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    Abtswind

    Der TSV Abtswind und der Fall Neunsinger

    Uwe Neunsinger ist auch in Abtswind weit über das Ziel hinausgeschossen. Foto: Hans Will

    Beim TSV Abtswind hat sich am Montagabend der dritte Trainer binnen 18 Monaten verabschiedet, und die Frage ist nun: Wussten Sie im Verein, worauf sie sich bei Uwe Neunsinger eingelassen hatten. Diese Frage kann nur mit einem klaren Jein erwidert werden. Natürlich hatten sie von den Eskapaden Neunsingers gehört, von seinem bewegten Vorleben als Fußball-Trainer und den Schwierigkeiten, die frühere Klubs mit dem als Exzentriker verschrienen Fürther hatten. Was sie nicht ahnten: dass die Eskalation so schnell voranschreiten würde.

    Ganz freisprechen von Naivität kann man den Klub nicht

    Vier Wochen, mehr Zeit gaben sie Neunsinger in Abtswind nicht – und wenn man mit Insidern spricht, darf man selbst diese Spanne für überzogen halten. Die Verantwortlichen im Verein verweisen auf eine Mitteilung von Anfang dieser Woche und wollen die Vorgänge rund um diese groteske Trainer-Personalie nicht mehr groß kommentieren. Was man verstehen kann: Sie müssten sonst offenlegen, welch zweifelhaften Quellen sie vor der Einstellung Neunsingers vertraut hatten. Die Entscheidungsträger des TSV werden das nach aller Erfahrung nicht gerne hören. Indes: Ganz freisprechen von Naivität kann man sie nicht. Weshalb sollte sich ein Mann wie Neunsinger in seinem Grundtypus noch einmal ändern? Hatten sie wirklich auf so eine Metamorphose gehofft?

    Die Situation nach der Entlassung von Mario Schindler (42) Mitte Oktober hatte rasche Reaktionen verlangt. Die Abtswinder steckten im Abstiegskampf der Bayernliga, sie brauchten einen Feuerwehrmann. Aber was sie bekamen, war – nach allem, was man hört – ein Brandstifter. Um einen Flächenbrand zu verhindern, blieb dem Verein keine andere Wahl, als Neunsinger am vergangenen Sonntag von der gerade erst übernommenen Aufgabe zu entbinden. Dafür kann man den TSV nicht kritisieren.

    Was also ist Uwe Neunsinger zum Verhängnis geworden?

    Man muss aber schon fragen nach drei Trainerentlassungen innerhalb 18 Monaten: Wie kann sich ein Verein immer wieder so täuschen in seinen sportlichen Vorbetern? Wieso tragen all die Skarabelas, Schindlers und Neunsingers ein so frühes Verfallsdatum? Mit den normalen Abnutzungsprozessen, wie sie zwischen Trainer und Mannschaft entstehen, kann das ja nichts zu tun haben. Was also ist Uwe Neunsinger, dem bisher letzten Trainer in dieser Reihe, zum Verhängnis geworden?

    Die Verantwortlichen des TSV mochten sich dazu auf Nachfragenicht groß einlassen. Manager Christoph Mix verwies auf die Anfang der Woche versandte Stellungnahme, in der eher vage von unterschiedlichen Vorstellungen die Rede ist. Ansonsten verlief das Telefonat mit dem Abtswinder Firmen-Patriarchen (Kräuter-Mix) nur wenig erhellend: Man stritt sich einmal mehr um einzelne Formulierungen und Begrifflichkeiten, benannte gegenseitig (anonyme) Kronzeugen zur Stärkung der eigenen Propaganda – und verlor sich in Details.

    Thorsten Götzelmann will den Abtswindern in den drei Spielen bis zur Winterpause wieder Selbstvertrauen geben. Neunsinger habe ihnen dieses Selbstvertrauen nicht gegeben. Foto: Andreas Stöckinger

    Auch Sportleiter Thorsten Götzelmann mochte wenig sagen, was über die Version der Mitteilung hinausgegangen wäre. Er ist der Mann, der in den drei Spielen bis zur Winterpause als Interimstrainer das Bestmögliche aus der Mannschaft herausholen soll, und natürlich kann er da keine weitere Unruhe brauchen. Sein Blick geht nach vorn, nicht zurück. Auf Fußball wolle man sich wieder konzentrieren.

    Dann aber sagt er doch noch etwas, was zum Kern des Problems weist. Er glaube fest daran, dass Abtswinds Kader für die Bayernliga tauge – und er glaube auch, dass der Erfolg zum TSV zurückkommen werde, „wenn wir es schaffen, den Jungs Selbstvertrauen zu geben. Uwe Neunsinger hat ihnen dieses Selbstvertrauen nicht mehr gegeben.“

    Der Trainer hat die Spieler provoziert und gedemütigt

    Schon nach außen hin war Neunsinger wie ein Wüterich aufgetreten. Am Platz tobte er, nach Spielen setzte er zu Rundumschlägen an. Statt seine Mannschaft für manche Fortschritte zu loben – und sei es nur für ihre verbesserte Ergebniskurve – sprach er ihr nach zwei glanzlosen Siegen in den ersten beiden Spielen unter seiner Regie die Bayernliga-Tauglichkeit ab. Jeder Trainer hat seine Methoden, und wohlwollend kann man Neunsingers Idee als antizyklisches Motivierungsmodell sehen, also: im Erfolg die Peitsche, bei Misserfolg Zuckerbrot.

    Egal, mit wem man redet: Die sportlichen Kompetenzen dieses Trainers werden denn auch gar nicht bestritten. Aber das macht Neunsingers Fall umso tragischer: dass er sich mit seinen zwischenmenschlichen Schwächen und Verfehlungen immer wieder selbst im Weg steht.

    Neunsinger schoss – auch in Abtswind – regelmäßig übers Ziel hinaus. Er sah seine Motivationsstrategie darin, die Spieler bis zum Äußersten zu provozieren, einige sagen: zu demütigen. Mit einzelnen Spielern wollte er offenbar gar nicht mehr arbeiten, sie aus dem Kader werfen und im Winter neue installieren. Dazu wird es nicht mehr kommen. Auf Nachfrage bleibt Neunsinger schmallippig. „Ich habe dazu nichts mehr zu sagen“, erklärt er am Telefon.

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