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    SCHACH

    „Fehlerfrei, risikolos – das ist langweilig“

    Schachweltmeisterschaft in London       -  Zwölf Mal gaben sich Schachweltmeister Magnus Carlsen (links am Tisch) und sein Herausforderer Fabiano Caruana vor Beginn des Spiels die Hand. Einen Sieger gab es erst später im Stechen.
    Zwölf Mal gaben sich Schachweltmeister Magnus Carlsen (links am Tisch) und sein Herausforderer Fabiano Caruana vor Beginn des Spiels die Hand. Einen Sieger gab es erst später im Stechen. Foto: Dominic Lipinski, dpa

    Diese Schach-WM war so zäh wie ein politischer Gipfel. Um jede Lösung wurde aufwändig gerungen, und am Ende stand doch wieder nur ein Kompromiss. Zwölf Mal ging das so in den letzten drei Wochen. Zwölf Mal verständigten sich der Norweger Magnus Carlsen und der Amerikaner Fabiano Caruana auf ein Remis. Erst in einer Art Nachverhandlung hatte Carlsen ein Ergebnis erzwungen: Der 28-Jährige bleibt nach drei Siegen in einer Schnellschachrunde der Weltmeister. Thomas Steinhauser hat fast alle Partien von London verfolgt. Der 39-Jährige spielt seit 1998 für den SC Prichsenstadt Schach im Verein, interessiert sich aber schon deutlich länger für dieses Spiel. Sprechen wir mit ihm über eine der ungewöhnlichsten Schachweltmeisterschaften der Neuzeit.

    Frage: Zwölf Mal Remis in den klassischen Partien, die Entscheidung erst im Tie-Break: Haben Sie so eine WM schon mal erlebt?

    Thomas Steinhauser: Nein, so was gab es noch nie.

    Hätten Sie einen deutlicheren Verlauf erwartet?

    Steinhauser: Ich habe das schon so befürchtet.

    Befürchtet, wieso?

    Steinhauser: Weil Carlsen schon in den letzten Jahren so kraftlos gespielt hat. Er macht halt keine Fehler, auch Caruana macht kaum Fehler. Aber da ist keiner, der mit dem großen Überraschungsmoment aufwartet. Daher hat sich so ein Verlauf abgezeichnet. Carlsen wurde mal gefragt, welchen Schachspieler in der Geschichte er bewundere . . .

    . . . woraufhin er sagte: „Mich selbst, vor drei, vier Jahren“ . . .

    Steinhauser: Ja, damals gewann er von zehn Spielen sieben – das ist auf höchstem Niveau natürlich sensationell. Zuletzt aber waren es bei zehn Spielen vielleicht noch ein oder zwei Siege.

    Liegt das an einer gewissen Saturiertheit des Weltmeisters? Fehlt da dieser letzte Biss?

    Steinhauser: Sicherlich. Ohne gewissen Grundehrgeiz kann man sich nicht an der Weltspitze halten. Andererseits war der Gegner halt auch sehr gut.

    Wussten Sie denn am Montag nach der zwölften Partie gleich, was passiert war? Einige waren erst einmal perplex, nachdem Caruana Carlsen die Hand gereicht hatte. Sie dachten: Okay, der Herausforderer hat aufgegeben.

    Steinhauser: Nein, mir war das klar, dass sie sich da auf Remis verständigt hatten.

    Waren Sie nicht überrascht von Carlsen? Es schien doch seine Stunde: Sein Springer hätte jederzeit Caruanas König unter Druck setzen können. Caruanas Springer standen im Abseits, seine Läufer waren wirkungslos, seine Türme harmonierten nicht. Und er hatte kaum noch Bedenkzeit.

    Steinhauser: Ja, wenn es so einfach gewesen wäre.

    War es nicht?

    Steinhauser: Dann hätte es Carlsen sicherlich zu Ende gebracht. In dieser Situation verlässt man sich als Beobachter auf den Computer, der zu dem Schluss kam, dass Carlsen 0,5 Bauern besser stand. Gut, das ist ein leichter Vorteil, aber immer noch im Bereich des Remis. Diese kleinen Unterschiede sind technisch sehr schwer zu verwerten.

    Sie würden nicht sagen, der Weltmeister hat dem Herausforderer in deutlich besserer Stellung und dazu ohne Not Remis angeboten?

    Steinhauser: Es war eine leicht bessere Stellung, aber gewiss nichts Elementares.

    Einige Experten fragten sich: Seit wann verteilt Carlsen Geschenke? 48 Stunden zuvor hatte er seinen Gegner noch durch ein kaum zu gewinnendes Bauern-Endspiel gehetzt.

    Steinhauser: Gut, viele sahen Carlsen im Vorteil. Auch ich habe mir die Stellung angeschaut. So leicht sah es nicht aus, sonst hätte er wohl kein Remis angeboten. Er will ja Weltmeister bleiben.

    Könnte das nicht Kalkül von Carlsen gewesen sein, weil er wusste, er würde Caruana beim Schnellschach gnadenlos vor sich hertreiben?

    Steinhauser: Möglich. Es ist immer eine Risikoabwägung. Da unterscheidet sich eine WM nicht von unserer Stadtmeisterschaft. Sind zwei Gegner punktgleich, kommt es zum Blitzentscheid – und jeder weiß, wer der bessere Blitzer ist.

    Bei Blitzpartien bleibt jedem Spieler fünf Minuten Bedenkzeit, viel weniger als die 25 Minuten bei Begegnungen im Schnellschach.

    Steinhauser: Ja, in diesem Rahmen bewegt es sich.

