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    Bad Kissingen

    Das ganz spezielle Leiden der Club-Fans

    Dass Anhänger des 1. FC Nürnberg Nerven aus Stahl brauchen, ist bekannt. Am Samstag wurden die Clubberer auf eine besonders harte Probe gestellt.
    Jubel nach Spielende mit Fabian Gerber (Co-Trainer 1. FC Nürnberg) und Michael Wiesinger (Cheftrainer) Foto: Sportfoto Zink/Daniel Marr       -  Jubel nach Spielende mit Fabian Gerber (Co-Trainer 1. FC Nürnberg) und Michael Wiesinger (Cheftrainer) Foto: Sportfoto Zink/Daniel Marr
    Jubel nach Spielende mit Fabian Gerber (Co-Trainer 1. FC Nürnberg) und Michael Wiesinger (Cheftrainer) Foto: Sportfoto Zink/Daniel Marr

    Ein bearbeitetes Bild ging am Samstag kurz nach Abpfiff des Relegations-Rückspiels zwischen dem FC Ingolstadt und dem 1. FC Nürnberg durch die sozialen Medien: Zu sehen ist ein älterer Mann mit Käppi und Grinsen im Gesicht. Dazu steht geschrieben: "Das Leben als Clubberer ist relativ stressfrei." Beschrieben wird die zitierte Person als Paul, 24 Jahre. Tatsächlich dürften viele Club-Fans am Samstag um einige Jahre gealtert sein. Nachdem die Partie lange vor sich hinplätscherte, hatten es die zweite Halbzeit und die Nachspielzeit in sich. Vier FCN-Anhänger erinnern sich: Lorenz Brust ist Vorstandsmitglied des Fan-Clubs Erthal (Kreis Bad Kissingen ): "Viele unserer Mitglieder hatten sich in unserem Stammlokal in Obererthal getroffen, aber ich wollte meine Ruhe haben und hab' mir das Spiel daheim auf der Couch angeschaut. Zunächst war ich ganz entspannt, doch nach dem zweiten Gegentreffer war ich in einer Art Schockstarre. Nach dem dritten Ingolstadter Tor musste ich auf dem Balkon eine Zigarette rauchen. Was folgte, war ein einziges Hoffen und Bangen. Klasse, wie der Fabian Schleusener in der Nachspielzeit reagiert und das Tor gemacht hat. Meinen Jubel hat man ein paar Zimmer weiter noch gehört. Danach habe ich mir einen Beruhigungsschnaps gegönnt, ein ,Nüssle' vom Onkel. Das hat so richtig gut getan."js

    Reiner Neder, jetzt wohnhaft in Bad Neustadt, ist ehemaliger Vorsitzender vom FCN-Fanclub Erthal: "Ich bin ja kein normaler Fan vom Club. Und mein Sohn ist genauso verrückt. In der Erziehung habe ich also nicht versagt. Was das Spiel in Ingolstadt angeht, da bin ich immer noch fix und fertig. Bei uns im Wohnzimmer haben sich Dramen abgespielt. Schon nach dem Hinspiel habe ich gesagt, dass wir zwei Tore mehr hätten machen müssen. Wir kennen ja unseren Verein. Selbst nach dem Tor für Nürnberg war das so brutal, weil man nach dem Jubel warten musste, ob das Tor anerkannt wird. Nach dem Schlusspfiff war das keine Freude , nur Erleichterung. Wir haben im Garten dann erst einmal ein Bier getrunken. js Uli Pechtold spielte von 1974 bis 1977 für den 1. FC Nürnberg , seit einigen Jahren betreibt der 67-Jährige in Forchheim eine Sports-Bar: "Am Samstag waren nur etwa 25 Leute da, was zum einen daran lag, dass das Spiel auch im Free-TV übertragen wurde, zum anderen war mit dem 2:0 im Hinspiel eine vermeintliche Vorentscheidung gefallen. Der Vorteil für mich war, dass ich weniger ausschenken musste und mehr vom Spiel mitbekommen habe. Die Gäste waren 95 Minuten lang extrem ruhig. Zunächst, weil der Club den Gegner im Griff hatte. Dann, weil die Ingolstadter drei schnelle Tore geschossen haben. Die Nürnberg-Fans waren perplex. Keiner hat mehr an das Wunder geglaubt. Ab der 90. Minute habe ich kein Bier mehr ausgeschenkt, weil klar war, dass nach Abpfiff alle schnell nach Hause gehen würden. Beim 3:1 sind dann alle ausgeflippt und mir war klar, dass ich Überstunden schieben muss. Eine Gruppe junger Leute wollte partout nicht gehen. Die waren schon den ganzen Tag unterwegs gewesen und entsprechend in Feierlaune. Ich bin zwar froh, dass der Club drin geblieben ist, aber wenn das so bleiben soll, muss sich grundlegend etwas ändern. Vor allem einen Goalgetter braucht die Mannschaft."rup

    Wolfgang Reichmann aus Bamberg berichtete rund 25 Jahre lang als Hörfunkreporter von den Partien des 1. FC Nürnberg : "Ich habe mir das Spiel in Ingolstadt mit einigen Bekannten im Fernsehen angeschaut. Der ehemalige Sportbürgermeister Christian Lange hatte mich eingeladen und im Club-Trikot begrüßt. Als die zweite Halbzeit lief, sind wir uns alle vorgekommen wie im falschen Film. Wie man sich drei Tore nach fast identischen Standardsituationen einfangen kann, ist für mich unverständlich und zeigt, dass es innerhalb der Mannschaft nicht passt. Wir haben uns alle nur fassungslos angeschaut und mit dem Kopf geschüttelt. Natürlich habe ich gehofft, dass der Club noch ein Tor schießt. Das hätte er aber nicht geschafft, wenn sich die Ingolstadter in der Nachspielzeit nicht unverständlicherweise zurückgezogen hätten. Nach dem Abpfiff waren wir zunächst alle wie paralysiert. Gejubelt hat noch keiner. Es hat bestimmt fünf Minuten gedauert, bis wir alles verkraftet hatten. Die einhellige Meinung bei uns war: Der Fußball-Gott muss ein Franke sein."ps

    Marco Jäger von den Clubfreunden Burk aus Forchheim wohnt in Röttenbach und verfolgte das Spiel im Party-Keller eines Freundes in Höchstadt: "Beim Club bin ich immer pessimistisch. Selbst ein 6:0 im Hinspiel hätte mich nicht beruhigt. Nach dem 1:0 fühlte ich mich bestätigt. Als wir innerhalb von 16 Minuten drei Standard-Gegentore kassiert hatten, waren wir alle bedient und resigniert. Ein Stuhl ging aus Wut zu Bruch. In der 93. Minute musste ich an den SC Verl denken. Das 3:1 konnte ich kaum glauben. Ich wollte schon immer mal erleben, dass der Club in der letzten Sekunde ein Spiel dreht - und nicht immer umgekehrt. Allerdings haben wir weiter gebangt, ob der Treffer zählt. Und selbst dann war noch nicht Schluss. Nach dem Abpfiff hatte keiner mehr ein T-Shirt an. Der zweite Stuhl musste aus purer Freude dran glauben. Eigentlich war der Klassenerhalt das Mindeste, aber wir haben bis halb vier in der Nacht gefeiert."rup

    Redaktion

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