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    DIE WOCHE

    Ein Held am Boden reicht vielen nicht

    Die österreichische Ski-Legende Toni Sailer steht im Verdacht, eine Frau vergewaltigt zu haben. Der Vorwurf ist nicht neu, er wurde schon nach der mutmaßlichen Tat – im März 1974 – erhoben. Jetzt haben österreichische Medien ihn erneuert und mit neuen Fakten unterlegt.

    Das Problem: Sailer kann dazu nicht mehr befragt werden, er ist seit neun Jahren tot, und das angebliche Opfer – eine Nebenerwerbsprostituierte – ist nicht aufzufinden. Der Fall beruht also auf Indizien, die schon vor vier Jahrzehnten ziemlich dünn waren.

    Verstehen Sie mich bitte richtig: Ich möchte die Sache nicht verharmlosen, womöglich ist ja was dran. Doch wem es nützen soll, sie gerade jetzt wieder auszugraben, erschließt sich mir nicht. Ich habe den Verdacht, sie passt gerade gut in die Zeit.

    Ich finde Aufklärung wichtig und richtig – wenn es um gut belegte Vorwürfe wie bei Dieter Wedel geht. Vielfach verrutschen in der Debatte die Grenzen. Eine Vergewaltigung ist etwas anderes als ein unverlangt zugesandter Blumenstrauß. In sozialen Medien aber wird alles als Kampfansage in die eine oder andere Richtung gedeutet. Es gibt nur noch Wolf und Lamm.

    Wer versucht zu differenzieren, sieht sich als Verräter dargestellt. Mit den Ideen einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft, mit Freiheit oder Humanität, hat das alles nichts zu tun. Angst und Verdacht regieren.

    Der Regisseur Wedel soll Frauen bedrängt, belästigt und übel misshandelt haben; aber muss man, weil mit dem Menschen etwas nicht stimmt, gleich sein ganzes Werk in Misskredit bringen und es boykottieren? Die Filme Wedels sind nicht schlechter und nicht besser als zuvor. Und die Olympiamedaillen eines Toni Sailer behalten ihren Glanz, egal, was vor 44 Jahren in einem Hotelzimmer im polnischen Zakopane geschehen ist.

    Das sehen manche anders. Ihnen genügt es nicht, die gefallenen Helden am Boden zu sehen; sie wollen gleich deren Gesamtwerk unter Quarantäne stellen. Und wer nicht mitzieht, wird zur Unperson.

    Dieser Gefahr setzt sich auch aus, wer heute nur den Anfangsverdacht des Sexismus erweckt – wie der Fußballtrainer Pal Dardai aus Berlin. Der wurde – nach einem intensiven Spiel seiner Elf – mit dem Satz zitiert: „Fußball ist eben Männersport.“ Da glaubten sich einige selbst ernannte Tugendwächter schon in ihrer Sicht bestätigt, der Fußball sei durch und durch sexistisch.

    Man kann Dardais Satz natürlich so verstehen, Fußball sei nichts für Frauen. Ich lese daraus: Wenn Männer unter sich sind, geht es auf dem Platz härter und robuster zu. Aber auf die feinen Unterschiede kommt es vielen gar nicht mehr an.

    Als bei Fastnacht in Franken die Kameraden der Altneihauser Feierwehr die Ehefrau des französischen Staatspräsidenten Macron – sie ist um die 24 Jahre älter – als „gut abgehang'ne Dame“ besangen, kamen umgehend die publizistischen Tischsitten-Gouvernanten und drohten der Kapelle mit dem Schrubber. Man mag ihren Humor frech oder frivol finden. Eine Entgleisung, wie manche meinen, ist es nicht.

    Ein Gedicht – dazu noch im Karneval – ist kein feministischer Raum, sondern ein wilder Ort. Man könnte so weit gehen zu sagen: Im Gedicht darf sogar geraucht und gemordet werden, alles, was in unserer realen Welt verboten ist. Leider lehrt uns der (politische) Alltag etwas anderes.

    Der neuen Affektgesellschaft genügt es heute schon, wenn etwas mit einem Text, mit einer Weltsicht nicht stimmt – dann verschwinden Dinge ganz schnell im Staubsauger der ethischen Raumpfleger, und es duftet wieder herrlich frisch. Doch eine Gesellschaft, die sich ihrer Debattenkultur rühmt, darf sich nicht mit Verweis auf ihre politische Korrektheit zu fein sein, auch diese angefaulten und unappetitlichen Ansichten anzuhören.

    Oder sollen wir alles Reden immer auf Zimmertemperatur stellen, weil andernfalls der Firnis der Zivilisation reißt? Es gibt kein Recht auf die ungestörte Feier der eigenen moralischen Anständigkeit.

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