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    EISHOCKEY

    Jede Sekunde kann etwas Entscheidendes passieren

    Er kam, sah und war „sofort von diesem Sport begeistert“. Als Martin Reichert als kleiner Knirps anfangs der 70er Jahre nach dem Schlittschuhlaufen im damaligen „Linde-Stadion“ das Eishockeytraining der SG Nürnberg beobachtete, stand für ihn schnell fest: Das möchte ich auch machen. Und siehe da: Bis heute ist der 54-Jährige fest verwurzelt mit dem schnellsten Mannschaftssport der Welt. Viele Jahre war er als Spieler im Einsatz, seit vielen Jahren als Trainer und Funktionär – vor allem für den ESC Haßfurt.

    Für den in Wassertrüdingen geborenen Diplomingenieur, der als Projektmanager in der halben Republik arbeitet, ist Eishockey längst mehr als nur ein Hobby. Gerade in der am Sonntag zu Ende gegangenen Saison 2017/2018 investierte Reichert wieder unheimlich viel Zeit – ehrenamtlich wohlgemerkt. Wobei: „Ehrenamt ist für mich ein veralteter Begriff, mit dem ich nicht viel anfangen kann“, macht er deutlich. Jeder Mensch habe „eine Lebenszeit, in der es ihm möglich ist Dinge zu tun oder zu lassen, die ihm am Herzen liegen.“ Damit sei auch jeder Mensch „selbst ganz alleine dafür verantwortlich, für was er seine Zeit verwendet oder eben auch nicht.“

    Unbestritten ist freilich, dass ein Zweitwohnsitz „Am Großen Anger“ durchaus Sinn haben könnte, denn während der Saison war er „durchschnittlich vier bis sechs Tage pro Woche“ im Eisstadion und verbrachte „etwa 20 bis 30 Stunden“ mit Tätigkeiten rund ums Eishockey. Dazu gehörten neben Trainings- und Spielbetrieb der großen „Hawks“ auch Besuche von Heimspielen aller anderen Mannschaften, Trainer- und Betreuersitzungen, Vorstandssitzungen, Kommunikation mit dem Verband und anderen Vereinen, Gespräche mit den Stadtwerken und innerhalb des Vereins sowie Spielersichtung und -verpflichtung.

    Somit hat Martin Reichert quasi zwei „Berufe“. Doch Probleme mit seiner Lebenspartnerin gibt es deswegen nicht: „Da sich diese Verbundenheit mit meinem Sport bereits aus der Kindheit entwickelt hat, gab und gibt es in der Familie bezüglich meines Sportes eher selten eine Diskussion“, macht er deutlich und bedankt sich deshalb auch bei allen Familienmitgliedern sowie seiner Lebenspartnerin für ihr andauerndes Verständnis.

    Zurück zu den Wurzeln: Seit nahezu einem halben Jahrhundert ist Martin Reichert mit dem Eis verbunden. Bis 1987 zog er sich die Trikots seines Heimatvereins SG beziehungsweise später EHC 80 Nürnberg über, bevor er erstmals „fremd“ ging, zum Höchstadter EC. Weitere Stationen waren Kulmbach, der ERC Haßfurt (1990/1991), der ERSC Amberg, erneut Haßfurt (1992/1993) sowie schließlich bis 1996 der EV Regensburg. Schon als Spieler erwarb der Verteidiger 1995/1996 seine erste Lizenz, womit ein Engagement als Trainer nach seiner aktiven Karriere schon feststand. Zusammen mit Stan Mikulenka kümmerte er sich von genau 20 Jahren um die Knaben der „Alligators“, als beide noch in der Bayernliga gespielt haben.

    Doch die unterfränkische Kreisstadt am Main hat er aufgrund seiner beiden Gastspiele sowie der Liebe wegen immer im Auge behalten. „Dort habe ich meine damalige Freundin und heutige Lebenspartnerin kennengelernt und so leben wir beide in Sylbach“, gibt es auf die Frage „warum Haßfurt?“ eine einfach Antwort.

    Reichert war nach dem ERC-Untergang aktiv an der Gründung des ESC Haßfurt am 22. Dezember 2004 beteiligt, übernahm auch das Amt des Sportlichen Leiters. Mit einer „Auszeit“ von 2010 bis 2012, als der leidenschaftliche Hobby-Taucher das Traineramt der Nürnberger EHC 80-Knaben innehatte, war und ist er nun in verschiedenen Funktionen im Einsatz – seit 2012 im Vorstand, Trainer der Jugendspielgemeinschaft ERV Schweinfurt/ESC Haßfurt sowie seit zwei Jahren für die „Erste“.

