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    Schondra

    Rhön300: Torturen und Triumphe

    Zu den ambitionierteren Radfahrern gehörte Martin Voigt (Nr. 49) vom Team Bikeword Brand. Foto: Sebastian Schmitt.
    Zu den ambitionierteren Radfahrern gehörte Martin Voigt (Nr. 49) vom Team Bikeword Brand. Foto: Sebastian Schmitt.

    Die Sonne war noch gar nicht so richtig aufgegangen über dem beschaulichen Schondra , da machten sich fast 70 Sportler auf die nicht ganz 300 Kilometer lange Strecke des Rhön300-Radmarathons, der nach einer einjährigen Pause eine Wiederauflage erfuhr. Die offenen Fernen sind ein visueller Genuss. Weite Blicke und eine abwechslungsreiche Landschaft. Aber das stete Auf und Ab mit steilen Rampen ist eine ganz spezielle Herausforderung. "Die Hügel können einen viel abverlangen. Man muss sich die Kräfte einteilen", weiß Ingeborg Joa, die große Teile der Strecke gut kennt als Stammgast des Rhöner Kuppenritts oder des Pfingst-Events in und um Bimbach. "Dieses Wissen hilft, aber die Berge hoch muss jeder für sich kämpfen. Natürlich wird in der Gruppe auch lockerer Smalltalk gehalten, wenn es der Straßenverkehr zulässt", sagt die Elfershäuserin, die exakt bei Kilometer 200 tatsächlich durch ihren Wohnort fuhr. "Im Ziel war ich einfach nur happy, durchgekommen zu sein. Die Strapazen geraten da in den Hintergrund", sagt Ingeborg Joa, die gegen 19.30 Uhr zurück in Schondra war. Und die angesichts der vielen positiven Eindrücke auf künftig noch größere Starterfelder hofft.

    Eine frühe erste Qual

    Erstmals richtig quälen mussten sich die Teilnehmer schon in den frühen Morgenstunden, als es von Oberbach in Richtung Gefäll ging. Fast 840 Meter ist der Totnansberg hoch. Auf dem über drei Kilometer langen Anstieg von Oberbach kommend in Richtung Eisernes Kreuz müssen fast 300 Höhenmeter bezwungen werden. Auf der langen Geraden im Bereich des Eisernen Kreuz haben die Radsportler den höchsten Punkt stets vor Augen. Was wohl Fluch und Segen zugleich sein dürfte. Als Belohnung gibt es die über fünf Kilometer lange Abfahrt nach Gefäll mit rund 370 Metern Höhenunterschied.

    Die Route musste in den zurückliegenden Wochen mehrfach neu geplant werden. Dabei galt es, die Baustelle in Riedenberg sowie den kompletten Straßenneubau zwischen Bad Brückenau und Zeitlofs zu berücksichtigen. Das idyllische Sinntal wurde daher weitestgehend aus der Streckenführung wieder herausgenommen. "Nur zwischen Riedenberg und Oberbach sind wir ein kurzes Stück auf dem brandneuen Sinntalradweg unterwegs", berichtete der Wildfleckener Martin Voigt kurz vor dem Start. Voigt gehört beim Euerdorfer Team Bikeworld Brand mit seinen 46 Lenzen zu den routinierten Fahrern, hat vor über zehn Jahren schon bei der legendären "Trans Germany" mitgemacht und ist nach wie vor ein Radsportler und Mountainbiker durch und durch.

    Die Rhön als Mittelgebirge mitten in Deutschland ist zwar längst ein Anziehungspunkt für Radfahrer geworden, aber sie ist mit ihren Kuppen, Kurven und verschlungenen Straßen auch immer irgendwie unberechenbar. Sobald die Schwarzen Berge bezwungen waren, machten sich die Teilnehmer auf den Weg in die idyllischen Talauen von Premich und Schmalwasser. Von dort ging es weiter nach Bischofsheim, wo die zweite Raststation zu finden war. Der Schwedenwall nahe Gersfeld als die nächste große Herausforderung trennt die bayerische von der hessischen Rhön.

    Thüringen kurz gestreift

    Auf der hessischen Seite führte nur ein kurzer Streckenabschnitt entlang, denn die Radler verließen über Frankenheim die hessische Rhön und streiften für einige Kilometer den Thüringer Teil des Biosphärenreservates. Bad Neustadt, Bad Bocklet, Bad Kissingen, Euerdorf, Aura - die Saale ist ein ständiger und treuer Begleiter beim Radmarathon.

