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    Fußball im Wandel

    Fußball: Zahl der Spielgemeinschaften in Unterfranken explodiert

    Fußball im Wandel: Immer mehr Mannschaften in der Region treten in Spielgemeinschaften an. Bezirksspielleiter Bernd Reitstetter hält die Entwicklung für erschreckend.
    Fünf Vereine, eine Mannschaft: TSV Stockheim, TSG Bastheim II, SV Reyersbach II, TSV Ostheim II und TSV Willmars I kicken gemeinsam in der B-Klasse Rhön 3.
    Fünf Vereine, eine Mannschaft: TSV Stockheim, TSG Bastheim II, SV Reyersbach II, TSV Ostheim II und TSV Willmars I kicken gemeinsam in der B-Klasse Rhön 3. Foto: Montage Jutta Glöckner

    Wenn der unterfränkische Bezirksspielleiter Bernd Reitstetter auf die wachsende Zahl an Spielgemeinschaften angesprochen wird, gefriert dem sonst so humorvollen Funktionär des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) das Lächeln. "Es verdoppelt sich beinahe im Zwei-Jahres-Rhythmus", sagt Reitstetter und verweist auf das starke Anwachsen der Spielgemeinschaften. Von den 678 in den drei Spielkreisen Würzburg, Schweinfurt und Rhön aktiven Mannschaften sind rund 25 Prozent bereits als Teil einer Spielgemeinschaft gemeldet.

    Offiziell sind 168 Spielgemeinschaften beim Bezirk registriert (ohne den Kreis Aschaffenburg). Die Zusammenschlüsse mehrerer Vereine, die beim BFV nicht als offizielle Spielgemeinschaften gelistet sind, summieren sich von Lohr bis Eltmann, von Fladungen bis Röttingen, sogar auf 195. Zum Vergleich: Bei der Einführung der Spielgemeinschaften im Aktivenbereich vor sieben Jahren waren es gerade einmal 32 Anträge in den drei Spielkreisen. Vor zwei Jahren dann schon 91. "Erschreckend", lautet der Kurzkommentar Reitstetters angesichts dieser Entwicklung.

    Geht den Klubs das Personal aus oder das Geld? Und was macht das mit den ehemals rivalisierenden Kickern aus dem Nachbardorf? Wir haben uns bei unterfränkischen Vereinen und auch beim Bayerischen Fußball-Verband umgehört.

    Bernd Reitstetter
    Bernd Reitstetter Foto: Hans Will

    Auffällig ist dabei – wie in vielen anderen sportlichen und gesellschaftlichen Bereichen auch – das große Gefälle zwischen Stadt und Land. Sind es in und um Würzburg gerade einmal elf Prozent aller Mannschaften, die sich zu Spielgemeinschaften zusammengeschlossen haben, ist in der Rhön schon fast jeder zweite Verein an einen Partner gebunden. Und auch im Spielkreis Schweinfurt, zu dem auch die Haßberge und ein Teil der Kitzinger Fußball-Klubs gehören, sind es 31 Prozent aller Mannschaften, die sich, um überhaupt noch spielen zu können, einen Partner gesucht haben.

    Je weiter man in der Ligenstruktur nach unten blickt, umso häufiger springt einem das Kürzel "SG" ins Auge. Offizielle Spielgemeinschaften werden zwar nur bis zur Kreisliga genehmigt – ein Aufstiegsrecht in die Bezirksliga gibt es nicht –, aber selbst in der Landesliga Nordwest gibt es mit Schwemmelsbach/Schwebenried und Euerbach/Kützberg schon ursprünglich vier Vereine in zwei Mannschaften, auch wenn diese Fusionen nicht als Spielgemeinschaften geführt werden. Als überregionales Beispiel mag zudem die SpVgg Greuther Fürth dienen, 1996 aus dem TSV Vestenbergsgreuth und der SpVgg Fürth hervorgegangen. 

    Fünf Vereine, eine Mannschaft

    Den größten Anteil an Spielgemeinschaften in der Region weist die B-Klasse 3 in der Rhön auf. Von den zwölf gemeldeten Mannschaften ist lediglich die Reserve des FC Bayern Fladungen II eigenständig. Und in dieser Klasse ist mit der (SG) TSV Stockheim/TSG Bastheim II/SV Reyersbach II/TSV Ostheim II/TSV Willmars I auch der "Rekordhalter" unter den Spielgemeinschaften aktiv: Teams aus fünf Orten in der Rhön treten hier gemeinsam an.