    Gedanken macht sich der Mittelfranke über die Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Dabei möchte er nicht von „besser oder schlechter“ sprechen. „Das halte ich für schwierig. Die Zeiten“, sagt er, „ändern sich und damit auch bestimmte Verhaltensweisen.“ Für die jeweilige Generation sei ein Verhalten ganz normal, für die ältere Generation eher suspekt. „Hier kann als bestes Beispiel die Musik angeführt werden: Jede Generation musste sich von den Eltern sagen lassen, ,Bitte mach den Krach aus beziehungsweise leiser!?“.

    Als „typisch für die Region Haßfurt“, gleichzeitig ein gesellschaftliches Thema und auch in anderen Regionen zu beobachten, sei „diese Hobbymentalität. Etwas ein bisschen machen, aber eben nicht konsequent.“ Dabei geht es ihm nicht um den Sport an sich, sondern um das Verständnis zwischen Eltern und Kinder. „Kindern beizubringen, sich an Dinge zu halten, Verantwortung zu tragen, nicht alles abgenommen zu bekommen und auch nicht die Schuld bei anderen zu suchen. Dies sind Dinge, die sich aus meiner Sicht in unserer Gesellschaft etwas suboptimal entwickeln“, macht er deutlich.

    Er wünscht sich für den Eishockeysport, dass der Deutsche Eishockey-Verband „die Steuerung im gesamten Eishockey stärker übernehmen“ solle. Die Landesverbände, speziell in Bayern, seien für benötigte Entscheidungen dazu „nicht in der Lage. Zum einen“, sagt Martin Reichert, „weil die übergreifende Steuerung deutschlandweit fehlt“. Andererseits werde „zu kurz gedacht“. Eine Verzettelung in verschiedene Richtungen innerhalb der Länder sei für die erfolgreiche Entwicklung der Sportart Eishockey hinderlich.

    Insgesamt hat er seine damalige Entscheidung freilich nie bereut. „Ja, auf jeden Fall“, würde er sich auch heute wieder für Eishockey entscheiden. „Das ist für mich heute noch die schönste Sportart“, kommt er regelrecht ins Schwärmen. Im Eishockey könne „in jeder Sekunde etwas Entscheidendes passieren“. Spannung, Emotionen und Leidenschaft in dieser Ausprägung bezeichnet er als „Besonderheit dieses Sports.“ Auch, wenn die Anforderungen hoch seien und die körperlichen und technischen Voraussetzungen viel von den Spielern verlangen.

    Ein dickes Lob gibt es für die „grandiosen Bedingungen“ in Haßfurt. „Mit dem Freizeitzentrum hat die Stadt etwas geschaffen, was als das zentrale Augenmerk in Haßfurt bewertet werden muss. Hinzu kommt, dass sich die Zusammenarbeit mit den Stadtwerken sehr positiv entwickelt hat“, betont der 54-Jährige.

    Wie lange er als Trainer oder Funktionär noch aktiv ist, ist „völlig offen“. Nach jeder Saison beziehungsweise vor Neuwahlen im Verein prüft Martin Reichert zum einen die letzte Saison und Amtsperiode und bewertet diese für sich persönlich. Dann wirft er einen Blick in die Zukunft und prüft die Möglichkeiten, dass in diesem neuen Umfeld „alles ein Stück nach vorne“ gebracht werden könne. Erst danach legt er in Absprache mit seiner Lebenspartnerin fest, in welche Richtung es gehen wird. „Heute kann ich noch sagen, dass ich für viele Dinge offen bin.“ Er scheut auch keine neuen Ideen oder Aufgaben. „Ich bin selbst gespannt, in welche Richtung sich die Entscheidung in diesem Sommer entwickelt.“

    Am Ende bedankt sich der „Hawks“-Trainer noch für die bayernweit tolle Unterstützung und dem Zuspruch nach dem schrecklichen Unfall von Petr Krepelka, für ihn „das schlimmste Erlebnis“ überhaupt. „Das war unglaublich stark“. Besonders die Spenden-Aktionen der Ligarivalen EC Bad Kissingen und ERV Schweinfurt, deren Fans auch mit ihrem Plakat beim Gastspiel Moosburg Solidarität demonstriert hatten.

    Von unserem Mitarbeiter Ralf Naumann

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