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    FUSSBALL

    Spielabbruch: Jetzt spricht der Schiedsrichter

    Nach dem Spielabbruch in Gülchsheim meldet sich ein Zuschauer mit seiner Version. Und noch ungewöhnlicher: Auch der Schiedsrichter äußert sich in dem schwebenden Fall.
    Wenn der Schiedsrichter (wie hier auf unserem Symbolbild) die Rote Karte zeigt, können die Gemüter schon mal hochkochen. Foto: Imago

    Am Sonntag wurde in Gülchsheim (Lkr. Neustadt an der Aisch/Bad Windsheim) ein Fußballspiel vor der Zeit beendet, abgebrochen durch den Schiedsrichter. Wir berichteten darüber. Es ist nicht einfach, in einem solchen Fall an objektive Informationen zu gelangen. Ein Reporter dieser Redaktion war nicht vor Ort – also bleiben Sekundärquellen. Anrufe bei den Beteiligten: Trainer, Spieler, Betreuer der SpVgg Gülchsheim auf der einen Seite und des SV Willanzheim auf der anderen.

    Während sich Funktionäre der SpVgg Gülchsheim – voran Trainer Tobias Schmidt – auf Anfrage nur sehr einsilbig äußerten, meldete sich am Tag nach Erscheinen des Artikels ein Leser mit seiner Sicht der Dinge. Und – noch ungewöhnlicher – auch der Schiedsrichter, der sich in ähnlich gelagerten Fällen mit Verweis auf ein schwebendes Verfahren allzu gern in Schweigen hüllt, gab sich wie ein offenes Buch.

    Mit einem Zweikampf ging alles los

    Die Szene, die am Sonntag in der 70. Minute zum Spielabbruch führte, erlebte unser Leser (Name ist der Redaktion bekannt) nach eigenen Angaben aus nächster Nähe. „Ich stand direkt daneben und habe genau gesehen, was passiert ist.“ Seine Schilderung liest sich etwas anders als jene Version, die etwa Spieler und Trainer des SV Willanzheim am Tag zuvor erzählt hatten. Unbestritten ist: Es gab einen Zweikampf. „Beide Spieler“, so beschreibt es unser Augenzeuge, „gehen auf den Ball zu. Der Gülchsheimer Spieler will ausweichen, rutscht weg.“ Dabei habe er seinen Willanzheimer Gegenspieler getroffen.

    Auch der Willanzheimer sei – gestreckten Fußes – in das Duell gegangen, habe den Gülchsheimer mit dem Fuß am Kinn erwischt und so schwer verletzt, dass jener später im Krankenhaus behandelt wurde. Minutenlang habe der Gülchsheimer am Platz gelegen und sei behandelt worden. Als er schließlich aufgestanden sei, gestützt vom Coach und vom eigenen Vater, habe der Schiedsrichter ihm die Gelb-Rote Karte vorgehalten.

    „Da hat der Spieler ihm an die Brust gelangt. Der Schiedsrichter drehte sich daraufhin um und sagte: Das Spiel ist aus.“ Alle Versuche, ihn umzustimmen und das Spiel fortzusetzen, seien gescheitert. „Seine Entscheidung stand fest.“ Fazit unseres Lesers: Der Schiedsrichter habe überreagiert. „Er hat bei jeder Kleinigkeit Gelb gezeigt.“

    Der Schiedsrichter beklagt ständige Meckereien

    Klaus Lahr hatte sich auf ein schönes Spiel gefreut. „Immerhin spielte da der Tabellenführer gegen den Tabellenvierten der Kreisklasse.“ Doch schon nach kurzer Zeit musste er feststellen, dass seine Erwartungen wohl zu hoch gegriffen waren. Statt technische Kabinettsstückchen erlebte er nach eigenen Angaben ständige Meckereien.

