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    Fußball

    Warum der "Raubein"-Stempel ewig hält

    Gegen den TV Königsberg absolvierte er sein letztes Spiel: Nach einer Gelb-Roten Karte in der Nachspielzeit war die Karriere von Johannes Koch (links) beendet. Foto: David Englert

    Wie sonst hätte seine Karriere enden sollen, wenn nicht mit einer Gelb-Roten Karte. In der Nachspielzeit. Trotz einer 5:0-Führung. Mit Johannes Koch fehlt in dieser Saison ein Torjäger, ein Fußballverrückter, und ein Spieler, der - egal wo immer er auflief - schon vor dem Anpfiff seinen Stempel aufgedrückt bekommen hatte. Koch dürfte wohl in der Liste der Rotsünder im Landkreis Haßberge ganz vorne zu finden sein.

    "Wenn du einmal auf der Liste stehst, kommst du da nie wieder runter." Johannes Koch weiß, wovon er spricht. Als Raubein, Schreihals und sogar "Psycho" verschrien, hat der Kirchlauterer seine Erfahrungen mit Stigmatisierungen gemacht. Etliche Partien dauerten für den mittlerweile 36-Jährigen mitnichten 90 Minuten, wurden vielmehr unfreiwillig vorzeitig beendet. Nicht, weil der torgefährliche Angreifer ausgewechselt wurde, sondern weil die Schiedsrichter ihn in die Kabine schickten. "Ich stand von vornherein auf dem Kieker", ist sich der Offensivmann sicher, dass viele seiner Platzverweise schon vor dem Anpfiff feststanden. Ein Unschuldslamm war Koch allerdings nie. Das Provozieren liegt ihm heute noch im Blut.  

    Stürmer in acht Vereinen

    Wie viele Platzverweise er im Laufe seiner 31 Jahre am Ball kassiert hat, weiß der flinke Ex-Stürmer  nicht, aber es war gewiss eine hohe zweistellige Zahl. So viele, dass sich sein Vater Gert - übrigens auf dem Fußballplatz auch kein Kind von Traurigkeit - den Spaß erlaubte, ihm "zum  gefühlt 100. Platzverweis" zu gratulieren. Weitere Rote oder Gelb-Rote Karten werden allerdings nicht mehr hinzukommen. Die Fußballschuhe hängen am berühmten Nagel.

    Als Torjäger immer eng gedeckt, hat Johannes Koch (Mitte, weißes Trikot) auch einiges einstecken müssen. Foto: Ralf Naumann

    Mit fünf Jahren trat der spätere Torjäger in Kirchlauter das erste Mal gegen den Ball. Mit Zwölf ließ er sich dann zum FC Haßfurt locken. TSV Großbardorf, TSV Gochsheim, DJK Dampfach, SV Löffelsterz, MSV Ottendorf und VfR Kirchlauter waren weitere Stationen, ebenso wie der FC Neubrunn, bei dem Koch insgesamt dreimal anheuerte und auch seine Laufbahn beendete. Das war im Oktober vergangenen Jahres.

    Bis auf die Zeit bei den Großbardorfern, in der Koch unter dem damaligen Trainer Erwin Albert einige Bayernliga-Einsätze bekam, dann aber wegen einer Schulterverletzung kürzer treten musste, dürfte er überall vorzeitig in die Kabine geschickt worden sein. Für ihn ist klar: "In den höheren Klassen wird natürlich auch ganz anders gepfiffen. Was da ganz normal ist, wird weiter unten gnadenlos abgepfiffen und dann natürlich auch bestraft." Und da liegt für ihn mit ein Grund für die zahlreichen Platzverweise in seiner langen Karriere - vor allem in den unteren Ligen. Der andere - und den kennen viele Stürmer - sind die unzähligen Attacken, denen man als Angreifer ausgesetzt ist. Und als impulsiver Mensch platzt einem da schon einmal der Kragen - und sei es nur verbal. 

    "Ich bin kein guter Verlierer."
    Johannes Koch, impulsiver Ex-Fußballer aus Kirchlauter

    Koch kennt natürlich sich und sein Temperament, sieht sich allerdings auch als Opfer. "Die Schiris haben dich irgendwann auf der Liste. Da darfst du dir überhaupt nichts mehr erlauben", glaubt der 36-Jährige, dass die Schiedsrichter schon die Karte in der Hemdtasche lockern, wenn sie seinen Namen nur auf dem Spielberichtsbogen lesen.

    Selbst Schiedsrichter

    "Wenn ich spiele, dann will ich gewinnen - nicht nur im Fußball. Ich bin ganz sicher kein guter Verlierer", ärgert sich der Postzusteller, wenn er sich auf dem Platz vom Schiedsrichter benachteiligt sieht. Dabei ist er selbst ausgebildeter Schiri, pfiff bis zu seinem 20. Lebensjahr - weiß also, wie schwer es auch Referees haben. Dennoch: "Was die in den unteren Klassen zum Teil leisten, ist schon heftig." 

    Der Griff in die Hemdtasche. Foto: Getty Images

    Fouls, die keine waren und gegen ihn gepfiffen wurden. Fouls, die an ihm verübt wurden, jedoch nicht geahndet wurden. Unzählige falsche oder zumindest strittige Abseitsentscheidungen: Die Liste, die der Vater von zwei Kindern aufzählt, ist lang. Zu lang für sein Temperament. Und das wiederum war für viele Schiedsrichter zu stark ausgeprägt. Die zeigten dann, wer der Chef im Ring beziehungsweise auf dem Platz ist.

    Ein letzter Platzverweis

    Was sich wie ein (gelb)roter Faden durch Kochs Karriere zog, beendete sie schließlich auch: ein Platzverweis. Im Kreisliga-Duell zwischen dem FC Neubrunn und dem TV Königsberg (5:0). Schon in der Nachspielzeit, startete der FCN-Torjäger - bis zu diesem 13. Spieltag schon sechsmal erfolgreich - einen letzten Angriff. Gegenspieler Jan-Michael Janus kommt im Zweikampf zu Fall. Der Schiedsrichter pfeift und stellt den bereits verwarnten Neubrunner Stürmer mit gelb-rot vom Platz. Koch beteuert, den Königsberger nicht berührt zu haben, was dieser sogar bestätigt. "Doch dem Schiri war das egal, ich musste runter. Angeblich fühlte er sich von mir sogar bedroht, deshalb wurde ich gesperrt." Koch hatte die Nase voll, zog zum letzten Mal das Trikot aus. "Und seitdem bin ich froh, dass ich meine Ruhe habe."

    Seine Leidenschaft für den Fußball hat seitdem aber nicht nachgelassen. Sonntag für Sonntag ist er beim VfR Kirchlauter, seiner bisher einzigen Trainerstation in der Saison 2017/18, als Zaungast dabei. Man kann sich gut vorstellen, dass viele Schiedsrichter Einiges von ihm zu hören bekommen. Das nun aber straffrei, die Karten bleiben endlich in der Hemdtasche.

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