    Weiter ging es über Hammelburg, Diebach und Morlesau nach Gemünden. Ab Burgsinn in Richtung Gräfendorf mussten die Radsportler noch einmal fest die Zähne zusammenbeißen. Die beschwerlichen Anstiege haben es nämlich in sich.

     

    Keine offizielle Rangliste

    Der Endspurt führte über Detter, Modlos, Unterleichtersbach, Untergeiersnest und Schönderling nach Schondra zum Märzgrund ins Sportzentrum zurück. Die beiden Schnellsten waren bereits nach zehn Stunden im Ziel, aber eine offizielle Rangliste wird nicht veröffentlicht. "Leider können wir das nicht machen, denn bei einem echten Radrennen hätte ich Streckenposten von früh morgens um sechs Uhr bis in die Abendstunden an fast allen Kreuzungen gebraucht. Und setzen sie mal einen Streckenposten zwölf Stunden und mehr in die Schwarzen Berge. Da werden Sie kaum jemanden finden, der das machen will", macht Peter Baumgart deutlich. Zufrieden zeigt sich der Organisator mit dem relativ reibungslosen Genehmigungsverfahren in diesem Jahr. Im Vorjahr hatte es deutlich mehr Schwierigkeiten gegeben, die letztlich zu einer recht kurzfristigen Absage des Radmarathons führten.

    Mit Reinhart Vogler fand sich im Feld der knapp 70 Pedaleure ein hochdekorierter Läufer, der seine Ausdauerfähigkeiten nun auch im Sattel unter Beweis stellte. "Ich bin prima durchgekommen, auch wenn ich 200 Kilometer alleine gefahren bin. Die Bedingungen und die Organisation waren sehr gut", blickte der älteste Teilnehmer in seinem Feld zurück, der das nächste große Rennen vor der Brust hat mit der Teilnahme am Ötztaler Radmarathon am 1. September. "Ich fahre die 238 Kilometer lange Strecke mit vier Pässen und 5500 Höhenmetern. Da war Rhön300 mit den 5300 Höhenmetern ein perfektes Training", sagte Vogler, der immer noch täglich trainiert und nach etwa elf Stunden im Ziel war mit einem Schnitt von 25,5 km/h. Nur ein paar Riegel und relativ wenig Getränke hatte Vogler zu sich genommen, "weil ich das vom Laufen so gewohnt bin. Aber ich muss beim Ötztaler auf alle Fälle mehr trinken, um Krämpfe zu vermeiden."

    Schmerzen in Kauf genommen

    Für Pascal Kühne wurde indes die doppelte 13 zur Glückszahl: Nach 13 Stunden und 13 Minuten reiner Fahrzeit fuhr der Bad Kissinger gegen 20.30 Uhr über die Ziellinie. Überglücklich. "Bei der Renn-Premiere 2017 musste ich vorzeitig aussteigen, diesmal wollte ich das unbedingt schaffen, dafür habe ich zwei Jahre trainiert", berichtete der 22-Jährige, der mit seinem Vater Arne-Kay unterwegs war. Zumindest bis Hammelburg. "Dann bekam ich Knieprobleme, wusste aber, dass ich es alleine schaffen würde. Die letzten 20 Kilometer waren echt hart", sagt der Fahrer vom Team Bikeworld Brand , der täglich mit dem Rad zur Arbeit fährt und die Intensität des Trainings vor Rhön300 natürlich steigerte. Gefeiert wurde entspannt, am Tag darauf, nämlich mit einem Abendessen mit der Familie. "Nach dem Rennen bin ich quasi ins Bett gefallen", sagte Pascal Kühne, der es sich aber nicht nehmen ließ, die 300 Kilometer voll zu machen, nachdem das Rennen selbst aufgrund kleinerer Streckenänderungen etwa 287 Kilometer lang war.

    Die nächste Auflage kommt

    Nicht alle der weit über 100 Teilnehmer waren übrigens so "verrückt", sich an einem Tag über 300 Kilometer zu quälen. Es wurden auch Routen über 54, 110 und 186 Kilometer angeboten und genutzt. Mit 3200 Höhenmetern hatte es auch die sogenannte "Südrunde", die zweitlängste Strecke im Wettbewerb, in sich. Entscheidend aber freilich war, dass alle Teilnehmer das Ziel unfallfrei erreichten. Mit ein Grund, warum Peter Baumgart schon jetzt sagen kann, "dass am ersten August-Wochenende 2020 der dritte Rhön300-Radmarathon stattfinden wird.

    Jürgen Schmitt, Sebastian Schmitt

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