    Vor allem die Gülchsheimer Spieler hätten sich in der ersten Halbzeit ständig mit ihm angelegt. Er reagierte mit zwei, drei Gelben Karten, konnte das Spiel dadurch aber nicht beruhigen. Im Gegenteil: „Das hat sie noch weiter aufgebracht.“ Er hoffte, dass sich die Gemüter in der Halbzeit abkühlten.

    Lahr ist ein erfahrener Mann – mit hunderten Einsätzen und einer Reihe von Verdiensten für seine Zunft. Der Mann des TV Niederstetten war Obmann des Bezirks Hohenlohe und ist inzwischen Ehren-Obmann. Er weiß, was auf dem Platz geht und was nicht geht. Schon 2009 – damals in seiner Funktion als Bezirks-Schiedsrichterobmann – verfasste er eine Stellungnahme an das Sportgericht, in der er die Grenzen des Erlaubten eng fasste: „Wer den Schiedsrichter schlägt oder versucht ihn zu schlagen, (. . .) handelt nicht nur unsportlich, sondern auch rechtswidrig.“

    Bei den Schiedsrichtern handele es sich „nicht um Freiwild, mit dem man nahezu alles machen kann, nur weil man mit seiner Regelauslegung nicht einverstanden war . . . Allein aus dieser Tatsache heraus muss man den Anfängen wehren, und dabei spielt es nur eine sekundäre Rolle, wie stark hier der Schiedsrichter tatsächlich getroffen wurde.“

    Für den Unparteiischen ist die Sache klar

    In Gülchsheim waren am Sonntag etwa 70 Minuten absolviert, als es zu besagtem Zweikampf kam. Lahr, der nach eigenen Worten „zwei Meter daneben stand“, sagt: „Der Gülchsheimer Spieler ging mit beiden Beinen in Ball und Gegner rein – von vorne und mit Anlauf. Der Willanzheimer Spieler sprang hoch und blieb bei der Landung mit dem Fuß im Gesicht des Gülchsheimers hängen.“ Der blutete daraufhin stark am Kinn und wurde am Platz verarztet. Lahr hatte seinen Entschluss in diesem Moment bereits gefasst: „Es war klar, dass der Gülchsheimer für sein gefährliches Einsteigen Gelb-Rot bekommen würde.“

    Er wartete ab, bis der Gülchsheimer, der schon im Spiel oft „gemosert“ habe, wieder stand. Die Ampelkarte war dann das Signal, das eine Kettenreaktion in Gang setzte. Noch ehe Lahr seine Kärtchen verstaut hatte, eskalierte die Lage. „Er hat mich am Trikot gepackt, zu sich herangezogen, ich habe mich losgerissen“, berichtet Lahr. „Danach war klar: Es ist Schluss.“

    Mit Anfassen sei eine rote Linie überschritten

    Anfassen, so sagt der Unparteiische, gehe gar nicht, da sei eine rote Linie überschritten. Der Gülchsheimer Trainer habe es nicht geschafft, seine Spieler während der Halbzeitpause zu disziplinieren und zu beruhigen, „er hätte auf sie einwirken und sagen müssen: Lasst mal den Schiedsrichter in Ruhe.“ Das sei nicht geschehen. „Gülchsheim lag nur 0:1 zurück, hätte das Spiel also noch gewinnen können.“

    Für Lahr war der Spielabbruch eine Präventivmaßnahme. Er ist sich auch zwei Tage nach dem viel beachteten Vorfall sicher, „absolut richtig gehandelt“ zu haben. „Die Lage wäre sonst weiter eskaliert.“

    Der Fall bestärkt ihn in der Ansicht, dass sich Angriffe auf seine Zunft häufen. Überhaupt sei es heute doch so, dass man schneller bereit sei, mal hinzulangen, wenn man nicht Recht bekomme. Diesen Spielabbruch könne man auch als Exempel verstehen. Dabei gehe es im Fußball, noch dazu in einer Liga wie der Kreisklasse doch nicht um Leben und Tod.

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