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    LKR Bad Kissingen

    Survival-Training: Stresstest für Körper und Geist

    Wer mit Walter Lauter unterwegs ist, hat gute Chancen, sich auch in der wildesten Natur zu behaupten.
    Das Essen am Lagerfeuer gehörte zu den angenehmen Seiten des Survival-Trainings. Fotos: Jürgen Schmitt       -  Das Essen am Lagerfeuer gehörte zu den angenehmen Seiten des Survival-Trainings. Fotos: Jürgen Schmitt
    Das Essen am Lagerfeuer gehörte zu den angenehmen Seiten des Survival-Trainings. Fotos: Jürgen Schmitt

    Kerzengerade steht der künstliche Feuerstein auf dem feinen Abrieb aus Kienspan. Das harzreiche Holz ist eigentlich ideal, damit aus dem Funkenflug eine kleine Feuer-Zunge wird. Soweit die Theorie. Ein paar Stunden zuvor hatte ich den Praxistest noch gemeistert, habe zum ersten Mal eine Flamme mit archaischen Hilfsmitteln und ein paar dürren Zweigen erschaffen. Doch jetzt drohe ich zu scheitern. Minute um Minute vergeht, indem ich den Feuerstein mit einer kleinen Stahlscheibe malträtiere. Immer von oben nach unten.

    Die Funken fliegen, aber das Feuer springt im wahrsten Wortsinne nicht über auf das ätherische Kiefernholz. Auch das vertrocknete Gras von einem alten Vogelnest, das wir in der Nähe gefunden haben, und die zarte Birkenrinde taugen nicht als Brandbeschleuniger. Je mehr Zeit vergeht, umso stärker wird der Schmerz im Unterarm. Dazu nerven die Fliegen, die am nahen Wasser in Massen meinen verschwitzten Körper malträtieren.

    Da hatte ich sie also: Die Herausforderung der etwas anderen Art, die ich als Sportredakteur gesucht habe. Ein Stresstest für Körper und Geist in unbekanntem Gelände. Keine Halle, kein Sportplatz. Und kein Luxus wie Duschen oder angrenzende Gastronomie. Nicht einmal Handy-Empfang hat unser malerischer Flecken. Dafür immerhin ein fließendes Gewässer und eine große Wiese inmitten einer Waldlichtung. In der Nähe ein Unterstand, der unser Nachtquartier werden wird.

    Nur gut, dass ich mit Walter Lauter einen Experten in Sachen Überlebenstraining an meiner Seite weiß. Der 63-Jährige ist Mitglied im Verein "Wilderness Survival" und hat Tipps und Tricks auf Lager, über die ich mehr als einmal staune.

    Zum Einstieg in unser kleines Abenteuer darf ich beim Sammeln von Pflanzen helfen, aus denen wir einen schmackhaften Wildsalat zaubern wollen. Ich bin überrascht, was sich unter unseren Füßen Essbares finden lässt: Brennesseln, Spitzwegerich, Huflattich und Breitwegerich wandern ebenso in unsere Schüsseln wie die schmackhaften Blüten von Gänseblümchen, eine kleine Portion Klee sowie Blätter und Wurzeln vom Löwenzahn.

    45 Minuten sind wir in gebückter Haltung am Sammeln. Beim Fußball wäre jetzt Halbzeit, bei uns geht es ohne Unterbrechung weiter. Unsere Ausbeute wird mit Wasser von Fliegen und Erde befreit und später mit Öl, Salz und Pfeffer sowie kleinen Stücken von Wildschwein-Schinken verfeinert.

    Von einigen Videos weiß ich, dass Walter Lauter überhaupt keine Probleme hat, lebende Insekten zu verputzen. Aber um derartige Genüsse komme ich auf unserem Trip herum. Eher fürsorglich eingestellt ist mein Begleiter, der später am Tag noch andere Mitbringsel aus dem Hut zaubern wird.

    Nah am Wasser wartet die nächste Aufgabe mit dem Bau einer primitiven Feuerstelle. Wir heben eine kleine Mulde aus, um die ein Ring von Steinen gelegt wird. "Nimm aber keine Steine aus dem Fluss, die können am Feuer nämlich springen oder platzen", warnt mich Walter Lauter, dessen Handgriffe mit einer beneidenswerten Souveränität sitzen, während ich für die gleichen Aktionen oft doppelt so lange brauche - und wahrscheinlich auch doppelt so viel transpiriere.

    Besser aufgehoben fühle ich mich beim Holzsammeln, wo ich nur darauf achten muss, dass das Material so trocken wie möglich ist.

    Ich spüre: Wer es in der Natur halbwegs gemütlich haben will, muss für etwas Komfort richtig malochen - und kann jederzeit scheitern, wie ich am frühen Abend feststelle. Noch in der Hitze des Tages baut mein "Betreuer" mal eben ein sogenanntes Tarp. Für diesen Zeltersatz benötigt Walter Lauter nur einen Armee-Poncho, ein paar angespitzte Holzpflöcke und etwas Schnur. Wer ein Tarp zum Übernachten nutzt, sollte die offene Seite zum Feuer hin haben, um die Wärme optimal zu nutzen.

    Mit der einsetzenden Dämmerung meldet sich der Appetit. Bis dahin gab es nur Wasser , für mehr war schlichtweg keine Zeit. Nach meinem gescheiterten Versuch übernimmt der Experte den Feuerstein- und Stahl und braucht keine Minute, um das Feuer in Gang zu bringen. Zum Abendessen gibt es neben Wildsalat am und im Feuer gegarte Forelle mit einem butterzartem Fleisch sowie Stockbrot, dessen Teig wir mit dem Salatmachen zubereitet hatten. Mit der nötigen Bettschwere geht's gegen Mitternacht in den Unterstand und in warme Schlafsäcke.

    Mein Outdoor-Erlebnis endet am nächsten Morgen mit einem prächtigen Vogel-Konzert in der Aufwach-Phase sowie einem leckeren Lagerfeuer-Frühstück mit Rührei und Pulver-Kaffee. Keine 24 Stunden hat es gebraucht, um Luxus aus einer ganz neuen Perspektive kennenzulernen.

    Jürgen Schmitt

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