerhalt in der Frauenfußball-Bundesliga spielen. Foto: privat
    Ein Trainingslager unter besonderen Umständen erleben in diesen Tagen die Poppenrotherin Leonie Kreil (vorne) und die Auraerin Annika Graser (im Hintergrund), die mit dem FF USV Jena um den Klassenerhalt in der Frauenfußball-Bundesliga spielen. Foto: privat

    Das anstehende "Heimspiel" in Freiburg ist nicht das einzig Sonderbare, was Annika Graser und Leonie Kreil in diesen Tagen erleben. Allein die sportliche Situation wäre schon schwierig genug für die Fußballerinnen aus dem Landkreis Bad Kissingen , die mit dem FF USV Jena in der Frauen-Bundesliga um den Klassenerhalt kämpfen. Nach 15 Spielen haben die Thüringer erst zwei Unentschieden holen können, warten also immer noch auf den ersten Saisonsieg. Der MSV Duisburg auf dem ersten Nichtabstiegsplatz hat schon zehn Zähler mehr auf dem Konto.

    Es droht also der Abstieg nach dem Aufstieg - und ein knallharter Saison-Endspurt unter erschwerten Bedingungen mit sieben Spielen in drei Wochen. Beginnend eben mit dem Geister-Kick im Freiburger Möslestadion am Sonntag. Und damit 560 Kilometer entfernt von der heimischen Arena, die aufgrund der Corona-Regelungen noch nicht für den Spielbetrieb freigegeben ist. Weil in Thüringen Mannschaftstraining und Wettkämpfe noch bis zum 5. Juni untersagt sind, mussten bereits die Männer vom FC Carl Zeiss Jena zum Drittliga-Restart nach Würzburg umziehen, verloren am Dallenberg mit 0:1 gegen den Chemnitzer FC. Kleingruppen-Training war für Jenas Fußballerinnen erst ab dem 18. Mai erlaubt. Zu einem Zeitpunkt, an dem andere Bundesligisten längst auf dem Platz standen.

    Wie alle anderen Vereine der Frauenfußball-Bundesliga hatte auch der Universitätssportverein mit seinem für einen Erstliga-Club schmalen Budget von 700 000 Euro für eine Saisonfortsetzung gestimmt, hatte aber auch die ungleichen Voraussetzungen kritisiert. "Der Umzug nach Freiburg ist für uns tatsächlich die einfachste Lösung. In einem anderen Ausweichstadion außerhalb Thüringens wäre unser Vorbereitungsaufwand noch höher", sagt FF-USV-Geschäftsführer Christoph Schliewe. Was auch daran liegt, dass die Mannschaft direkt vom Trainingslager im hessischen Grünberg nahe Gießen die Fahrt ins Breisgau unternimmt.

    Zu Gast in der Sportschule

    Seit dem Wochenende befindet sich die Mannschaft in der dortigen Sportschule. Neben Annika Graser und Leonie Kreil sind dies 15 weitere Spielerinnen samt Trainer Christopher Heck, der aufgrund von Schule und Beruf nicht alle Stammspielerinnen um sich versammeln kann. In Freiburg dürfen jedenfalls nur die Spielerinnen auflaufen, die in Grünberg dabei sind. Die anderen dürfen nach zwei negativen Corona-Tests entsprechend später einsteigen. "Wir wurden vor dem Trainingslager alle zweimal negativ getestet und werden sowohl in Grünberg als auch in Freiburg noch einmal getestet", sagt Annika Graser zum Prozedere.

    "Trotz der Umstände ist es einfach schön, wieder mehr Zeit mit dem Team zu verbringen. Auch die Stimmung ist gut", sagt die 20-Jährige. Die Auraerin, die bereits seit 2014 beim FF USV Jena ist, absolviert an der Uni-Klinik in Jena ein freiwilliges, soziales Jahr, ist aktuell auf der Intensiv-Station eingesetzt und hatte schon vor geraumer Zeit Urlaub eingetragen, was ihr nun den Trainingslager-Aufenthalt erleichterte.

    Auch Leonie Kreil genießt das Zusammensein mit den Kolleginnen. "Das ist ein sehr gutes Gefühl. Das Miteinander habe ich schon sehr vermisst", sagt die 22-Jährige, die an der Jenaer Universität im vierten Semester Sportmanagement studiert. "Jetzt liegt der Fokus wieder mehr auf dem Fußball, was das Studium erschwert. Aber das nehme ich gerne in Kauf", sagt die Stürmerin, die die Doppel-Belastung auch dank der Absprachen zwischen Uni-Dozenten und Verein stemmt. Einen Teil ihrer Quarantäne-Zeit hatte Leonie Kreil im heimischen Poppenroth verbracht. Und sich dort womöglich auch einige Gedanken über ihre sportliche Zukunft gemacht. Ein Verbleib in Jena ist ebenso möglich wie ein Wechsel.

    Am Pfingstsonntag stand erstmals seit dem März ein Training mit Zweikampf auf dem Programm. In den Wochen ohne Teamtraining hatten die Spielerinnen einen Laufplan und Kraftübungen quasi als Hausaufgaben bekommen. "Jetzt in Grünberg wird auch auf die Dosierung geachtet, um Verletzungen zu vermeiden. Dabei hilft uns auch die Physiotherapeutin , die mit vor Ort ist", sagt Annika Graser, die normalerweise auf der Sechser-Position, also im defensiven Mittelfeld spielt. "Aber es kann schon sein, dass der Trainer einige Umstellungen vornimmt, weil ja einige Spielerinnen ausfallen."

    Hoffen auf den Heimvorteil

    Mit Geisterspielen kann Annika Graser übrigens so gar nichts anfangen. "Erstmals habe ich ein Spiel im Trainingslager verfolgt. Davor habe ich mich bewusst solche Spiele nicht angeschaut, weil die Fans einfach dazugehören." Zumindest für die nächsten drei Wochen muss sich die Auraerin mit Spielen ohne Zuschauer anfreunden, darf aber zumindest darauf hoffen, dass es in naher Zukunft wieder "echte" Heimspiele in Jena geben wird.

    Sicher ist zumindest, dass Annika Graser auch im Falle eines Abstieges ein fester Bestandteil des Thüringer Teams bleiben wird. Dort, wo zur kommenden neuen Saison Veränderungen anstehen, weil der FF USV Jena die Spielrechte aller Frauen- und Mädchenteams auf den FC Carl Zeiss Jena um seinen neuen Sportdirektor und ehemaligen Spieler Tobias Werner übertragen hat. "Ich bin gespannt, wie das wird", sagt Annika Graser.

    Jetzt braucht es aber erst einmal ein mittelgroßes Wunder, damit in der 110 000 Einwohner-Stadt auch in der neuen Saison ein Fußball-Erstligist seine Heimat hat.

    Jürgen Schmitt

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