    Deren Trainer Alexander Sawade spricht von einer "absolut unkomplizierten Zusammenarbeit" der fünf Vereine, die früher so manchen Derbykampf gegeneinander geführt hatten. Bastheim und Reyersbach arbeiten bereits seit rund 15 Jahren eng zusammen, Ostheim und Willmars sind erst zu Beginn dieser Saison dazu gestoßen und haben sich reibungslos integriert. "Die sind völlig zufrieden damit, dass ihre Kicker aus der Reserve überhaupt bei uns spielen können", so Sawade. Ansprüche stellten die beiden "Neuzugänge" keine. Allgemein habe man "die Zeichen der Zeit erkannt", allein wären die Vereine schon lange am Ende.

    "Weder Spieler, noch Vereinsmitglieder wussten anfangs Bescheid."
    Jürgen Stühler, Abteilungsleiter DJK Abersfeld

    Dies bestätigt auch Bernd Reitstetter. Der Bezirksspielleiter weiß, dass ohne Spielgemeinschaften viele Vereinsheime und Sportplätze längst verwaist wären. "Für die Vereine mag das zwar ein ,Allheilmeittel' sein, für uns im Verband allerdings nicht", sagt Reitstetter. Ihm schwant angesichts dieser Entwicklung nichts Gutes. Er ahnt aber auch, dass sich diese Entwicklung nicht aufhalten lässt und das Vereinssterben wohl nur hinausgezögert wird.

    Erfolg zu Dritt

    Eines der "jüngeren Kinder" der ständig wachsenden SG-Familie ist die SG Untertheres/Ottendorf/Buch im Landkreis Haßberge. Zwar arbeiten die beiden erstgenannten Klubs bereits seit 2016 zusammen, zur aktuellen Saison erhielt die SG nun aber Zuwachs vom RSV Buch. Der wollte bereits 2018 mit dem TV Obertheres eine Zweckgemeinschaft eingehen, das allerdings klappte nicht.

    Gemeinsam zum Sieg: Wie bei der SG Klein-/Großlangheim im Fußballkreis Schweinfurt funktioniert es vielerorts nur noch mit Zusammenschlüssen.
    Gemeinsam zum Sieg: Wie bei der SG Klein-/Großlangheim im Fußballkreis Schweinfurt funktioniert es vielerorts nur noch mit Zusammenschlüssen. Foto: Marion Wetterich

    Also schleppte sich der RSV eine komplette Saison lang noch alleine durch den Spielbetrieb. Seit Mitte 2019 aber hat man mit der SpVgg Untertheres und dem MSV Ottendorf zwei Partner gefunden, mit denen es nun gemeinsam um Punkte geht. "Die Entscheidung, den RSV Buch in die SG aufzunehmen war ein großer Erfolg", so der Unterthereser Abteilungsleiter Stefan Schuhmann. "Organisatorisch läuft alles nahezu reibungslos, die Gespräche sind stets ehrlich und konstruktiv." Und offensichtlich erfolgreich, denn die SG führt die Tabelle der A-Klasse Schweinfurt 4 ungeschlagen und mit zwölf Zählern Vorsprung an. Und das zum 100. Geburtstag der SpVgg Untertheres. Mit dem Aufstieg in die Kreisklasse will man sich am Main selbst ein großes Geschenk machen.

    Trickreiche Gründung

    Direkt dahinter rangiert ein weiterer "Dreier-Verbund": die SG Abersfeld/Löffelsterz/Reichmannshausen. Die Spielgemeinschaft gibt es in dieser Zusammensetzung jetzt seit gut drei Jahren. Als letztes hinzugekommen ist die DJK Abersfeld. "Und das war unser bester Zug", ist der Abersfelder Abteilungsleiter Jürgen Stühler überzeugt, den richtigen Weg für seinen Verein beschritten zu haben.

    "Zwar war es damals nicht unbedingt nötig, wir hatten noch genügend Spieler. Aber mit Weitblick betrachtet, gab es keinen anderen Weg." Und dieser Weg begann mit einem kleinen Trick: "Weder die Spieler, noch die Vereinsmitglieder wussten anfangs Bescheid. Erst als eigentlich alles in trockenen Tüchern war, haben wir die Leute vor vollendete Tatsachen gesetzt", sagt Stühler und gibt einen Einblick in die Geburtsstunde dieser SG. 