    Ist Schnellschach wie Elfmeterschießen beim Fußball, wo vieles von Zufall und Glück abhängt, oder steckt da mehr dahinter?

    Steinhauser: Man kann das ansatzweise vergleichen. Intuition spielt in diesem Fall eine noch größere Rolle als in den klassischen Partien. Caruana ist ein nüchterner Kalkulator, der sich hinsetzt und das Spiel berechnet. Das kann man aber nicht in einer so begrenzten Zeitspanne. Da zeigt sich eher das Naturtalent, das ein Spieler hat. In normalen Partien kann man sich Schach erarbeiten durch intensives Nachdenken. Im Schnell- oder Blitzschach braucht man Talent und Erfahrung.

    „Typen, die auch mal anecken, sehe ich heute nicht.“
    Thomas Steinhauser über die aktuelle Spielergeneration

    Zeigt sich in derlei Situation dann nicht das wahre Genie?

    Steinhauser: (überlegt lang) So würde ich es nicht sehen. Schach ist ein Spiel, in dem man fehlerfrei bleiben sollte. Das ist der Anspruch und das Ziel, aber in relativ kurzer Zeit ist das kaum möglich. Und deshalb ist Blitzschach – manche sagen: ein bisschen Spielerei. Die langen Partien sind das wahre, klassische Schach. Da geht es in die Tiefe.

    Diese WM gliedert sich in zwei Teile, die zwei Schlüsse zulassen. Man könnte sagen, Carlsen ist mit dem Schrecken davongekommen. Oder: Er hat im Schnellschach seine ganze Macht und Überlegenheit demonstriert. Zu welcher Sicht neigen Sie?

    Steinhauser: Ich habe die Entscheidung im Internet verfolgt, und es war klar, dass Caruana nach seiner ersten Niederlage unter Zugzwang war. Dass er so deutlich verlieren würde, hätte ich nicht erwartet. Caruana ist auch kein Blinder.

    Trotzdem: Es ist noch nicht lange her, da umgab Carlsen noch die Aura des Vollstreckers. „Der presst Steine aus, wenn er auf einen Tropfen hofft“, war über ihn zu lesen. Ein Carlsen schiebt kein Remis. Jetzt wirkt er müde.

    Steinhauser: Vielleicht fehlt ihm ja etwas die Kraft. Andererseits wird er natürlich auch von jedem gejagt. Die anderen konnten sich auf sein Spiel einstellen und ihn analysieren. Von der Spielstärke sind die nicht so weit weg. Er hatte früher Stellungen, von denen es hieß: Da geht nichts mehr. Aber Carlsen entdeckte noch irgendeine Feinheit und stellte eine Falle, in die seine Gegner hineingetappt sind. Jetzt passiert ihnen das nicht mehr so leicht.

    Nie ist eine Schach-WM so zäh gelaufen wie diese. Kein Risiko, nicht der Ansatz von Spektakel . . .

    Steinhauser: Das Spektakel ist weniger geworden, ja.

    Früher spielte man schon mal auf dem Dach des World Trade Center, man trug gerne politische Stellvertreterkriege aus. Heute begegnen sich zwei pragmatische Repräsentanten ihres Sports hinter einer Glasscheibe – ohne Kontakt zur Außenwelt. Ist dieser Rückzug die Chance, dass der Kern des Spiels wieder stärker in den Fokus rückt – oder braucht es im Schach diese Eventisierung, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

    Steinhauser: Ich habe mich dieser Tage mit einem Freund unterhalten, der meinte: Das war eine tolle Weltmeisterschaft auf hohem Niveau und ohne Fehler. Ich sehe das anders. Für mich ist es langweilig. Die Spielweise der jungen Spieler der Weltspitze nähert sich sukzessive dem Computer an, ohne jemals den Computer zu erreichen. Das ist Technokratenschach; eine fehlerfreie, risikolose Spielweise, mit der die Gegner sich letztlich neutralisieren.

    Geht dem Schachsport damit das Charismatische verloren?

    Steinhauser: Ja, das könnte man so sagen.

    Auch Caruana war als Gestalt ziemlich blass.

    Steinhauser: Ja, der Rockstar unter den Schachspielern ist er jedenfalls nicht.

    Muss man heute so angepasst und wohl geschliffen sein, um in der Gesellschaft nicht anzuecken?

    Steinhauser: Das spielt schon eine Rolle. Schauen Sie sich die Fußballer an: Die geben Interviews, mit denen sie in den diplomatischen Dienst aufgenommen werden könnten. Typen, die auch mal anecken, sehe ich heute nicht. Der Gegenpol dazu im Schach war Bobby Fischer. Der sorgte für Aufregung, der polarisierte, rief Bewunderung und Ablehnung hervor. Das macht doch einen Charakter erst aus und trägt dazu bei, Emotionen zu wecken.

    Wieviel Zeit geben Sie Carlsen noch, bis er entthront wird?

    Steinhauser: Ach, das ist schwer zu sagen. Vielleicht schafft er es bei der nächsten WM noch einmal. Es kommen zwar ein paar Spieler nach, aber ein Überflieger ist nicht darunter. In einigen Jahren könnte es mal wieder ein Deutscher bis an die Weltspitze schaffen: Vincent Keymer. Er hat mit 14 Jahren schon zwei Weltklasseleute geschlagen. Vor ein paar Wochen besiegte er Boris Gelfand, der schon mal im Kandidatenkreis der Herausforderer um die WM-Krone war. Für einen 14-Jährigen ist das schon wirklich beachtlich.

    Thomas Steinhauser
    Thomas Steinhauser Foto: Stöckinger

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