    Dass Abersfeld und die schon länger zusammenarbeitenden Vereine aus Löffelsterz und Reichmannshausen dabei alles richtig gemacht haben, zeigt sich daran, dass es der SG gut geht, der sportliche Erfolg vorhanden ist und kritische Stimmen, die es nach der Gründung gab, schon lange verstummt sind.

    Doch auch zwei Klassen weiter oben, in den beiden Schweinfurter Kreisligen, sind die "Vernunftehen" mittlerweile nichts Besonderes mehr. In der Kreisliga 1 gibt es gleich neun Spielgemeinschaften, in der Kreisliga 2 immerhin nur deren zwei. Dass für die SG-Vereine in der Kreisliga sportlich das Ende der Fahnenstange erreicht ist, ist wohl das kleinere Übel.

    "Wir müssen uns die Frage stellen, ob das jetzige System der Spielgemeinschaften noch zeitgemäß ist."
    Thomas Graml, BFV-Bezirksvorsitzender Oberpfalz 

    Für den Verband birgt das stete Anwachsen der Spielgemeinschaften vor allem eins: ein Problem. Denn schließen sich zwei Mannschaften zu einer zusammen, schrumpfen zwangsläufig die Ligen. Bernd Reitstetter blickt daher sorgenvoll in die Zukunft und prophezeit eine strukturelle Änderung: "Wir werden schon in fünf bis zehn Jahren in den unteren Ligen kleinere Gruppen bekommen", so Reitstetter. Und die werden ihre Saison dann möglicherweise nicht mehr so spielen wie bisher. "Eventuell wird es dann Turnierformen mit anschließenden Play-off-Spielen geben", sagt der der Bezirksspielleiter aus Würzburg und präsentiert damit schon heute eine Idee für den Fußball von morgen.

    Soweit ist der Verband selbst aber noch nicht. Thomas Graml, BFV-Bezirksvorsitzender in der Oberpfalz, ist damit beauftragt, die Spielgemeinschaften landesweit unter die Lupe zu nehmen und mit der allgemeinen demographischen Entwicklung zu vergleichen. Aus den dann gewonnenen Zahlen "werden wir  unsere Schlüsse ziehen und entsprechende Maßnahmen beschließen", verrät Graml das weitere Vorgehen. "Wir müssen uns dann die Frage stellen, ob das jetzige System der Spielgemeinschaften noch zeitgemäß ist, ob die Vereine sich aus Personalmangel oder aus Gründen der Leistungssteigerung zusammenschließen." Denn dann, befürchtet Graml, würden schlechtere Spieler "auf der Strecke bleiben und uns als Spieler verloren gehen".

    Fußball im Wandel – die Serie
    Verwaiste Sportplätze, verlassene Vereinsheime und ein grassierender Bedeutungsverlust bei Jung und Alt: Was ist aus unserem Fußball geworden? Stirbt hier, in den Dörfern und Städten, ein Kulturgut, das einmal emotionaler Halt und sozialer Kitt dieses Landes war? Dieser Frage wollen wir nach- spüren in unserer großen Serie „Fußball im Wandel“. Wandel bedeutet Veränderung, nicht selten unter Druck und Zwang. Aber Wandel bietet stets auch Chancen für Neues, für bisher Unentdecktes.
    Zwischen diesen beiden Polen, Tradition und Moderne, Umbruch und Aufbruch, werden wir uns in den nächsten Monaten bewegen. Wir wollen wissen: Wie hat sich der uns so vertraute Fußball ver- ändert? Was macht der Wandel mit Vereinen und Verband? Weshalb gelingt der Umbruch im einen Dorf besser als im anderen nebenan? Was tun mit Vereinsheim und Sportgelände, wenn der Fußball nicht mehr rollt? Wir hören Experten, diskutieren mit Trainern über die wahre Lehre, über Taktiken und Strategien – und gerne auch mit Ihnen. Wenn Sie Ideen und Anregungen für diese Serie haben, bitte melden an: Main-Post, Sportredaktion, Berner Straße 2, 97084 Würzburg, ? (09 31) 60 01 - 237 E-Mail: red.sport@mainpost.de

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